Loyle Carner, Ihr Lieb­lings­klub Liver­pool FC spielt gegen den FC Bayern im Ach­tel­fi­nale der Cham­pions League. Wie geht’s aus?
Ich werde nicht ankün­digen, dass Liver­pool weiter kommt – und auch nicht, dass sie Meister werden. Denn dann geht es näm­lich nicht in Erfül­lung. Das ist so eine kuriose Fan-Logik. Aber ich glaube, wir haben einen Vor­teil in dieser Runde: die Schnel­lig­keit. Beide Spiele werden rund um die Ver­tei­di­gungs­linie der Bayern ent­schieden werden. Wir müssen die Räume nutzen, die sie gerade in der Rück­wärts­be­we­gung anbieten.

Was meinen Sie genau?
Jerome Boateng ist ein her­aus­ra­gender Ver­tei­diger. Wenn du direkt auf ihn zuläufst, wird er dich tacklen und den Ball gewinnen. Wenn du aber den Ball in den Raum hinter ihn legen kannst, hat er keine Chance. Salah, Bobby Fir­mino oder Sadio Mane können das eis­kalt aus­nutzen. Die Jugend ist auf unserer Seite. Bayern wird treffen, ihr Deut­schen trefft schließ­lich immer – es geht darum, dass wir mehr Tore schießen. Ganz ein­fach.

Dabei ist die Ver­tei­di­gung rund um Virgil van Dijk auch ein Prunk­stück von Liver­pool.
Wohl wahr. Ich mag Joel Matip, den ihr ja von seiner Zeit auf Schalke kennt. Wenn er Ruhe hat, kann er dem Aufbau sehr helfen. Ich glaube aber, dass sich Dejan Lovren besser mit van Dijk ver­steht. Und van Dijk ist sowieso der über­ra­gende Mann. Leider fehlt er im Hin­spiel wegen einer Sperre.

Liver­pool hat zuletzt einige Punkte liegen lassen. Hat das Team gerade Angst vor der eigenen Cou­rage?
Sie spüren den Druck, das merkt man. Jedes Mal, wenn die Jungs das Handy raus­holen oder die Zei­tung auf­schlagen, lesen sie: Liver­pool muss jetzt den Vor­sprung aus­bauen. Liver­pool muss die Aus­rut­scher nutzen.“ Natür­lich hat das einen großen Ein­fluss auf die men­tale Seite. Vor dem Spiel gegen Bour­ne­mouth war City gleichauf und plötz­lich kehrte Liver­pool wieder zum alt­be­kannten Angriffs­fuß­ball zurück. Als wäre der Druck weg. Das Spiel ging 3:0 aus, hätte aber auch 6:0 enden können. Jetzt werden einige sagen: Das war nur Bour­ne­mouth.“ Aber auch Bour­ne­mouth kann ein unan­ge­nehmer Gegner sein – und auf dem Weg zum Titel musst du gerade diese Teams schlagen.

Wie sehen Sie Trainer Jürgen Klopp?
Ich liebe ihn, er ist wie der nette Onkel. Er hat die Mensch­lich­keit zurück in den eng­li­schen Fuß­ball gebracht. Bis auf die Trainer der Wolves und von Brighton lang­weilen mich die Coa­ches der Pre­mier League. Sie sind ent­weder zu alt oder können sich nicht gut aus­drü­cken. Ein Pep Guar­diola ist fach­lich unan­tastbar, doch in den Inter­views packt er mich nicht. Er sagt Dinge wie I feel so much…“, I care so much…“ aber er wirkt auf mich nicht so, als würde er sich groß darum scheren. Klopp ist auf­richtig, er liebt dieses Spiel von Herzen.

Sie sind echter Liver­pool-Fan, tragen aber bei den Kon­zerten ein Shirt des großen Rivalen Man United. Das müssen Sie erklären.
Mein Vater war ein glü­hender Man United-Fan, sein großes Idol war Eric Can­tona. Als ich vier Jahre alt war, schauten wir zusammen die WM 1998 in Frank­reich. Michael Owen erzielte dieses wahn­sin­nige Solo-Tor gegen Argen­ti­nien. Ich fragte meinen Dad: Wer ist das?“ Er sagte: Michael Owen, er spielt für Liver­pool.“ Darauf ich: Ok, das ist es. Das ist mein Team.“

Das wird Ihren Vater nicht erfreut haben…
Glauben Sie mir, wir haben uns nach den Spielen richtig gefetzt. Alles natür­lich aus Spaß. Am Essens­tisch ging es hoch her: Meine Mutter ist Dau­er­kar­ten­be­sit­zerin von Crystal Palace, mein Opa war Fan der Glasgow Ran­gers. Er hat mich auch zu meinem ersten Fuß­ball­spiel über­haupt mit­ge­nommen. Die Ran­gers spielten aus­wärts in Kli­mar­nock. Wir standen im Heim­sektor, des­wegen musste ich bei den Toren heim­lich jubeln.

Wieso also das Man United-Trikot?
Mein Vater ist vor einigen Jahren ver­storben. Er konnte nie eine Live-Show von mir sehen. Also nehme ich sein Can­tona-Trikot mit auf die Bühne, damit ich ihn bei mir fühle. Ich habe einen Song für ihn geschrieben, den ich Can­tona“ nannte. Viel­leicht hört er den Song in irgend­einer fünften Dimen­sion. Ich wollte ihm damit zeigen, dass ich selbst meine große Liebe Liver­pool opfere und einen Song nach seinem großen Helden benenne – obwohl der als United-Ikone eigent­lich mein Feind sein müsste.

Sie haben Can­tona auch per­sön­lich getroffen. Wie haben Sie ihn erlebt?
Ein super Typ, wir haben uns echt gut ver­standen. Das Treffen war für mich natür­lich mit gemischten Gefühlen ver­bunden. Eigent­lich hätte mein Dad Can­tona treffen sollen. Wir haben uns nett unter­halten, über Fuß­ball und Musik, ab und an schreiben wir uns noch. Ich schicke ihm einige Links von Jazz-Stü­cken, weil er in unserem ersten Treffen von dieser Musik schwärmte. Meis­tens schreibt er zurück: Beau­tiful jazz. See you soon.“ Schwär­me­risch und kurz – sehr fran­zö­sisch.