Andreas Köpke, was ist für Sie als Tor­wart­trainer der Deut­schen Natio­nal­mann­schaft ein moderner Tor­hüter?
Andreas Köpke: Das Grund­sätz­liche war und ist das Halten der Bälle. Daneben sind es das Stel­lungs­spiel, die Straf­raum­be­herr­schung und das Mit­spielen. Ein Tor­wart muss heute nicht mehr nur den Fünf-Meter­raum beherr­schen son­dern eher eine 20 Meter-Zone, da die Abwehr­reihen oft wesent­lich höher stehen als früher. Man muss viel mehr anti­zi­pieren, Bälle ablaufen. Ganz ent­schei­dend ist das Umschalt­spiel. Ein Tor­wart muss genau wissen, wann er das Spiel schnell oder langsam macht. Wie Manuel Neuer gegen Real Madrid. Das war per­fekt.

Der Tor­wart ist also auch aus tak­ti­scher Sicht ein viel grö­ßerer Faktor als früher?
Andreas Köpke: Absolut. Wenn ich einen mit­spie­lenden Tor­hüter habe, kann ich die Abwehr weiter vorne posi­tio­nieren. Habe ich einen Tor­hüter, der nur auf der Linie steht, wäre eine hoch­ste­hende Abwehr fatal. Das Gesamt­paket aus Mann­schaft und Tor­wart muss stimmen.

Ori­en­tiert sich auch Joa­chim Löw mit seiner Spiel­weise an den Tor­hü­tern?
Andreas Köpke: Auf jeden Fall. Ohne einen mit­spie­lenden Tor­wart wie Manuel Neuer könnten wir nicht so offensiv spielen. Inzwi­schen haben wir ein klares Anfor­de­rungs­profil für Tor­hüter, das sie erfüllen müssen, um bei uns zu spielen.

Erfüllen die vielen Tor­hü­ter­ta­lente in der Bun­des­liga dieses Anfor­de­rungs­profil? Oder werden sie zu sehr gehypt?
Andreas Köpke: Spieler wie Bernd Leno oder Marc-Andre ter Stegen spielen ja nicht, weil sie jung sind, son­dern weil sie wirk­lich so gut sind. Und die Ent­wick­lung ist ja noch lange nicht zu Ende bei den jungen Tor­hü­tern. Es wird Rück­schläge für sie geben, doch diese Genera­tion macht nicht den Ein­druck, dass sie so was aus der Bahn werfen wird. Sie haben gute Per­spek­tiven.

»> Die Kar­riere von Andreas Köpke in der Bil­der­strecke »>

Warum haben wir aktuell eine so talen­tierte Genera­tion?
Andreas Köpke: Das hat viel mit den Nach­wuchs-Leis­tungs­zen­tren der Bun­des­liga-Ver­eine zu tun, die nach der kata­stro­phalen EM 2000 gegründet wurden. Dort werden die jungen Tor­hüter früh­zeitig auf den Pro­fi­sport vor­be­reitet, durch Leis­tungs­ana­lysen wird ziel­ge­richtet mit ihnen gear­beitet. Druck sind sie schon früh­zeitig gewohnt aus den Jugend-Bun­des­ligen, deren Qua­lität sehr hoch ist. Außerdem haben sie dort bereits sehr gute Tor­wart­trainer, die die Jungs för­dern und formen. Von der Talent­dichte sind wir in Europa der­zeit am stärksten.

Sie sind seit 2004 Tor­wart­trainer der Natio­nal­mann­schaft. Mussten Sie sich erstmal daran gewöhnen, nun Tor­hüter zu trai­nieren statt einer zu sein?
Andreas Köpke: Nein, das nicht, ich hatte von Anfang klare Vor­stel­lungen von meinem Trai­ning. Die ein­zige Umstel­lung war, dass ich mit Oliver Kahn und Jens Leh­mann nun zwei Tor­hüter hatte, mit denen ich vorher noch selbst zusam­men­ge­spielt und trai­niert habe. Und jetzt war ich ihr Trainer. Im Übrigen habe ich auch nicht alles Vor­he­rige über den Haufen geworfen und alles anders gemacht. Es war ein Mit­ein­ander.

