Seite 2: „Ich bin heute ein kompletter Spieler“

Es gibt dieses Kli­schee: der Bra­si­lianer, der zu spät aus den Ferien ins Trai­nings­lager kommt, mit Über­ge­wicht. Er hat zu viel Fleisch und Fei­joada gegessen, den bra­si­lia­ni­schen Boh­nen­ein­topf, er hat zu viele Frauen gehabt, fal­sche Freunde.
Ich glaube, das ist eher vorbei, eher die Aus­nahme. Für mich gilt das Gegen­teil. Schauen Sie sich um.

Was meinen Sie?
Die Pünkt­lich­keit. Ich bin als Erster hier. Zwei Stunden vor Trai­nings­be­ginn. Ich gehe in den Fit­ness­raum, arbeite an Arm­mus­keln, Bauch­mus­keln. Ich suche immer nach etwas Neuem, um auf dem Platz besser zu werden. Das macht den Unter­schied: meine Pro­fes­sio­na­lität.

Haben Sie Ihre Spiel­weise geän­dert?
Ich renne nicht blind nach vorne, son­dern habe immer einen Blick für das Gesamt­ge­schehen. Das habe ich in Deutsch­land gelernt. In Bra­si­lien hatte ich eher noch die bra­si­lia­ni­sche Men­ta­lität: Ich bin nach vorne gerannt und habe mal geschaut, was pas­siert. Heute bin ich ein ganz anderer Spieler. Talent hatte ich schon immer, aber in Deutsch­land habe ich Zwei­kampf­ver­halten gelernt und immer zu schauen: Wo ist mein Gegen­spieler? Du atta­ckierst und musst dich sofort wieder defensiv ori­en­tieren. Des­halb bin ich heute ein kom­pletter Spieler.

Welche Zeit in Ihren 21 Jahren als Profi war die schönste?
Bei Santos. Da habe ich nur zehn Monate gespielt, aber einmal in meinem Leben hinter den Spitzen. Mein Trainer war Van­derlei Luxem­burgo, einer der bekann­testen Trainer Bra­si­liens. Er hat gesagt: Zé, ich habe eine neue Posi­tion für dich. Ich kenne dich von der Natio­nalelf, von Bayern, aber bei mir spielst du auf der 10.

Und in Deutsch­land?
Bei Bayern war ich am liebsten. Sechs Jahre lang. Dort habe ich immer sehr viel Spaß gehabt, auf dem Platz und danach. Du kommst mit Bayern ins Sta­dion und merkst: Das wird schwer, du hast alle gegen dich. Bei Bayern habe ich alles gespielt, linker Ver­tei­diger, linkes Mit­tel­feld, zen­tral vor der Abwehr mit Mark van Bommel, das war sehr schön.

Das schönste Spiel? Cham­pions League?
Nein, das war in Ulm.

In Ulm?
Mit Lever­kusen. Das war 2000.

Vor 16 Jahren? So gut erin­nern Sie sich?
Lever­kusen gegen Ulm. Wir haben, glaube ich, 9:1 gewonnen. Ich habe ein oder zwei Tore geschossen und drei, vier Vor­lagen gegeben. Dieses Spiel habe ich immer in meinem Kopf.

Zé Roberto, wann hören Sie denn nun wirk­lich auf?
Min­des­tens zwei Jahre noch. Mit 42.