Den grie­chi­schen Mathe­ma­tiker Archi­medes ereilte vor 2000 Jahren in der Bade­wanne die Erleuch­tung; der nie­der­län­di­sche Fuß­baller Robin van Persie dagegen erkannte vor drei Jahren in einem Nord­lon­doner Jacuzzi die Wahr­heit. Sie hörte auf den Namen Dennis Berg­kamp. Ich konnte aus dem Fenster sehen, wie er nach dem Mann­schafts­trai­ning vom FC Arsenal noch alleine weiter übte“, erin­nert sich van Persie. 45 Minuten lang hat er keinen ein­zigen Fehler gemacht, obwohl nie­mand zusah. Er wollte es per­fekt machen, nur für sich selbst. Ich wusste, so will ich auch sein. Als Jugend­li­cher suchst du nach Ant­worten. Manchmal kommen sie ohne Worte.“

Bester Kumpel des 30 Jahre älteren Haus­meis­ters

Van Persie, der Sohn eines Rot­ter­damer Künst­ler­paars, war 2004 als neuer Berg­kamp“ von Feye­noord zum FC Arsenal gewech­selt. Johan Cruyff betrach­tete ihn, noch vor Arjen Robben, als talen­tier­testen Spieler seiner Genera­tion. Trotzdem kos­tete er nur vier Mil­lionen Euro, denn van Persie galt als arro­gant, ver­wöhnt, trai­nings­faul. In einem Liga­spiel gegen den RKC Waal­wijk hatte er unge­fragt einen Frei­stoß geschossen, den sich der Start­stürmer Pierre van Hooij­donk zurecht gelegt hatte. Sein dama­liger Trainer Bert van Mar­wijk ver­suchte immer wieder erfolglos, den Jungen zu dis­zi­pli­nieren. Schon in der Schule war er oft aus den Klas­sen­zim­mern geflogen und hatte so viel Zeit auf den Gängen ver­bracht, dass er zum besten Kumpel des 30 Jahre älteren Haus­meis­ters geworden war.

Anstän­dige Leis­tungen brachten ihn in London nach ein paar Monaten einen Start­platz ein, doch als er im Oktober 2005 nach zwei dummen Fouls in Sout­hampton vom Platz flog und Arsenal dadurch verlor, lan­dete er wieder auf der Bank. Anders als der schroffe van Mar­wijk ver­suchte es Arsenal-Trainer Arsène Wenger mit sub­tiler Päd­agogik. Er wurde nicht laut“, sagte van Persie nach seinem Platz­ver­weis, er stellte mir nur eine Frage: Was musst du tun, um ganz nach oben zu kommen?“ Van Persie ver­stand. Von Berg­kamp, dem wort­kargen, zutiefst seriösen Fuß­ball­cal­vi­nisten, lernte er, ein pro­fes­sio­nelles Leben zu führen. Dia­man­ten­klunker und Pla­tin­ketten ver­schwanden im Safe. Dafür begann er, wie ein Extre­mist“ an sich selbst zu arbeiten.

Packende Tisch­tennis-Duelle mit Marco van Basten

Er ließ sich ein Dos­sier von Wen­gers Com­pu­ter­spe­zia­listen zusam­men­stellen und wer­tete seine Lauf­wege aus. Mit Spe­zia­listen in Rot­terdam trai­niert er an freien Tagen Schnel­lig­keit und Aus­dauer. Sein Ober­körper wurde mit den Jahren immer breiter, doch seine Fähig­keiten am Ball, die er auf den Straßen von Kral­ingen, dem Rot­ter­damer Ein­wan­de­rer­viertel, gelernt hatte, litten nicht dar­unter. Die anderen Kinder nannten ihn damals den Hol­länder“ – er war das ein­zige weiße Gesicht unter Marok­ka­nern und Jungs aus Surinam. Schon mit 20 hei­ra­tete er seine Freundin Bouchra. Ihre marok­ka­ni­sche Familie erlaubte keine außer­ehe­li­chen Bezie­hungen.

Zwei Wochen Unter­su­chungs­haft nach einer Anzeige wegen Ver­ge­wal­ti­gung – die Unter­su­chungen wurden ein­ge­stellt – haben ihm vor zwei Jahren die letzten Spe­renz­chen aus­ge­trieben. Neben dem Fuß­ball hat er jetzt nur noch für ein harm­loses Hobby Zeit: Mit Trainer Marco van Basten lie­fert er sich im Mann­schafts­hotel packende Tisch­tennis-Duelle. Wir wollen beide um jeden Preis gewinnen“, sagt er. Bei diesem Hol­land dreht sich anschei­nend alles um Ergeb­nisse. Selbst beim Ping-Pong.

Siegen will van Persie auch bei der EM, um genau zu sein, noch dreimal: Wir haben ein Signal gesetzt, aber das ist nur ein Teil des Traums.“ Er hat Erfah­rung damit, nach einem sen­sa­tio­nellen Auf­takt und fan­tas­ti­schen Fuß­ball am Ende mit leeren Händen dazu­stehen – so erging es seinem Verein in der abge­lau­fenen Saison.

Ich habe das Gefühl, dass wir unschlagbar sind“

Gegen Russ­land muss die nie­der­län­di­sche Natio­nal­mann­schaft am Sonn­abend zeigen, dass sie ihre besten Spiele nicht schon zu früh gemacht hat. Van Persie, der pro­blemlos Mit­tel­stürmer, Flü­gel­flitzer und alles dazwi­schen spielen kann, ist zum Glück der lebende Gegen­be­weis dieser These: Er findet nach vielen Ver­let­zungen ja erst langsam ins Tur­nier. Gegen Ita­lien war er noch nicht richtig fit und kam 20 Minuten vor Schluss in die Partie. Im zweiten Spiel schoss er kurz nach seiner Ein­wechs­lung zur Pause das vor­ent­schei­dende 2:0 gegen die Fran­zosen. Und gegen Rumä­nien durfte er erst­mals seit langer Zeit 90 Minuten spielen. Er traf wieder, zum späten 2:0. Ich habe das Gefühl, dass hier etwas Wun­der­bares pas­siert und wir unschlagbar sind“, sagte er hin­terher.

Im nie­der­län­di­schen Lager ist es ein offenes Geheimnis, dass van Bas­tens Lieb­lings­sturm aus Ruud van Nistel­rooy, Wesley Sneijder, Rafael van der Vaart und van Persie besteht. Frag­lich ist nur, was die Russen mehr erschre­cken wird: den schuss­starken Linksfuß in der Start­for­ma­tion zu sehen oder als fri­schen Ent­schei­dungs­spieler nach der Pause? In Basel dürfte Marco van Bas­tens beste Ant­wort van Persie und dessen variable Spiel­weise in der Offen­sive sein. Egal, wie die Frage lautet.