Tor­wart: Andreas Köpke
Sechs Abstiege stehen in der Vita des Euro­pa­meis­ters von 1996, und gemessen an der Klasse Köpkes ist das eine him­mel­schrei­ende kos­mi­sche Unge­rech­tig­keit. Ande­rer­seits setzt sich Köpke durch diese ihm eigene Tragik auch von den Gegen­spieler fres­senden, Titel hams­ternden Kahns oder aal­glatten, Sof­terotik schrei­benden Ill­g­ners seiner Ära ab. Wobei ich, wäh­rend ich dies schreibe, fast wieder ein wenig zu Bodo Ill­gner ten­diere, schließ­lich erfor­dert es eine ganz beson­dere Art von Chuzpe, als Fuß­ball­profi schlüpf­rige Blitz-Illu-Sätze über Glieder und Banan­eng­schmack-Gummis zu schreiben. Heut­zu­tage ja leider undenkbar. Also über­denke ich die Tor­hü­ter­po­si­tion noch mal und blät­tere ein wenig in Alles – ein fik­tiver Tat­sa­chen­roman“, aus, äh, Recher­che­gründen.

Innen­ver­tei­diger: Dirk Schuster
Es muss Mitte der Neun­ziger gewesen sein, als mir Dirk Schuster zeigte, dass eine saf­tige Grät­sche ebenso wun­der­schön sein kann wie ein Tor. Schuster stand in Diensten des Karls­ruher SC und der Regen hatte das Feld zu einer großen Lache ver­wan­delt, in der das Spiel vor sich hin­plät­scherte. Irgend­wann kam ein Gegen­spieler an der Sei­ten­linie an den Ball, etwa auf Höhe der Mit­tel­linie, also in jenem Bereich des Feldes, in dem eine Grät­sche schon per se eine Gelbe Karte nach sich ziehen müsste. Schuster aber genoss das alles so sehr, den regen­nassen Platz, das graue Liga­mit­tel­feld, Grät­schen ja eh, dass er mit gefühlten vierzig Metern Anlauf eine derart kom­pro­miss­lose Blut­grät­sche in die Gräue dieses tristen Bun­des­li­g­a­na­ch­mit­tags senste, dass der Schiri, der mit empörter Mine über den Platz sprin­tete, schon 50 Meter von Schuster ent­fernt auf­ge­bracht mit der Roten Karte wedelte. Schuster war min­des­tens zehn Meter durch eine Pfütze gerutscht, hatte beide Beine knapp zehn Zen­ti­meter vom Boden ange­hoben und die Arme ange­win­kelt, als würde er auf einem ima­gi­nären Schlitten sitzen. Wer der bemit­lei­dens­werte Gegen­spieler damals war, weiß ich leider nicht mehr, aber ich gehe davon aus, dass er von Schuster ohnehin durch die Rea­lität hin­durch in eine Par­al­lel­di­men­sion getreten wurde. Jahre später, als es bei uns zuhause end­lich Internet gab, war ein Video der Schuster-Grät­sche mit das erste, was ich suchte, leider erfolglos, doch bis heute reden ich und mein Bruder ab und an von ihr.

Linker Ver­tei­diger: Andreas Brehme
Vor Andreas Brehmes Final-Elf­meter war Fuß­ball für mich eine lus­tige Ansamm­lung bunter Punkte in unserem kleinen Röh­ren­fern­seher gewesen, die wirr durch­ein­an­der­wu­selten, den Froot­loops in der Schale Milch, mit der ich mich davor plat­zierte, nicht unähn­lich. Nach Andreas Brehmes Final-Elf­meter, als sich auf dem Mels­unger Markt­platz eine jubelnde Men­schen­menge in den Armen lag und ich mit strah­lenden Augen die Hupe unseres Autos im Auto­korso drü­cken durfte, war Fuß­ball immer noch ein ziem­lich wirres, buntes Gewusel, aber immerhin däm­merte mir die Bedeut­sam­keit des Ganzen, und die emo­tio­nale Kraft, mit der dieser Sport Men­schen zusam­men­bringen kann. Schnüff.

Rechter Ver­tei­diger: Sergej Gor­lu­ko­witsch
Dabei war mir jedoch stets bewusst, dass Fuß­ball auch häss­lich sein kann. Sergej Gor­lu­ko­witsch brachte mir diese Lek­tion bei, ein kno­chen­harter Ver­tei­diger, der zu Beginn der Neun­ziger durch die Straf­räume der Liga buckelte, immer auf der Jagd nach einem wei­teren Sprung­ge­lenk für seine Wohn­zim­mer­vi­trine. Gor­lu­ko­witsch erin­nerte mich an den Glöckner von Notre Dame, vor dem ich Angst hatte, und sein Name klang schon so, als würde man sich beim Zahn­arzt am Bohrer des Dok­tors ver­schlu­cken. Er stand für alles, was an diesem Spiel unschön ist. Aber das gehört eben auch dazu.

Zen­trales Mit­tel­feld: Eric Can­tona
Eric Can­tona steht nicht etwa wegen seiner unbe­streit­baren fuß­bal­le­ri­schen Klasse hier, viel­mehr wegen seiner unglaub­lich boss­haften Aus­strah­lung, seiner Aura, die man selbst am anderen Ende einer Fern­seh­über­tra­gung viele hun­dert Kilo­meter ent­fernt noch spüren konnte. Wobei es bezüg­lich seiner fuß­bal­le­ri­schen Klasse und seiner Aus­strah­lung sicher­lich eine Wech­sel­wir­kung gab, die ihn erst zu der domi­nanten Figur gemacht hat, die er im eng­li­schen Fuß­ball über Jahre war. Sein Tor gegen Sun­der­land ist dabei das per­fekte Bei­spiel. Mit Wucht bis zum Straf­raum durch­do­mi­nieren, dann den Ball per­fekt in den Winkel heben, um anschlie­ßend, ganz der Boss, im Jubel zur eigenen Statue zu werden. Von allen Spie­lern in dieser Liste tut es mir am meisten um Can­tona weh, dass ich ihn nie habe live spielen sehen, denn wahr­schein­lich ist mir eine Gän­se­haut von Tantra-Aus­maßen durch die Lappen gegangen. Jetzt muss ich ersatz­weise alle seine Filme gucken. Auch gut.

Offen­sives Mitt­feld: Ronald­inho
Wie viele Ober­schen­kel­kno­chen bei dem Ver­such, Ronald­inhos Stan­dard-Trick nach­zu­ahmen, auf inter­na­tio­nalen Bolz­plätzen schon aus ihren Gelenk­pfannen geplatzt sind, wird wohl unge­klärt bleiben. Alleine der Gedanke daran, in vollem Lauf den Ball in einer Bewe­gung auf dem Fuß erst nach rechts, dann nach links zu bewegen, lässt mich stol­pern, selbst wenn ich sitze. Leider war Ronald­inho seit der Mitte seiner Zwan­ziger eher dem gepflegten Knei­pen­sport zugetan, seine drei, vier Jahre im Trikot des FC Bar­ce­lona aber, in denen er klar der beste Spieler der Welt war, bleiben unver­gessen. Und für ehr­lich aus­ge­übten Knei­pen­sport muss sich ja auch nie­mand schämen.