Kai Mich­alke, wie wurden Sie zum Rie­sen­ta­lent?
In meinem letzten A‑Jugendjahr durfte ich bei den Profis mit­trai­nieren und habe das Glück gehabt, unter Jürgen Gels­dorf relativ schnell zu Ein­sätzen zu kommen. Damals war es eine Sel­ten­heit, so jung bei den Profis zu landen. Heute ist es normal.

War Ihre Kar­riere ein Ver­spre­chen, das nicht ganz ein­ge­löst worden ist?
Es war in der Tat so, dass ein großer Druck auf mir gelastet hat, weil ich gar nicht mehr objektiv bewertet wurde. Ich habe außer­ge­wöhn­liche Spiele gemacht, aber diese Leis­tung konnte ich nicht per­ma­nent abrufen. Früher war ich mehr auf mich allein gestellt als die jungen Spieler heute. Das sieht man ja schon an den Trai­ner­stäben: Damals gab es einen Co-Trainer, heute ist der Trai­ner­stab teil­weise größer als die Mann­schaft.

Warum sind Sie nicht der Star geworden, zu dem Sie in jungen Jahren gemacht worden sind?
Ich habe meine Kar­riere ganz gut auf­ge­ar­beitet. Es hat mir nie am Ehr­geiz oder Fleiß geman­gelt. Ich war nicht schlampig. Aber mir hat eines gefehlt: die Kon­stanz. Ich habe überall sehr, sehr starke Momente gehabt und teil­weise her­aus­ra­gende Leis­tungen gebracht. Aber meine Kar­riere ver­lief zu wel­len­förmig. Daran erkennt man die Klasse der abso­luten Top­spieler. Die haben auch schwache Phasen. Aber selbst dann spielen sie noch über dem Schnitt.

Wie erklären Sie sich diese feh­lende Kon­stanz?
Wenn ich mich nicht wohl­ge­fühlt habe und wenn Wider­stände auf­traten, habe ich noch nicht mal durch­schnitt­lich gespielt. Da habe ich ein­fach nicht funk­tio­niert. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, viel­leicht zu viele.

Waren Sie ein sehr sen­si­bler Spieler?
Ich hatte es immer gerne, wenn es har­mo­nisch war. Und ja, ich bin viel­leicht mit dem Umgang mit­ein­ander nicht so klar­ge­kommen, wie es im harten Fuß­ball­ge­schäft von­nöten ist. Dabei wäre das Talent da gewesen, um A‑Nationalspieler zu werden. Ich habe von der U15 bis zur U21 alle Aus­wahl­mann­schaften durch­laufen, zudem die A2-Natio­nal­mann­schaft. Aber dieses ver­fluchte A‑Länderspiel hat nicht sollen sein. Viel­leicht wäre es auch besser gewesen, noch nicht bei der U15 ins Blick­feld zu rücken.

Wie meinen Sie das?
Es kann hilf­reich sein, erst später in den Fokus der Natio­nal­mann­schaft zu rücken, weil das auch einen gewissen Schutz bietet. Bei mir hin­gegen war es schon relativ früh so, dass alle an mir gezerrt haben: Profis, A‑Jugend, Natio­nal­mann­schaft, West­fa­len­aus­wahl, Kreis­aus­wahl und sogar die Schul­aus­wahl. Heute geht es mehr Hand in Hand.

Hat es das neue Bochumer Top­ta­lent Leon Goretzka heute ein­fa­cher als Sie damals?
Ein­fa­cher will ich nicht sagen. Ich glaube sogar, dass es schwie­riger geworden ist, sich von der Masse abzu­setzen. Ich habe als A‑Jugendlicher vier Mal pro Woche trai­niert. Heute reicht das nicht mehr. Dem­entspre­chend schwer ist das Gesamt­paket zu bewäl­tigen.

Wer hat Ihnen geholfen, Ihr Gesamt­paket“ zu bewäl­tigen?
Gemeinsam mit meinen Eltern war Ata Lameck mein größter För­derer. Er hat mich in der A‑Jugend des VfL Bochum trai­niert. Aber schon bevor er mein Trainer wurde, hat er mein Talent erkannt und war ständig dabei: bei den U15-Län­der­spielen und bei den U16-Län­der­spielen. Zu ihm habe ich eine sehr, sehr enge Ver­bin­dung.

