Es ist ja nicht gerade so, als herrschte im Moment ein Mangel an Auf­re­gern. Ein Tra­di­ti­ons­verein tau­melt der zweiten Liga ent­gegen und zer­fleischt sich dabei selbst; der Wider­stand wächst gegen eine Reform der Königs­klasse und ein Kicker­tur­nier in Katar; ganz Deutsch­land fahndet nach einem neuen Bun­des­trainer; trotz Pan­demie steht uns eine Län­der­spiel­pause ins Haus, in der zum Bei­spiel Fuß­baller von Mexiko nach Wales fliegen, um dort eine Test­partie aus­zu­tragen; der Kölner Keller bringt Jens Kir­schneck zur Ver­zweif­lung. Und nun schwelt hinter den Kulissen auch noch ein Streit unter Stars, Super­stars und Sta­tis­ti­kern, an dem wieder mal Cris­tiano Ronaldo schuld ist.

Anfang Januar schoss der por­tu­gie­si­sche Beau den Ball aus spitzem Winkel ins Tor von Sas­suolo Calcio. Wenig später ver­kün­deten einige Web­sites und Maga­zine, dass Ronaldo in seiner Kar­riere nun genauso viele Tore im Senio­ren­be­reich erzielt hätte wie Josef Bican, näm­lich 759. Wäh­rend die meisten Leser noch dar­über nach­dachten, ob sie schon mal von Josef Bican gehört haben, mel­dete sich ein gewisser Pelé per Twitter zu Wort und wies darauf hin, dass es jemanden gäbe, der nicht weniger als 1283 Treffer mar­kiert hätte. Natür­lich ihn selbst.

Buhei um Pelé

Das klang nach einem validen Ein­wand. Ältere Fans werden sich an das welt­weite Buhei erin­nern, das im November 1969 die eigent­lich uner­heb­liche Partie zwi­schen Vasco da Gama und dem FC Santos beglei­tete. Als Pelé in der 78. Minute beim Stand von 1:1 im Straf­raum gefoult wurde, drehten die 65.000 Heim­fans in Rio fast durch – und zwar vor Begeis­te­rung. Natür­lich trat der Meister selbst an und ver­senkte den Ball lässig im Netz. Augen­blick­lich brach Chaos aus. Dut­zende von Repor­tern und Hun­derte von Fans stürmten den Platz. Nachdem er sich aus den Klauen der Massen befreit hatte, lief Pelé eine Ehren­runde, wenig später läu­teten in ganz Bra­si­lien die Kir­chen­glo­cken. Das Par­la­ment rief eine Son­der­sit­zung ein, wäh­rend die Post eilig eine spe­zi­elle Brief­marke dru­cken ließ. Auf ihr stand: 1000. Gol de Pelé.“

Was die Men­schen damals nicht wussten, war, dass Pelé kei­nes­wegs der erste Spieler war, der diesen Mei­len­stein erreichte. Denn unter seinen 1000 Tref­fern waren zahl­reiche, die dem Stürmer in Freund­schafts- und Bene­fiz­spielen oder sogar wäh­rend seiner Mili­tär­zeit gelungen waren. Und wenn man so groß­zügig zählt, dann kamen schon 1969 auch andere Spieler auf eine vier­stel­lige Zahl. So gesteht die FIFA aktuell dem 1892 gebo­renen Bra­si­lianer Arthur Frie­den­reich 1329 Tore zu, und dem schon erwähnten Wiener Josef Pepi“ Bican gelangen laut einiger Quellen zwi­schen 1931 und 1955 sogar 1468 Treffer. Schließ­lich gibt es noch Franz Bimbo“ Binder, einen Zeit­ge­nossen und Lands­mann von Bican, dem viele Sta­tis­tiker heute 1006 Tore zuschreiben.

Doch was ist, wenn man nur offi­zi­elle Pflicht­spiele wertet? Das jeden­falls ver­suchte die spa­ni­sche Sport­zei­tung Marca“ Anfang Februar, nachdem Ronaldo einen Dop­pel­pack gegen Inter erzielt hatte. Ihr Urteil: Nach unseren eigenen, penibel genauen Nach­for­schungen ist Cris­tiano Ronaldo jetzt der erfolg­reichste Tor­schütze des Fuß­balls“. Ronaldos zweiter Treffer gegen Inter war näm­lich, so Marca“, sein 763., womit er Pelé und Bican über­holt habe, die beide auf 762 Tore kämen. Aller­dings mussten die Spa­nier gleich im nächsten Satz zugeben, dass es auch sein könnte, dass Bican in Wahr­heit auf 805 Treffer in Pflicht­spielen kommt. In diesem Fall hätte Ronaldo also noch einen kleinen Weg vor sich. Dass ihm Lionel Messi dabei in die Quere kommt, ist nach der­zei­tigem Stand der Dinge unwahr­schein­lich, denn der Argen­ti­nier liegt laut Marca“ rund vierzig Tore hinter dem Por­tu­giesen.

