Dieser Text erschien erst­mals in unserem 11FREUNDE SPE­ZIAL Skan­dale“. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Manchmal ist der Fuß­ball wie eine Opera buffa, eine komi­sche Oper. Wenn alle Kli­schees stimmen und die Ereig­nisse zusam­men­laufen, als hätte sie ein über­drehter Opern­dra­ma­turg erdacht. Die Haupt­rollen in diesem Stück spielen: Mas­simo de Santis, ein Schieds­richter, der gerne viel Gel in seine Haare schmiert, und Juventus Turins Prä­si­dent Luciano Moggi, ein klein­ge­wach­sener Mann aus der Tos­kana, der es einst vom Bahn­hofs­vor­steher zum mäch­tigsten Mann im ita­lie­ni­schen Fuß­ball schaffte. Über Jahre hatten sie den ita­lie­ni­schen Fuß­ball mani­pu­liert, aber im Mai 2006 brach ihre grö­ßen­wahn­sin­nige Welt zusammen wie ein wack­liges Büh­nen­bild. Just in der Woche, als die Squadra Azzurra ins Trai­nings­lager nach Cover­ciano bei Flo­renz reiste, ver­öf­fent­lichte das ita­lie­ni­sche Nach­rich­ten­ma­gazin L’Espresso“ eine Bei­lage mit dem Titel Das schwarze Buch des Fuß­balls“. Das 428 Seiten starke Dos­sier war voll­ge­packt mit Gesprächs­pro­to­kollen bri­santer Tele­fo­nate, die eine Mani­pu­la­tion von Spielen in der Serie A und B belegten.

Schon die erste Aus­wer­tung der Ermittler machte sprachlos: So führte Moggi durch­schnitt­lich 416 Anrufe pro Tag, dafür benutzte er sechs Handys und 300 SIM-Karten. Er sprach täg­lich mit Schieds­rich­tern, Obmän­nern und Jour­na­listen, um Spiele zugunsten von Juventus Turin zu beein­flussen. Mal for­derte er, vor­be­las­teten geg­ne­ri­schen Spie­lern die Gelbe Karte zu zeigen, damit sie gegen Juve gesperrt sind. Mal befahl er gar nichts, son­dern erkun­digte sich nur. Die Schieds­richter wussten stets, was zu tun ist.

Fuß­ball­skan­dale haben Tra­di­tion, beson­ders bei Juve

Doch der Skandal, der bald den Namen Cal­cio­poli“ bekam, betraf auch andere Ver­eine wie Lazio Rom, AC Flo­renz, AC Mai­land oder Reg­gina Calcio. Die Ermittler, die das eng­ma­schige Netz als mafiöse Ver­ei­ni­gung“ beschrieben, hielten den Aus­gang von 78 Spielen für mani­pu­liert. 29 von 38 Juve-Spielen der Meis­ter­saison 2004/05 sollen beein­flusst gewesen sein.

Fuß­ball­skan­dale haben in Ita­lien antike Tra­di­tion. 1927 wurde dem FC Turin der Titel aberkannt, weil Funk­tio­näre vor dem Derby dem Juve-Spieler Luigi Alle­mandi 50 000 Lire ange­boten hatten, damit dieser schlecht spielte. 1980 mussten Pes­cara Calcio, AC Mai­land und Lazio Rom wegen Bestechung absteigen. Bei Juventus Turin schienen die Liga­bosse oft nach­sich­tiger. Dabei gab es immer wieder Vor­würfe. Die Meis­ter­schaft wird seit Jahren mani­pu­liert“, klagte AS Roms Prä­si­dent Franco Sensi bereits im Sommer 2000, als Juventus Turin von dubiosen Ent­schei­dungen begüns­tigt wurde.

