1. Die Zufüh­rung
Der natür­liche Feind des Feld­re­por­ters sind nicht die Kol­legen, son­dern die Dusche. Denn bis auf ein paar noto­ri­sche Quas­sel­strippen wollen die Spieler nach neunzig Minuten Gerenne und Gegrät­sche ein­fach nur in die Kabine. Also ver­su­chen sie sich nach dem Schluss­pfiff im Getümmel in Rich­tung Kata­komben feige davon zu stehlen. Um so ent­schie­dener müssen die gewünschten Gesprächs­partner auf dem Platz abge­griffen und mit sanfter Gewalt dem Inter­view­tisch zuge­führt werden. Zeigen sich die aus­ge­wählten Spieler noto­risch unwillig, hilft not­falls auch der dezent ins Ohr gezischte Hin­weis, andern­falls noch einmal in Super­zeit­lupe den kapi­talen Bock ein­zu­spielen, der in der ersten Halb­zeit zum Füh­rungs­treffer des Geg­ners geführt hat und die Szene bei Sky90“ oder im Dop­pel­pass“ zum Schwer­punkt­thema zu machen. Anschlie­ßend sind die Spieler erfah­rungs­gemäß auch zu mehr­stün­digen Dreh­ar­beiten im Außen­be­reich bereit. Aber man kann natür­lich auch mal Pech haben. Nicht aus­zu­schlie­ßend, dass das 18-jäh­rige Talent Mit­ar­beiter und Publikum des Sen­ders in den Sekun­den­schlaf nuschelt, anstatt wie vor­ge­sehen sein Tor in der letzten Minute noch einmal lebendig nach­zu­er­zählen.

2. Die Pfer­de­decke
Der Spieler, der schnau­fend und damp­fend vom Spiel­feld zum Inter­view kommt, ist nur auf den ersten Blick schon bereit für ein Gespräch. Nein, er muss erst Demut lernen, muss domes­ti­ziert, gebeugt und gebro­chen werden. Des­halb wird er zunächst ver­schwitzt im nassen Trikot in der Kälte stehen gelassen. Gerne darf ihn dabei auch ein Kabel­träger aus Ver­sehen anrem­peln oder ein Regie­as­sis­tent despek­tier­liche Kom­men­tare abgeben („Muss man den kennen?“). Zit­tert der Spieler schließ­lich schon vor Kälte, wird ihm gnädig von einer Assis­tentin eine ran­zige Pfer­de­decke mit dem Logo des Sen­ders über die Schul­tern geworfen. Das nach­voll­zieh­bare Kalkül: Wer aus­sieht wie eine Oma, die sich gerade noch vor der rus­si­schen Infan­terie übers Kuri­sche Haff gerettet hat, wird dem Reporter im Gespräch kei­nerlei Schwie­rig­keiten machen.

3. Das Mikrofon
Mikro­fone, die am Spiel­feld­rand ein­ge­setzt werden, sind tech­ni­sche Meis­ter­werke, voll­ge­packt mit Welt­raum­tech­no­logie. Sie wiegen um die 100 Kilo, viele Feld­re­porter trai­nieren des­halb gezielt Mus­keln von Oberarm und Ellen­bogen, um das Mikrofon wäh­rend der 90 Sekunden Live­schalte über­haupt in die Höhe wuchten zu können. Die Mikro­fone werden alle zehn Jahre gegen neue Modelle aus­ge­tauscht. Das ist auch drin­gend nötig, ange­sichts des Dau­er­ein­satzes im Nah­kampf. Das Mikrofon von Sky-Mann Ecki Heuser etwa besteht inzwi­schen nur noch zu fünf Pro­zent aus Schaum­stoff und Funk­technik, der Rest ist Spei­chel und Spie­ler­schweiß. Was daher kommt, dass das Mikrofon im Gespräch viel zu nah an den Mund des Spie­lers gehalten wird, weil das Sen­der­logo sonst nicht im Bild ist. Auf den Kicker hat das Mikrofon den glei­chen Effekt wie eine ent­si­cherte Faust­feu­er­waffe auf einen Schal­ter­be­amten in der Volks­bank. Tu mir nichts, sagt der fle­hende Blick des Spie­lers, ich mach alles mit. Und so redet sich der Spieler um Kopf und Kragen, macht Mit­spieler für die Nie­der­lage ver­ant­wort­lich, bemüht schiefe Meta­phern und darf schließ­lich angst­schweiss­nass in Rich­tung Kabine davon­stol­pern.
 
