Pre­drag Pašić, sind Sie ein Rebell?
In dem Film Les rebelles du foot“ sage ich: Ich bin ein nor­maler Typ.“ Und das bin ich auch. Aber ich habe mich auf­ge­lehnt und wider­setzt. Zum Teil tue ich das immer noch. Wenn Sie so wollen: Ja, ich bin ein Rebell.

Inwie­fern oppo­nieren Sie heute noch?
Es ist immer noch sehr schwierig, in Sara­jevo zu leben. Der Alltag ist geprägt von Hass und Miss­trauen, was mich sehr traurig stimmt. Für meine Fuß­ball­schule bekomme ich zum Bei­spiel keine staat­liche Unter­stüt­zung, denn die Poli­tiker wissen, dass ich die Men­schen zusam­men­bringen will. Diese Idee vom mul­ti­kul­tu­rellen Mit­ein­ander geht nicht einher mit ihren Denk­mus­tern.

Bekommen Sie denn Hilfe vom Fuß­ball­ver­band?
Nein. Ich bin weit­ge­hend auf mich alleine gestellt. Wenn ich einen Job im Ver­band haben wollte müsste ich mich klar posi­tio­nieren. Ich müsste also sagen: Ich bin Serbe, denke wie ein Serbe, spreche wie ein Serbe, und möchte Teil des ser­bi­schen Fuß­ball­ver­bands werden. Das wider­strebt mir, denn so etwas ist für mich nicht wichtig. Zumal der Fuß­ball eine inter­na­tio­nale und uni­ver­selle Sprache hat.

Albert Camus sagte einmal: Alles, was ich weiß, ver­danke ich dem Fuß­ball“.
Der Fuß­ball hat mir auch viel bei­gebracht – über Freund­schaft, Dis­zi­plin, Gemein­schaft, Soli­da­rität. Man kann es so sagen: Meine Eltern bil­deten mich, Fuß­ball lehrte mich. Ab dem ersten Mal, als ich einen Fuß­ball­platz in Sara­jevo betrat.

Wie sah das Sara­jevo Ihrer Kind­heit aus?
Bunt. Die Men­schen waren zusammen.

(Pause)

Wir lebten nur 50 Meter vom Sta­dion ent­fernt. Meine Schule war eben­falls nur 50 Meter weg. Mein Leben fand also bei­nahe aus­schließ­lich rund um das Olim­piski Koševo statt. Es war eine Zeit voller Stimmen, Farben und Gerüche. Wun­der­schön.

(Pause)

Jetzt herrscht an meinem alten Lieb­lingsort Stille. Dort, wo der alte Trai­nings­platz des FK Sara­jevo war, befindet sich heute ein Friedhof.

Wer waren die Helden Ihrer Jugend?
Zuge­ge­be­ner­maßen kein Spieler aus Sara­jevo. Mein Idol war Dragan Džajić, Stürmer von Roter Stern Bel­grad. Ein fan­tas­ti­scher Spieler. Ich bin immer wieder auf den Bolz­platz und habe ver­sucht, seine Bewe­gungen und Dribb­lings zu imi­tieren.

Was war Ihnen bei einem Spieler wichtig? Seine Tore? Sein Spiel­stil? Sein Cha­rakter?
Eine Mischung. Ich mochte etwa Johan Cruyff, weil er ein mann­schafts­dien­li­cher Spieler war, der wun­derbar mit Johan Nees­kens har­mo­nierte. Klar, es gab Spieler wie Diego Mara­dona, der alleine eine halbe Mann­schaft aus­drib­beln und dann ein Tor schießen konnte. Doch das hatte für mich nichts mit dem Fuß­ball gemein, den ich mochte. Das ent­sprach einer Ten­nis­phi­lo­so­phie: ein Spieler gegen den Rest der Welt. Des­wegen mag ich übri­gens auch Lionel Messi lieber als Cris­tiano Ronaldo, denn Messi macht Mit­spieler stark. Man kann sagen: Er macht Mann­schaften.

War es Ihnen wichtig, wie sich die Spieler nach außen gaben?
Schon, aber sie nahmen leider viel zu selten Stel­lung. Anders war es im Bas­ket­ball: Dort äußerten sich die Spieler häufig und riefen oft­mals ein großes Echo hervor, denn die Sportart war in den acht­ziger Jahren sehr populär in Jugo­sla­wien.

Wieso hielten sich die Fuß­baller denn so zurück?
Viel­leicht weil sie befürch­teten, den aktu­ellen Dis­kus­sionen nicht gewachsen zu sein. Kaum einer meiner Mit­spieler hatte jemals stu­diert. Ver­mut­lich, weil Fuß­ball damals noch ein Sport war, den vor­nehm­lich Kinder aus ärmeren Fami­lien spielten. Die meisten Spieler besuchten also keine Eli­te­schulen, und sie hatten daher viel­leicht nicht das Wissen, um sich gegen bestehende Ver­hält­nisse auf­zu­lehnen.