Wie kam diese Ver­bin­dung zustande?
Er ist ein positiv Ver­rückter. Der Fuß­ball und gerade der VfL Bochum sind seine Lei­den­schaft. Wenn Ata etwas in jemandem erkannt hat, hat er sich extrem um den­je­nigen geküm­mert. Als junger Fuß­baller braucht man diese Unter­stüt­zung. Es gibt mitt­ler­weile so viele gute Talente in Deutsch­land. Aber ohne das Quänt­chen Glück und die Unter­stüt­zung des Umfeldes haben sie es ganz schwer.

Inwie­fern hat sich der Bochumer Rekord-Bun­des­li­ga­spieler denn um Sie bemüht?
Er hat mich immer wieder daran erin­nert, was für Mög­lich­keiten ich habe. Und inner­halb des Ver­eins war er jemand, der sagte: Passt früh genug auf. Den wollen alle haben.“ Dabei kam ein Wechsel für mich gar nicht infrage. Mit 15, 16, 17 Jahren hätte ich überall hin wech­seln können. Aber wenn man in der Stadt, in der man geboren ist, einen Bun­des­li­ga­verein hat, warum soll man dann wech­seln?

War Lameck Ihr erster Spie­ler­be­rater, ohne dass Sie beide es wussten?
Ata hat mir und meiner Familie zumin­dest viele Rat­schläge gegeben. Er hat natür­lich vieles durch die blau-weiße Brille gesehen, das ist auch sein gutes Recht. Meinen ersten Ver­trag in Bochum habe ich aber mit meinem Vater gemacht. Erst als ich Profi geworden bin, sind die ersten Spie­ler­be­rater auf mich zuge­kommen.

Heute sind Sie selbst Spie­ler­be­rater.
Ich würde manchmal auch gerne länger warten, ehe ich Spieler anspreche. Ich erkenne nicht so den Sinn, einen 15-Jäh­rigen zu beraten. Aber wenn ich zu lange warte, sind schon 10, 20, 30 andere Berater hinter ihm her. Das macht es schwie­riger. Auf der anderen Seite ist diese Kon­kur­renz aber auch gut: Ich will den Spieler über­zeugen und sein Ver­trauen gewinnen. Es ist wichtig, dass die Jungs und ihre Eltern merken, dass man für sie da ist und dass man es gerne macht.

Haben Sie sich jemals schlecht beraten gefühlt?
Jein. Ich war ja selbst immer dabei und hatte meinen eigenen Kopf. Ich habe mich nie drängen lassen und alle Ent­schei­dungen alleine getroffen. Manchmal war ich aber viel­leicht zu stur und zu vor­eilig. Dabei gibt es genug Bei­spiele, dass man eine Kar­riere Stück für Stück planen kann.

War es inso­fern ein Pla­nungs­fehler, den VfL 1999 zu ver­lassen?
Nein. Irgend­wann wachsen die Anfor­de­rungen an sich selbst. Ich wollte sehen, wie weit ich kommen kann. Und durch den Abstieg war der Drang sehr groß, weiter in der Bun­des­liga zu spielen. Die Fans nahmen mir das in der Anfangs­zeit übel. Aber ich glaube, dass auch viele Ver­ständnis für diese Ent­schei­dung hatten. Es war ja auch legitim: Ich war Anfang 20, A2-Natio­nal­spieler und habe eine sport­liche Her­aus­for­de­rung gesucht.

Würden Sie sagen, dass Hertha BSC Berlin damals eine Nummer zu groß für Sie war?
Warum?

Weil Sie sich nicht so recht durch­ge­setzt haben.
Im ersten Jahr habe ich 90 Pro­zent der Cham­pions-League-Spiele für Hertha gemacht. Natür­lich haben wir hin und wieder gewech­selt. Dadurch mag es sein, dass ich weniger Bun­des­li­ga­par­tien gemacht habe. Aber trotzdem bin ich auf über 30 Pflicht­spiele gekommen. Und der Manager Dieter Hoeneß hat mich als seinen besten Ein­kauf bezeichnet.