4. Der Ein­stieg
Wie das Gespräch mit dem Spieler beginnen? So wie pro­fes­sio­nelle Schach­spieler mit der Sizi­lia­ni­schen Eröff­nung pro­blemlos durch die Kar­riere kommen, braucht ein guter Feld­re­porter streng genommen auch nur zwei Eröff­nungs­va­ri­anten. Werden Spieler des Sie­gers zum Gespräch zuge­führt, lautet die in unzäh­ligen Talks erprobte Begrü­ßungs­formel: Erstmal herz­li­chen Glück­wunsch …“, wahl­weise zum Dreier, zum Tor oder zur Tat­sache, dass der betref­fende Spieler zum ersten Mal in dieser Saison nicht schon zur Halb­zeit raus musste. Ein kum­pel­hafter Ein­stieg, einst von ARD-Reporter Jürgen Ber­gener erfunden, der alle Sorgen des Spie­lers zer­streut, es könnten mög­li­cher­weise die Abspiel­fehler in der letzten halben Stunde zum Thema werden. Der Glück­wunsch signa­li­siert ihm, dass er mit zwei, drei gut abge­han­genen Flos­keln („Kom­pli­ment an die Mann­schaft“, aber immer auch gerne Der Sieg war immens wichtig für die Moral“) locker über die Runden kommen wird. Wenn anschlie­ßend jedoch ein Spieler des Ver­lie­rer­teams vors Mikrofon gezerrt wird, muss der Feld­re­porter blitz­schnell und skru­pellos umschalten. Eben noch wurde hem­mungslos mit den Sie­gern her­um­ge­kum­pelt und abge­klatscht, jetzt wird ein veri­ta­bles Staats­be­gräbnis insze­niert.

Der Euro wackelt, Loriot ist tot und nun auch noch diese 0:2‑Niederlage beim Tabel­len­führer. Das alles lässt sich per­fekt in einem per­fiden Satz bün­deln, der den Spieler zunächst zum Haupt­schul­digen macht und ihm trotzdem die Mög­lich­keit gibt, alles auf die Mann­schafts­kol­legen zu schieben. Der Satz lautet: Woran hat‘s gelegen?“, und führt ver­läss­lich dazu, dass der Spieler sich zunächst in wol­kige Blau­pausen flüchtet („Wir haben nicht das umge­setzt, was wir uns vor­ge­nommen haben“), um dann aber mit­leidslos ein­zelne Mann­schafts­teile hin­zu­richten. Faust­regel: Stürmer beschul­digen immer die Abwehr („Nicht kon­se­quent genug gestört“) und die Ver­tei­diger den Angriff („Wir machen die Dinger ein­fach nicht rein“). Der Reporter muss nur das Mikrofon hin­halten, fleißig nicken und abschöpfen. 

5. Das Kopf­ni­cken
Roo­kies im Gewerbe halten die Fähig­keit, knall­harte Fragen zu stellen, für das wich­tigste Rüst­zeug des Feld­re­por­ters. Kapi­taler Irrtum: Denn nur der schafft es nach ganz oben, der etwas anderes im Laufe der Jahre per­fek­tio­niert: sein Kopf­ni­cken. Was banal klingt, ist bei den Meis­tern des Fachs Prä­zi­si­ons­ar­beit. Der Feld­re­porter begibt sich dazu in eine leicht vor­ge­beugte Hal­tung, die Inter­esse und Auf­merk­sam­keit signa­li­sieren soll und die er das ganze Gespräch über bei­be­hält. Er wartet den ersten Halb­satz des Spie­lers ab und beginnt dann, sich rou­ti­niert ein­zu­ni­cken, völlig unab­hängig vom Inhalt. Wichtig ist dabei ein gleich­mä­ßiger Rhythmus, der dem Spieler, der bereits ver­zwei­felt um die rich­tigen Worte ringt, bedeutet: Alles läuft opti. Das Nicken kann natür­lich im Tempo vari­iert werden. Hat sich der Spieler schon nach zehn Sekunden unrettbar in einem schiefen Apho­rismus ver­hed­dert, bringt ihn beschleu­nigtes Nicken zwar nicht wieder zurück in den Haupt­satz, hin­dert den Kicker aber womög­lich daran, mitten im Vor­trag hilflos abzu­bre­chen und panisch zum Beleuchter zu starren. 

6. Das Cha­risma
Natür­lich sollen auch Nach­wuchs­re­porter ihre Chance bekommen. Im Infight mit den Spie­lern werden Milch­bärte von der Sport­hoch­schule aller­dings unge­fähr so ernst genommen wie Rot­är­sche in der Grund­aus­bil­dung. Ganz anders die erfah­renen Vete­ranen der Zunft wie der inzwi­schen leider pen­sio­nierte Rolf Töp­per­wien oder Rollo Fuhr­mann. Töp­per­wien war schon dabei, als nach dem Schluss­pfiff stets Zuschauer aufs Spiel­feld gelaufen kamen und gerne auch den Spieler wäh­rend des Inter­views umarmten. Unver­gessen, wie Töp­per­wien nach dem Pokal­spiel gegen die Bayern inmitten einer ent­fes­selten Menge Olaf Thon aus­fragte, und man sich daheim wun­derte, dass Töp­per­wien da lebend her­auskam. Fuhr­mann wie­derum reprä­sen­tiert in seiner Mischung aus Rolf Eden, Peter Scholl-Latour und Clint East­wood den leicht zer­knit­terten Pro­to­typen des Hau­de­gens mit meh­reren Jahr­zehnten Kampf­erfah­rung. Man wäre nicht über­rascht, würden plötz­lich Bilder aus dem Korea­krieg oder aus Moga­di­schu auf­tau­chen, mit dem jungen Fuhr­mann in Uni­form. Es spricht für die Wan­del­bar­keit des Feld­re­por­ters, dass er zugleich jenen melan­cho­li­schen Blick per­fek­tio­niert hat, mit dem sonst nur Berg­männer gegen Zechen­schlie­ßungen pro­tes­tieren.