So weit, so gut. Doch was ist eigent­lich mit Erwin Helm­chen?

Mit wem? Na, mit Erwin Helm­chen.

Es gibt zwei Gruppen von Leuten in diesem Land, denen man nicht erklären muss, wer Erwin Helm­chen war. Die eine ist sehr klein und besteht aus echten Super-Daten-Freaks und Mega-Sta­tistik-Nerds. Die andere ist größer und umfasst die bein­harten Fans des Chem­nitzer FC. Im Sep­tember 2001 fuhren viele von ihnen nach Kiel, zum Spiel der Him­mel­blauen bei der KSV Hol­stein. Doch für elf CFC-Fans war diese Reise viel mehr als nur eine Aus­wärts­fahrt. Sie blieben näm­lich nach dem Spiel in Kiel, um am fol­genden Tag den Friedhof Elm­schen­hagen besu­chen zu können. Dort ruht seit 1981 Erwin Helm­chen.

Eines der größten Rätsel“

In einem Text, den sie aus Anlass dieser bewe­genden Reise an seine letzte Ruhe­stätte erstellt haben, schreiben die Fans über Helm­chen: Wer sich ein wenig mit der Geschichte des Chem­nitzer Fuß­balls befasst, wird unwei­ger­lich auf seinen Namen stoßen. Helm­chen war ein Voll­blut­stürmer, der in seiner ganzen Kar­riere sagen­hafte 2500 Treffer erzielte.“ Das klingt in der Tat so sagen­haft, dass man es für eine Mär halten könnte. Doch viel­leicht stimmt es. Natür­lich nur, wenn man – wie bei Pelé – alle mög­li­chen Spiele in die Wer­tung ein­fließen lässt. Was aber, wenn man – wie bei Ronaldo – die Pflicht­spiele zählt?

Das Pro­blem ist, dass der gebür­tige Cott­buser Helm­chen in tur­bu­lenten Zeiten spielte. Er lief zwi­schen 1924 und 1951 für den FV Bran­den­burg Cottbus, den PSV Chem­nitz, die SG Chem­nitz Nord (einen Vor­läufer des heu­tigen CFC), Ein­tracht Rends­burg und den VfB Lübeck auf. Das klingt viel­leicht, als würden wir hier über einen obskuren unter­klas­sigen Kicker reden, aber nichts könnte der Wahr­heit ferner sein. Helm­chen schoss Tore gegen Real Madrid mit Ricardo Zamora und Josep Sami­tier oder gegen Schalke 04 mit Fritz Szepan und Ernst Kuzorra. Er stand im Halb­fi­nale um die Deut­sche Meis­ter­schaft und war oft ein Kan­didat für die Natio­nalelf. Ein Län­der­spiel bestritt er aber nie. Warum das so war, ist eines der größten Rätsel in der His­torie der deut­schen Aus­wahl“, schreibt der renom­mierte Autor Hardy Grüne und zitiert den Kicker“ von 1941: Nahezu zehn Jahre Kan­didat war er, aber immer irgendwie ver­hin­dert, oder er ver­sagte, wenn Otto Nerz im Begriff war, ihn ein­zu­setzen. Mal war es ein schlechter Tag im Aus­wahl­spiel, mal eine Hoch­zeit, die die Teil­nahme am Kursus ver­hin­derte, mal eine Ver­let­zung.“

Wir halten fest: Der Mann konnte kicken. Aber wie viele Tore hat er nun geschossen? Der Sta­tis­tiker und Autor Lorenz Knie­riem hat in Pflicht­spielen bis jetzt 850 ermit­teln können und geht in seinem Buch Tor­jäger. Eine Typo­logie des Voll­stre­ckers“ davon aus, dass es ins­ge­samt um 900 waren. Das Kol­lektiv, das die berühmte Sta­tis­tik­seite RSSSF​.com betreibt, weist für Helm­chen 981+“ aus, was so viel bedeutet wie: min­des­tens 981 Tore, ver­mut­lich mehr. (Übri­gens gesteht RSSSF​.com Cris­tiano Ronaldo fast zwanzig Treffer mehr in offi­zi­ellen Spielen zu als Marca“.) Ob es Helm­chen freuen würde, dass es Men­schen gibt, die ihn für den erfolg­reichsten Tor­jäger aller Zeiten halten? Wahr­schein­lich nur ein wenig, denn etwas anderes war ihm viel wich­tiger: Er wollte immer nahe der Chem­nitzer Fischer­wiese“ beer­digt werden, wie man das Sta­dion des CFC nennt. Das ging schon des­halb nicht, weil Deutsch­land noch geteilt war, als Helm­chen starb. Auch des­wegen fuhren die CFC-Fans 2001 nach Kiel. Sie legten näm­lich ein Stück Rasen aus Chem­nitz auf sein Grab.