Luciano Moggi

war von 1994 bis 2006 Sport­di­rektor von Juventus Turin. Nach dem Urteil im Cal­ci­poli-Pro­zess sagte er: Alle reden von Macht. Aber Macht ist kein Ver­bre­chen. Ich hatte Macht, weil ich gut arbei­tete, eine Macht, die auf meiner guten Arbeit beruhte.“

Auch des­halb gibt es in Ita­lien das geläu­fige Wort Rubentus“, eine Wort­schöp­fung aus dem Verb rubare“ (stehlen) und Juventus. Rubentus hat gewonnen!“, spotten die geg­ne­ri­schen Fans, wenn Juve in zwei­fel­haften Situa­tionen gut weg kommt. Es ist das Wort der­je­nigen Tifosi, die sich bestä­tigt fühlten, als die Gesprächs­pro­to­kolle von Moggi ver­öf­fent­licht wurden und invol­vierte Per­sonen vor Gericht detail­liert von den Machen­schaften berich­teten.

Wer nicht für Juve pfeift, steigt ab

Wenn du für Juve gepfiffen hast, warst du in der Serie A, wenn nicht, in der Serie B“, sagte etwa der Schieds­richter Danilo Nucini im Cal­cio­poli-Pro­zess aus. Er habe das schon im Jahr 2001 ver­standen, als er Juves Spiel gegen Bologna pfiff und neun Minuten vor Spie­lende auf Elf­meter für Bologna ent­schied. Stürmer Julio Ricardo Cruz knallte den Ball an die Latte, zum Glück für Nucini, der nach dem Spiel einen Anruf von Schieds­rich­ter­boss Paolo Ber­gamo erhielt. Ber­gamo erklärte mir, dass meine Schieds­rich­ter­kar­riere vorbei gewesen wäre, wenn Cruz getroffen hätte.“ So aber kam Nucini mit einer Sus­pen­die­rung für 40 Tage davon. Die offi­zi­elle Begrün­dung lau­tete, er pfeife zu spät. In der nächsten Saison wurde Nucini in die Serie B ver­setzt.

Mas­simo De Santis

wird in Ermitt­lungs­akten als Leader“ bezeichnet. De Santis habe als einer der wich­tigsten Schieds­richter ein Macht­zen­trum in der Serie A und der Serie B erschaffen“. Von den 37 Ange­klagten wird nur er ver­ur­teilt. Die Strafe: ein Jahr auf Bewäh­rung.

Paolo Ber­gamo und sein Obmann-Kol­lege Pier­luigi Pai­retto erhielten ihre Anwei­sungen direkt von Luciano Moggi oder Lucky Luciano“, wie ihn die Presse taufte. Zu Moggis engsten Kom­plizen gehörte aber vor allem der Mann mit den gegelten Haaren: Schieds­richter Mas­simo De Santis, der auch für die WM vor­ge­sehen war.

Natür­lich erreichte der Skandal auch die Natio­nalelf im WM-Trai­nings­lager. In der Presse wurden Stimmen laut, die den Rück­tritt von Natio­nal­trainer Mar­cello Lippi for­derten, weil sein Sohn angeb­lich in den Skandal ver­wi­ckelt war. Auch Kapitän Fabio Can­na­varo stand in der Kritik, weil er als Ver­trauter Moggis galt. Doch wie so oft in Ita­lien blieb erst mal alles, wie es war. Die Natio­nalelf schien sogar beflü­gelt von der Wahr­heit, die end­lich raus ist. Am 9. Juli 2006 reckte Can­na­varo den WM-Pokal in den Ber­liner Nacht­himmel, und viel­leicht fielen auch des­halb die Strafen für die Ange­klagten milde aus. Die Funk­tio­näre aus Sport und Politik schienen gnädig gestimmt.

Juventus über­stand den Cal­cio­poli nahezu unbe­schadet. Zwar musste die Alte Dame“ 2006 in die Serie B absteigen, dank des später redu­zierten Punkt­ab­zugs und treuer Spieler wie Gigi Buffon und Ales­sandro Del Piero stieg sie aber direkt wieder auf. 2008 kehrte sie in die Cham­pions League zurück.

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