Anfang November schien es, als würde das Jahr 2020 ein wenig Gnade walten lassen. Donald Trump verlor die US-Wahl, und ein Corona-Impf­stoff machte Hoff­nung auf das Ende der Pan­demie. Aber es war nur ein Bluff. Eine miese, dre­ckige Finte. Denn heute ist Gott gestorben. Mit nur 60 Jahren. 

Wir wussten natür­lich, dass Diego Armando Mara­dona trotz seines hei­ligen Standes kein bibli­sches Alter errei­chen wird. Aber wir hofften. Und als er vor wenigen Wochen am Gehirn ope­riert wurde, beteten die Men­schen in Neapel und Buenos Aires für ihn. Nun erlitt er in seinem Haus in Tigre einen Herz­still­stand.

In den ver­gan­genen Jahren konnten wir Mara­dona beim Unter­gehen zusehen. Es war nicht so wie bei anderen Pro­mi­nenten, deren Abstürze man trotz aller Tragik manchmal fas­zi­nie­rend oder gar ein biss­chen lustig findet. Es war ein­fach nur traurig. Diego Mara­dona als Trainer in den Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­raten, Diego auf einem Pan­zer­wagen in Weiß­russ­land, Diego mit zwei gestreckten Mit­tel­fin­gern im Sta­dion in St. Peters­burg, Diego als alternder Clown. Diego, bitte komm end­lich zur Ruhe!

I wanna live fast, love hard, die young and leave a beau­tiful memory“, sang der ame­ri­ka­ni­sche Coun­try­mu­siker Faron Young in den Fünf­zi­gern. Schnell leben, heftig lieben, jung sterben. Es ist die Maxime vieler Stars geworden, vor allem aus der Welt der Musik und der Kunst. Kurt Cobain, Amy Wine­house, Jackson Pol­lock. Im Fuß­ball: George Best, Gar­rincha und nun Diego Mara­dona.

Mara­donas Leben begann an einem Ort, an dem nichts schnell war: in einem Slum, einer Villa Miseria, am Stadt­rand von Buenos Aires. Er kam als fünftes von acht Kin­dern zur Welt. Er mochte Musik und Fuß­ball. Als er acht war, wurde er von einem Talent­späher ent­deckt. Als er zwölf war, durfte er als Ball­junge bei den Argen­tinos Juniors helfen. In der Halb­zeit­pause zeigte er den Zuschauern seine Tricks. Sie johlten, sie applau­dierten, sie feu­erten ihn an.

Bald nahm sein Leben Fahrt auf. Boca, Barca, Neapel. Und dann begann die Raserei und dann der Exzess. Er wollte mehr vom Leben als mög­lich war. Also insze­nierte er es wie eine große Oper: Frauen, Gesänge, Drogen, Abstürze, Tränen, noch mehr Drogen. Manchmal schien es, als hätte er ohne die ord­nenden Linien des Fuß­ball­platzes end­gültig den Halt ver­loren. Und es tat immer wieder weh, wenn er wieder am Boden lag, jedes Mal auf­ge­quol­lener und ver­wirrter, als wir ihn von den letzten Bil­dern noch gekannt hatten.

Denn es ist ja so: Alles, was wir über Fuß­ball wissen, ver­danken wir Diego Mara­dona.

Er zeigte uns, wie man sieben oder acht Gegner aus­spielt, über das halbe Feld läuft und den Ball dann ins Tor schießt. Wie man Regeln bricht und trotzdem zum Helden wird. Wie man unsichtbar bleibt und dann den töd­li­chen Pass spielt. Toni, halt den Ball… Nein!“ Er zeigte uns Kin­dern der Acht­ziger, die auf­ge­wachsen waren mit hüftsteifen und Ober­lip­pen­bart tra­genden Abwehr­ko­lossen, was Leich­tig­keit und Cool­ness im Fuß­ball ist. Wie man als kleiner und kuge­liger Mann der beste Fuß­baller aller Zeiten und auch noch Welt­meister werden kann. Und am Ende zeigte er uns sogar, wie man sich in einem Euro­pa­po­kal­spiel auf­wärmt. Jon­glie­rend und tan­zend, natür­lich. Live is life!

Er nahm uns sogar die Angst vor dem Pathos und dem Kitsch. Eine der stärksten Szenen aus Kus­tu­ricas groß­ar­tigem Doku­men­tar­film zeigt Mara­dona an seinem 40. Geburtstag auf einer Bühne. Er singt dort vor seiner Familie das Lied La Mano de Dios“ von Rodrigo. Eine Hom­mage an sich selbst. Es ist herz­er­grei­fend, wun­der­schön. Nur scheint es irgend­wann, als würde er gar nicht über sein Leben singen, son­dern über eine mär­chen­hafte Figur, eine Sagen­ge­stalt: Geboren in einem Slum, es war Gottes Wille, dass ich über­lebe.“ 

Wenn ein Verein absteigt, heißt es oft, es sterbe eine Region. Was pas­siert nun? Stirbt der Fuß­ball? Natür­lich nicht. Aber wir werden jedes Mal, wenn wir die Nummer Zehn auf einem Trikot sehen, an D10S denken. Und das ist gut so. 

Denn Diego Mara­dona trug die schwerste Nummer Zehn, die je ein Spieler getragen hat. Sie prangte breit und majes­tä­tisch auf seinem Trikot. Neben ihr wirkten alle anderen Num­mern klein und unbe­deu­tend. Seine Zehn ver­einte den Frei­heits­drang der Fünf, den Wahn­sinn der Sieben und die Tor­ge­fahr der Neun. Er war kein Denker wie Johan Cruyff. Kein Stra­tege wie Zine­dine Zidane. Und er war auch kein Super­athlet wie etwa Cris­tiano Ronaldo. Aber all das musste er auch nicht sein, denn er war ein Magier.

Nach der WM 1998 ahnte ein Jour­na­list der FAZ: Die glor­reiche Zehn ver­blasst im Num­mern­salat des modernen Fuß­balls, ihre Zeit der ist vorbei.“ Es war die erste WM seit 1978, die ohne Mara­dona statt­fand.