36 Jahre ist es her, dass eng­li­sche Fuß­ball­fans letzt­mals ein Bier mit auf die Tri­büne nehmen durften. Dort konnten sie ihr lau­warmes Pint im Plas­tik­be­cher fach­män­nisch ver­nichten, um sich anschlie­ßend – in einer Art flie­ßendem Kreis­lauf – umge­hend Nach­schub zu besorgen. Dann kam das Jahr 1985, das End­spiel im Euro­pacup der Lan­des­meister und mit ihm die Kata­strophe von Heysel: Groß­teils alko­ho­li­sierte Liver­pool-Hoo­li­gans stürmten den benach­barten neu­tralen“ Sektor, indem sich vor­wie­gend Juve-Tifosi befanden. Bis heute ist nicht restlos geklärt, ob die Eng­länder den ita­lie­ni­schen Anhang atta­ckieren oder bloß erschre­cken wollten. Das soge­nannte Run­ning Game, bei dem Horden von Rowdys mit lautem Getöse auf geg­ne­ri­sche Blöcke zustürmten, um die dor­tigen Fans in Angst zu ver­setzen, war im Eng­land der frühen 80er-Jahre ein beliebtes Spiel“.

Was jedoch an jenem 29. Mai 1985 pas­sierte, war töd­li­cher Ernst. 39 Men­schen kamen in einer wahren Mas­sen­panik ums Leben: 32 Ita­liener, vier Bel­gier, zwei Fran­zosen und ein Nordire. Viele wurden ein­fach zer­tram­pelt, andere gegen eine bereits brü­chige Stein­mauer gedrückt und auf qual­volle Weise zu Tode gequetscht. Als die Mauer schließ­lich zer­barst, wurden wei­tere Men­schen dar­unter begraben. Kurz darauf war Alkohol auf den Tri­bünen der eng­li­schen Pro­fi­ligen kate­go­risch ver­boten. Die ein­zige Chance auf ein schönes Pale Ale oder Lager – stil­echt ser­viert: ohne Schaum und nahezu ohne Koh­len­säure – besteht seither auf den Kor­ri­doren hinter den Zuschau­er­rängen. Doch das soll sich ändern.

Beim Cri­cket darf getrunken werden

Aus­ge­rechnet eine kon­ser­va­tive Tory-Abge­ord­nete, die ihr poli­ti­sches Leben vor­rangig dem Kampf gegen Alko­hol­miss­brauch widmet, setzt sich nun für die Auf­he­bung des Jahr­zehnte alten Ver­bots ein. Tracey Crouch (46), weder ver­wandt noch ver­schwä­gert mit Robot Man“ Peter Crouch, fun­gierte von 2015 bis 2017 als bri­ti­sche Sport­mi­nis­terin. Zuletzt saß sie einer unab­hän­gigen Kom­mis­sion vor, die klären sollte, ob die strikte Alko­hol­re­ge­lung im eng­li­schen Profi-Fuß­ball (von der Pre­mier League abwärts bis zur fünft­klas­sigen National League; die Redak­tion) noch zeit­gemäß sei. Crouchs Ant­wort ist ein­deutig: Nein.

Wie unge­recht die gegen­wär­tige Praxis ist, erläu­tert die Poli­ti­kerin in der London Times, am Bei­spiel der tra­di­ti­ons­rei­chen Sport­stadt Leeds: Wir haben diese bizarre Situa­tion, dass man als Cri­cket-Fan nach Hea­dingley gehen und trinken darf, aber wenn man als Fuß­ball-Anhänger in die Elland Road geht, kann man dort nicht trinken.“ Tat­säch­lich dürfen Cricket‑, aber auch Rugby-Fans auf eng­li­schen Tri­bünen so viel saufen – Ver­zei­hung: trinken – wie sie wollen. Von Pferde- oder Wind­hund­rennen ganz zu schweigen.

Nun zeichnet sich auch im Fuß­ball ein Ende der Tro­cken­zeit ab. In der London Times nannte Crouch zwei zen­trale Argu­mente für eine Auf­he­bung des Trink­ver­bots auf den Tri­bünen bzw. in Sicht­weite des Spiel­feldes“, wie es in dem ent­spre­chenden Erlass heißt: Zum einen nutzen zahl­reiche Zeit­ge­nossen die Minuten vor dem Anpfiff und die 15- bis 20-minü­tige Pause für eine regel­rechte Druck­be­tan­kung, die nicht selten spon­tane Per­sön­lich­keits­ver­än­de­rungen bewirkt. Wir bringen die Leute dazu, zur Halb­zeit schnell zu trinken“, bemän­gelt Crouch. Das ist der unge­sunde Aspekt in der Bezie­hung des Fuß­ball­fans zum Alkohol. Meine Emp­feh­lung ist also, dies so zu steuern, dass sie zur Halb­zeit kein Bier trinken müssen.“

Ein­nah­me­quelle: Bier

Zum anderen ist der Bier­ver­kauf gerade für Ver­eine der unteren Pro­fi­ligen eine emi­nent wich­tige Ein­nah­me­quelle, wie Crouch im Rahmen ihrer Unter­su­chung lernte: Nehmen Sie einen Verein wie Dul­wich Hamlet, der in der National League South spielt (6. Liga; die Redak­tion). Deren Ein­nahmen werden haupt­säch­lich durch Getränke gene­riert.“ Steigt Dul­wich jedoch in die National League auf, fallen diese Ein­nahmen auto­ma­tisch weg. Der Verein hat uns offen gesagt, dass sie sich einen Auf­stieg auf­grund der Alko­hol­regel gar nicht leisten könnten“, sagt Crouch. Viele Klubs dieser Grö­ßen­ord­nung erwirt­schaften einen Groß­teil ihres Ein­kom­mens durch den Geträn­ke­aus­schank, und ich denke, es ist an der Zeit, sich dieses Thema noch einmal anzu­sehen.“

Crouchs Vor­schlag ist ebenso ein­fach wie ein­leuch­tend: Sie will das Tri­bünen-Trink­verbot schritt­weise auf­heben, zunächst einmal für die viert­klas­sige League Two und die nach­fol­gende National League. Klei­nere Klubs wie Leyton Orient, Oldham Ath­letic oder die Tran­mere Rovers sollen dort erproben, was bei ent­spre­chend posi­tivem Ver­lauf auch in den höheren Spiel­klassen gestattet werden könnte: ein lau­warmes Pint im Plas­tik­be­cher auf der Tri­büne fach­män­nisch zu ver­nichten. Und danach viel­leicht noch eines.