Was haben wir gelacht! Auch in der Redak­tion klopften sich alle brül­lend auf die Schenkel, als im Früh­jahr fol­gende Mel­dungen von der Insel her­über­schwappten: Eng­land trai­niert jetzt schon eifrig Elf­me­ter­schießen. Eng­land! Elf­me­ter­schießen! Die noto­ri­schen Ver­sager! Sie probten sogar die Wett­kampf­be­din­gungen – und simu­lierten den Weg von der Mit­tel­linie zum Punkt unter Sta­di­on­at­mo­sphäre. Nicht nur das: Die Trainer fer­tigen Psy­cho­tests ihrer Spieler an; sie eru­ierten, wer vor dem ent­schei­denden Schuss Zuspruch oder Schul­ter­klopfer brauche und wer nicht. Die Lacher ebbten nicht ab. Es waren Mel­dungen aus der Kate­gorie Ralph Siegel will wieder zum ESC“, Mat­thäus will wieder hei­raten“ oder SPD will sich erneuern“.

Doch erst später, zu Beginn der WM in Russ­land, wurde deut­lich, dass dieses Eng­land nicht mehr zum Stich­wort­geber für sar­kas­ti­sche Kom­men­tare taugen wollte. This time it’s serious. Dieses Eng­land war keine satu­rierte Truppe mehr wie bei vor­an­ge­gan­genen Tur­nieren, bei der sich die aus­ge­laugten Stars um Steven Ger­rard, Frank Lam­pard oder Rio Fer­di­nand auf­grund von Ver­ein­s­ani­mo­si­täten an ver­schie­denen Essens­ti­schen plat­zierten.

Diese eng­li­sche Mann­schaft 2018 wirkte geschlossen, unver­braucht und frisch. Tor­wart Jordan Pick­ford von Everton, Ver­tei­diger Harry Maguire von Lei­cester oder selbst Harry Kane von Tot­tenham hatten, um es so aus­zu­drü­cken, nicht unbe­dingt Mus­kel­kater vom Tro­phä­en­stemmen – sie waren hungrig auf genau dieses Tur­nier.

Er sprach zu den Spie­lern mit dem Arm in der Schlinge

Das galt ins­be­son­dere für den Mann an der Linie, der diesen Spie­lern das neue Selbst­ver­ständnis ein­trich­terte: Trainer Gareth Sou­th­gate. Seine Weste sollte Kult­status erlangen, seine vor­nehme Aus­drucks­weise in Inter­views hätte jedem Besuch bei der Queen zur Ehre gereicht. Doch ein Bild außer­halb der Sta­dien sagte viel mehr über seine Ent­schlos­sen­heit aus: Sou­th­gate ging im Trai­nings­camp der Eng­länder jeden Tag joggen, selbst am freien Tag.

Dabei stürzte er und kugelte sich die Schulter aus. Mit dem Arm in der Schlinge hielt Sou­th­gate am fol­genden Tag unge­irrt die Mann­schafts­be­spre­chung ab und sagte den belus­tigten Spie­lern: Besser ich bin ver­letzt als einer von euch.“

Sou­th­gate war die Sache ernst – vor allem jene mit den Elf­me­tern. Bei der Heim-EM der Eng­länder 1996 hatte er im Halb­fi­nale gegen Deutsch­land den ent­schei­denden Elf­meter ver­schossen. Im Inter­view mit der Süd­deut­schen Zei­tung“ schil­derte er sei­ner­zeit, dass der Fehl­schuss für ihn per­sön­lich kein bloßer Gag in der langen Eng­land-Komödie geblieben war. Der Fehl­schuss habe sein Leben ver­än­dert, er wurde sein Drama. Viele Leute, die mich trösten wollten, haben gesagt: Wirst sehen, das geht vorbei. Aber es geht nicht vorbei. Mit wel­cher Leis­tung soll ich das aus­glei­chen?“ fragte Sou­th­gate. Die Ant­wort kam spät, aber sie kam.

Am 3. Juli 2018 ging das Ach­tel­fi­nale Eng­land gegen Kolum­bien ins Elf­me­ter­schießen. Und Gareth Sou­th­gate sollte end­lich – nach 22 Jahren – aus­glei­chen.