7. Die Fragen
Pro Spieler werden durch­schnitt­lich zwei Fragen gestellt. Soll heißen, wer sich als Feld­re­porter für Volker Panzer hält und ein nach­denk­li­ches Kamin­ge­spräch insze­nieren möchte, wird kläg­lich schei­tern. Statt­dessen gelten eherne Regeln. Ers­tens: Die Fragen beziehen sich im Ide­al­fall nicht auf das Spiel, son­dern wahl­weise auf eine Äuße­rung des Trai­ners oder einen Vor­fall im Trai­ning oder den lus­tigen Namen eines neues Mit­spie­lers. Zwei­tens: Die zweite Frage sollte nie auf der ersten Frage auf­bauen, sonst kommt womög­lich noch so etwas wie ein Gespräch zustande, woran keiner der beiden Seiten ein Inter­esse haben kann. Drit­tens: Wenn dem Reporter nichts mehr ein­fällt, kann er den Spieler immer noch nach seiner Ver­trags­ver­län­ge­rung fragen, selbst wenn der bis 2017 unter­schrieben hat. Und noch etwas ist wichtig: Ergeb­nis­of­fene Ant­worten über­for­dern Spieler. Deren Blut befindet sich noch in den Beinen, selbst­ständig Sätze zu bilden, fällt daher vielen aus­ge­spro­chen schwer. Des­halb nie­mals all­ge­mein nach einer Ein­schät­zung zum Spiel fragen. Ein gewiefter Feld­re­porter muss den Weg bereits sorg­fältig asphal­tieren, auf dem der Spieler später mar­schieren soll. Also Frage: Wie wichtig war dieser Sieg in Hin­blick auf den End­spurt in der Meis­ter­schaft?“ Ant­wort: Sehr wichtig!“ Oder die Frage: Wie glück­lich sind Sie über den Sieg Ihrer Mann­schaft?“ Ant­wort: Sehr glück­lich!“ Nur so geht es.

8. Die Tricks
Bis­weilen geben sich Spieler zuge­knöpft, muf­feln dreist herum oder treiben es mit der Phra­sen­dre­scherei beson­ders arg („Für uns heißt es jetzt Mund abputzen und wei­ter­ma­chen“). Feld­re­porter dürfen den Spie­lern so etwas nicht durch­gehen lassen, sonst macht das Schule. Also müssen sie auf Tricks zurück­greifen wie vor Jahren Jan Henkel, das blonde Fall­beil von Sky, beim Talk mit Kevin Kuranyi. Der stand sichtbar miss­mutig in der Stutt­garter Mixed Zone herum, was ange­sichts der Aus­sicht, mit Henkel spre­chen zu müssen, durchaus nach­voll­ziehbar war. Henkel düpierte Kuranyi jedoch auf meis­ter­liche Weise: Die Fans hatten jetzt eine Frage noch zum Schluss gehabt, und zwar ob sie in der nächsten Saison noch für den VfB Stutt­gart spielen?“ Dass Henkel plötz­lich den Anwalt der Fans, den Spre­cher der Kurve gab, war so gro­tesk, dass Kuranyi völlig aus der Fas­sung geriet und nach Tourette wech­selte: Scheiß­frage!“ Henkel mit­leidslos: Die Fans bewegt es.“ Und: Das war die Frage, wei­ter­ge­geben von den Fans.“ Punkt­sieg Henkel!

9. Der Kopf
Men­schen, die regel­mäßig im Fern­sehen auf­tau­chen, werden populär. Bis auf eine Aus­nahme: Feld­re­porter. Denn qua Kon­struk­tion ist von ihnen nur der fis­se­lige Hin­ter­kopf zu sehen, wenn sie den Spie­lern ihre Mikro­fone ent­ge­gen­re­cken. Und selbst der wäre vor Jahren ver­schwunden, wenn sich der Fern­seh­sender Sat1 durch­ge­setzt hätte. Der verbot seinen Repor­tern, ständig die pockigen Halb­glatzen in die Kamera zu halten. Diese hatten näm­lich dem Zuschauer daheim die Sicht auf den Spieler geraubt. Es war, glaubt man der Legende, Ecki Heuser, der sich über das Verbot hin­weg­setzte und vor­witzig seine Nase ins Bild reckte. Seither sind Rollo und die anderen wieder zu sehen, wenn sie das Mikrofon in die Höhe wuchten, eifrig mit dem Kopf nicken und neu­gierig nach­fragen: Erstmal Glück­wunsch! Woran hat‘s gelegen?“