Wer hat eigent­lich gesagt, dass Borussia Dort­mund ein Men­ta­li­täts­pro­blem hat? Hat doch allein dieser Verein – ins­be­son­dere seine Stürmer Götze und Reus – am letzten Wochen­ende ver­hin­dert, dass die Bun­des­liga einen his­to­ri­schen Durch­marsch der Aus­wärts­teams erlebt. Beide trafen ins Tor, wodurch die Dort­munder dem SV Werder mit Ach und Krach ein 2:2 abtrotzten.

Vorbei war es mit dem schönen Gäste-Sweep, doch auch so hat die deut­sche Eli­te­klasse einen Spieltag wie den letzten noch nie erlebt: acht Aus­wärts­siegen steht ein mick­riges Remis gegen­über, was im Übrigen auch keine vor­über­ge­hende sta­tis­ti­sche Schrulle ist, son­dern ein Trend der aktu­ellen Saison. Die Bilanz nach sechs Spiel­tagen: 20 Heim­siege, 11 Unent­schieden und 23 Aus­wärts­siege. So dass man sich all­mäh­lich fragen muss: Was wurde eigent­lich aus dem guten alten Heim­vor­teil?

Angst essen Seele auf

Früher war ein durch­schnitt­li­cher Bun­des­li­gist glück­lich und zufrieden, wenn ihm drei oder vier Aus­wärts­siege in der Saison gelangen, und selbst die Spieler des großen FC Bayern bekamen vor Angst ner­vösen Stuhl­gang, wenn sie zum Bei­spiel auf den Lau­terer Bet­zen­berg mussten. Weil sie wussten, dort gibt’s auf die Kno­chen, und beim Ein­wurf sto­chern die Rentner durch den Zaun mit ihren Spa­zier­stö­cken nach dir. Ob das alles dann tat­säch­lich immer so kam, war im Grunde irrele­vant, allein die Pro­jek­tion war genug, denn bereits Rainer Werner Fass­binder wusste: Angst essen Seele auf.

Und heute? Die Sta­dien sind eher kom­for­tabel als ang­st­ein­flö­ßend, die Rentner von einst betrachten schon lange die Radies­chen von unten und der all­ge­gen­wär­tige Ultra­ge­sang ist eher dazu geeignet, das eigene Team ein­zu­schlä­fern als den Gegner das Fürchten zu lehren. Hinzu kommt, dass die meisten Mann­schaften lieber abwarten und umschalten, als selbst das Spiel zu machen, was in fremden Sta­dien tat­säch­lich leichter umsetzbar ist, weil im eigenen das Publikum bei­zeiten zu murren beginnt.

Einmal ent­zau­bert, ist der Tur­naround nur schwer zu schaffen

Schlechte Zeiten also für den Heim­vor­teil, den man getrost auf die Liste bedrohter Fuß­ball­kul­tur­phä­no­mene setzen kann, denn mit ihm ist es wie mit der SPD: einmal ent­zau­bert, ist der Tur­naround nur noch schwer zu schaffen. Dabei machen sich die Men­schen gar nicht bewusst, wie viel ärmer das Leben in Deutsch­land sein wird, ohne die Sozi­al­de­mo­kratie ebenso wie ohne den Heim­vor­teil.

Okay, die Par­tei­po­litik lassen wir jetzt mal außen vor, doch man stelle sich bitte vor, welche Folgen die Umkeh­rung der tra­di­tio­nellen sta­tis­ti­schen Statik hätte, wonach Heim­siege die Regel und Aus­wärts­siege die Aus­nahme sind. Wer ginge denn noch ins Sta­dion, wenn er wüsste, dass das hei­mi­sche Team in zwei von drei Fällen auf die Mütze bekommt? Wer würde sich gar eine Dau­er­karte kaufen, es sei denn, er oder sie wären von maso­chis­ti­schem Gemüt? Die Gefahren, die sich daraus für den deut­schen Fuß­ball ergeben, sind nicht hoch genug ein­zu­schätzen. 

Was jetzt noch hilft, ist allen­falls eine Renais­sance des guten alten Heim­schieds­rich­ters, am besten mit Unter­stüt­zung einer noch zu ent­wi­ckelnden, streng gäs­te­feind­li­chen Video­technik. Und natür­lich braucht es mutige Männer wie Mario Götze und Marco Reus, die sich dem Trend ent­ge­gen­stellen. Echte Men­ta­li­täts­monster eben.