Marvin Knoll ist dieser Tage nicht zu beneiden. Seine Team­kol­legen eilen beim FC St. Pauli von Sieg zu Sieg, führen die Rück­run­den­ta­belle der zweiten Liga an und feiern die Stadt­meis­ter­schaft gegen den Ham­burger SV. Für den Defensiv-All­rounder enden Arbeits­wo­chen hin­gegen der­zeit mit der Kader­no­mi­nie­rung, bei der er keine Berück­sich­ti­gung mehr findet. Und den­noch ist Knoll wahr­schein­lich die ent­schei­dende Figur, wenn es darum geht, den Auf­schwung des Kiez­klubs zu erklären.

Der beginnt Anfang Januar beim Nach­hol­spiel gegen die Würz­burger Kickers. St. Pauli befindet sich tief im Abstiegs­sumpf und reist nach schlechter Leis­tung gegen Greu­ther Fürth an einem Diens­tag­abend in die Fly­eralarm-Arena. Ein Sieg ist Pflicht, da der Auf­steiger zu diesem Zeit­punkt als ein­ziges Team der Liga noch weniger Zähler auf dem Punk­te­konto ver­bucht als die Ham­burger.

Sinn­bild für eine ver­korkste Saison?

Für Kapitän Knoll geht das Spiel denkbar schlecht los. Er ver­ur­sacht in der Anfangs­phase durch schwa­ches Abwehr­ver­halten einen Foul­elf­meter und sieht dazu die gelbe Karte. Würz­burg ver­wan­delt den Straf­stoß zur Füh­rung und ist auch in der Folge das bes­sere Team.

Kurz vor der Halb­zeit rauscht Marvin Knoll beim Ver­such, ein schlechtes Anspiel zu errei­chen, in seinen Gegen­spieler und unter­bindet mit einem Foul den dro­henden Konter. Die Gelb-Rote Karte und damit ver­bun­denen 50 Minuten Unter­zahl sind die logi­sche Folge dieser unglück­li­chen Aktion, die sinn­bild­lich für den abso­luten Tief­punkt einer ver­korksten Saison zu stehen scheint.

Tur­bu­lente Wochen

Doch mit Beginn der zweiten Halb­zeit pas­siert Bemer­kens­wer­teres: St. Pauli kommt wie aus­ge­wech­selt aus der Kabine, schießt den umju­belten Aus­gleich und nimmt ver­dient einen Punkt mit. Der ein­ge­wech­selte Omar Mar­moush, erst am Tag zuvor vom VfL Wolfs­burg aus­ge­liehen, deutet zudem bereits mit nur wenigen Aktionen an, welch großen Ein­fluss er auf die Offen­sive des Kiez­clubs nehmen kann.

Es folgen tur­bu­lente Wochen am Mil­l­erntor. Sport­chef Andreas Bor­n­e­mann nimmt Kor­rek­turen am großen Umbruch der Som­mer­trans­fer­pe­riode vor und ver­pflichtet nach Mar­moush drei wei­tere Spieler. Eric Smith vom KRC Genk soll mit seiner Pass­stärke und Physis die Schwach­stelle im defen­siven Mit­tel­feld beheben. Tore Regi­ni­ussen, Ex-Kapitän von Rosen­borg Trond­heim, ist als Sta­bi­li­sator für die wack­lige Defen­sive ein­ge­plant. Zudem wird mit Dejan Sto­ja­novic ein Tor­wart vom FC Midd­les­b­rough aus­ge­liehen, was zu der viel dis­ku­tierten Tren­nung vom lang­jäh­rigen Stamm­keeper und Publi­kums­lieb­ling Robin Him­mel­mann führt.

Der in Fan­kreisen bereits ange­zählte Trainer Timo Schulz stellt zudem das Spiel­system auf ein 4−4−2 mit Raute um und findet damit scheinbar nach einem halben Jahr Anlauf die per­fekte For­ma­tion für seine Mann­schaft. Mit Eigen­ge­wächs Finn-Ole Becker und Rodrigo Zalazar (aus­ge­liehen von Ein­tracht Frank­furt) besetzen zwei drib­bel­starke Spieler mit erstaun­li­chen Defen­siv­qua­li­täten die Halb­po­si­tionen der Raute. Im offen­siven Mit­tel­feld sam­melt Daniel-Kofi Kyereh Scor­er­punkte am lau­fenden Band und als Dop­pel­spitze ergänzen sich der quir­lige Omar Mar­moush und Tor­jäger Guido Burg­staller außer­or­dent­lich gut.