Warum lief es im zweiten Jahr nicht mehr so positiv?
Es war so, dass Spieler für zig Mil­lionen geholt worden sind. Hertha ist ja nicht umsonst so stark ver­schuldet. Zudem wurde das System von fünf auf vier Mit­tel­feld­spieler geän­dert. Und in Dariusz Wosz, Stefan Bein­lich, Sebas­tian Deisler und Pál Dárdai hatten wir vier aktu­elle Natio­nal­spieler im Mit­tel­feld. Da war es nicht ein­fach, zu spielen. Viel­leicht stand ich auch ein biss­chen im Schatten von Deisler, der damals in ganz Deutsch­land in aller Munde war.

Wann war Ihnen klar, dass es in Berlin nicht wei­ter­gehen würde?
Mein Pech war, dass ich in der Rück­runde sieben Wochen mit einem Innen­band­riss aus­ge­fallen bin. Und in dieser Zeit ist das System wieder geän­dert worden. So habe ich für mich den Ent­schluss gefasst, wech­seln zu wollen und ging nach Nürn­berg. Und das sehe ich ein biss­chen als Knack­punkt.

Inwie­fern?
Wenn man als Offen­siv­spieler zu einem Auf­steiger kommt, weiß man eigent­lich, dass man mit seiner Mann­schaft zunächst viel gegen den Ball spielt. Ich habe meine Qua­li­täten aber sicher­lich mit dem Ball gehabt. Zudem habe ich viel gekostet. Das war ein lukra­tives Geschäft für Hertha und der teu­erste Transfer des Som­mers für Nürn­berg. Ent­spre­chend hoch waren die Erwar­tungen. Und Nürn­berg war zu diesem Zeit­punkt ein sehr unru­higes Pflaster. Plötz­lich musste ich auf­grund von Ver­let­zungen per­ma­nent im Sturm spielen. Wenn die Tor­quote nicht passt, gerät man als Angreifer ganz schnell in die Kritik.

Wie sind Sie damit umge­gangen?
Das war nicht so ein­fach. Es war eine schwie­rige Zeit, auch weil ich durch Ver­let­zungen immer wieder zurück­ge­worfen worden bin. Aber ich bin immer auf­ge­standen und habe schließ­lich in Aachen eine sehr schöne Zeit erlebt. Das war zwar nur die 2. Bun­des­liga und meine kleinste Sta­tion, aber wir hatten einen tollen Zusam­men­halt. Wir sind bis ins DFB-Pokal­fi­nale gekommen und haben im UEFA-Cup gespielt. So habe ich letzt­end­lich wieder den Sprung zurück in die Bun­des­liga geschafft, zum MSV Duis­burg. Da habe ich den Fehler aller­dings zum zweiten Mal gemacht.

Wel­chen meinen Sie?
Ich bin wieder zu einem Auf­steiger gewech­selt. Und es ist das Gleiche geschehen wie in Nürn­berg.

Bedauern Sie manchmal, dass es nicht zur Welt­kar­riere gereicht hat?
Nein. Ich habe über 300 Pflicht­spiele im Pro­fi­be­reich bestritten. Das schafft man nicht, wenn man seine Chance nicht genutzt hat.

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Kai Mich­alke (* 5. April 1976 in Bochum) absol­vierte zwi­schen 1993 und 2008 158 Bun­des­li­ga­spiele (18 Tore) und 99 Zweit­li­ga­par­tien (24 Tore) für den VfL Bochum, Hertha BSC Berlin, den 1. FC Nürn­berg, Ale­mannia Aachen und den MSV Duis­burg. Zudem kam er für Hera­cles Almelo auf 22 Ein­sätze (kein Tor) in der nie­der­län­di­schen Ehren­di­vi­sion. 1992 wurde Mich­alke U16-Euro­pa­meister. Heute arbeitet er als Spie­ler­be­rater und lebt in Aachen.