Apropos Guido Burg­staller. Der im Sommer von Schalke 04 als Königs­transfer ver­pflich­tete Mit­tel­stürmer erlitt in seinem zweiten Spiel gegen Ex-Club Nürn­berg eine kom­pli­zierte Bauch­ver­let­zung, die ihn für fast drei Monate außer Gefecht setzte. Seit seinem Come­back Mitte Januar befindet sich der Öster­rei­cher in bestechender Form und erzielte in den ver­gan­genen neun Spielen acht, teils wun­der­schöne, Tore. Zudem ver­kör­pert er den Sie­ges­willen, der in engen Spielen nun immer öfter das Pendel in Rich­tung St. Pauli aus­schlagen lässt.

Die Schach­züge gehen auf

Nach drei guten Spielen gegen Han­nover, Regens­burg und Bochum trifft Timo Schulz eine wei­tere bemer­kens­werte Ent­schei­dung. Rico Bena­telli, Tor­schütze des Würz­burg-Spiels und einer der wenigen Leis­tungs­träger der Hin­runde, muss für Neu­zu­gang Eric Smith aus der ersten Elf wei­chen. Und auch dieser Schachzug geht auf. Smith sta­bi­li­siert mit seiner Ball­si­cher­heit die wacke­lige Defen­sive und unter­bindet mit klugen Ball­ge­winnen viele Umschalt­ak­tionen der geg­ne­ri­schen Mann­schaft.

Für Marvin Knoll stellt sich die Situa­tion noch ver­zwickter dar. Philipp Ziereis und James Law­rence, seines Zei­chens wali­si­scher Natio­nal­spieler, har­mo­nieren als neues Pär­chen in der Innen­ver­tei­di­gung. Mit Daniel Buballa und Tore Regi­ni­ussen sind gute Alter­na­tiven vor­handen. Zudem hat Som­mer­neu­zu­gang Afeez Aremu seine großen Anlauf­schwie­rig­keiten über­wunden und drängt als Back-Up für das defen­sive Mit­tel­feld ins Auf­gebot. Für Knoll ist dort schlichtweg kein Platz mehr.

Doch ohne ihn läuft es eben: Nach sechs Spielen steht der FC St. Pauli mit 15 Punkten auf dem ersten Platz der Rück­run­den­ta­belle. Der Blick in die Sta­tis­tiken belegt, dass dies kein Zufall ist. Denn laut Expected Goals stellen die Kiez­ki­cker der­zeit die beste Offen­sive der Liga. Und auch die Defen­sive prä­sen­tiert sich bei nur vier Gegen­toren aus in den letzten vier Spielen in auf­stei­gender Form.

Zu den Abstiegs­rängen besteht inzwi­schen ein kom­for­ta­bler Abstand und die Stadt­meis­ter­schaft gegen den unge­liebten Nach­barn vom Ham­burger SV ist erfolg­reich ver­tei­digt. Die sport­liche Lei­tung ist so zum ersten Mal seit einigen Spiel­zeiten in der kom­for­ta­blen Posi­tion, bereits im Früh­jahr die kom­mende Saison planen zu können. Klubs wie Bie­le­feld in der ver­gan­genen Saison oder der VfL Bochum in der aktu­ellen Spiel­zeit haben vor­ge­macht, was mit einer ein­ge­spielten Mann­schaft und früh­zei­tiger Pla­nungs­si­cher­heit mög­lich ist.

Und Marvin Knoll? Den prä­sen­tierte der Klub zuletzt als neuen Bot­schafter bei den Rabauken, der ver­eins­ei­genen Fuß­ball­schule. Eine bemer­kens­werte Ent­schei­dung, die seine Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Verein auch in einer für ihn per­sön­lich schwie­rigen Situa­tion unter­streicht. Und wer weiß, wie schnell diese Qua­li­täten auch wieder auf dem Platz gefragt sind.

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