Inwie­fern hat sich das Tor­wart­trai­ning denn seit Ihrer aktiven Zeit ver­än­dert?
Andreas Köpke: Es ist wesent­lich kom­plexer geworden, weil inzwi­schen so viele Kom­po­nenten wie Technik, Taktik, Kon­zen­tra­tion, Kraft, Aus­dauer und Koor­di­na­tion dazu­ge­hören. Die größte Ver­än­de­rung ergab sich durch die Anfor­de­rung an den modernen Tor­wart, mehr mit­zu­spielen.

Das heißt?
Andreas Köpke: Früher gab es vor­zugs­weise das starre Tor­wart­trai­ning, bei dem der Tor­wart­trainer alleine seine Tor­hüter trai­nierte. Das ist auch heute noch ein Bestand­teil, jedoch werden die Tor­hüter viel­mehr am nor­malen Trai­ning betei­ligt. Damit meine ich nicht Tor­schüsse, son­dern tak­ti­sche Ein­heiten. Die Tor­hüter spielen etwa mal im Feld oder machen bei Pass­übungen mit.

Da mussten Sie sich wahr­schein­lich auch umge­wöhnen, weil Sie ja noch die alten Trai­nings­formen kennen.
Andreas Köpke: Das kam nicht von heute auf morgen, das ist richtig. Man lernt ja auch als Trainer ständig dazu. In den Jahren habe ich Übungen und Ver­mitt­lungs­formen ent­wi­ckelt, die den Anfor­de­rungen des modernen Tor­wart­spiels ent­spre­chen. Aber es gibt auch Übungen, welche ich selbst noch absol­viert habe, bei­spiels­weise im Bereich der Sprung­kraft und Explo­si­vität. Nur weil sie alt sind, sind sie ja nicht schlecht oder unzeit­gemäß.

Spre­chen Sie regel­mäßig mit den Tor­wart­trai­nern der Bun­des­li­gisten?
Andreas Köpke: Das mache ich über das Jahr ver­teilt und das ist auch wichtig, weil ich die Tor­hüter bei nor­malen Län­der­spielen nur sehr kurz bei mir habe. Gegen Frank­reich zuletzt waren es ganze ein­ein­halb Tage. Da können sie sich aus­rechnen, wie viel Trai­nings­zeit wir hatten.

Sie haben die Spieler bei einer EM mal eine län­gere Zeit zusammen. Was trai­nieren Sie dann mit den Tor­hü­tern?
Andreas Köpke: Im Prinzip machen wir eine nor­male Vor­be­rei­tung. Des­halb ist der Einzug der Bayern in das Cham­pions League Finale für uns nicht so vor­teil­haft, obwohl es eine tolle Sache für den deut­schen Fuß­ball ist. Manuel Neuer kommt zwar mit breiter Brust, steigt aber sehr spät in unser Trai­ning ein und wir müssen ins­ge­samt auf die Belas­tung auf­passen.

Was bedeutet das kon­kret für Ihre Trai­nings­pla­nung?
Andreas Köpke: Wir trai­nieren kürzer, aber inten­siver, arbeiten viel an der Explo­si­vität, Reak­ti­ons­fä­hig­keit und fuß­ball­spe­zi­fi­sche Sachen. Wir bauen keine Kon­di­tion auf, son­dern sorgen dafür, dass die Spieler ihre Form halten. Man darf nicht ver­gessen, dass die Spieler eine sehr lange Saison hinter sich haben. Die nicht­ein­ge­setzten Tor­hüter trai­nieren ins­ge­samt natür­lich mehr, weil sie das auf­holen müssen, was sie durch das Fehlen im Spiel ver­passt haben. Das ist genauso wie bei den Feld­spie­lern.

Ist es schwierig Tor­hüter aus ver­schie­denen Ver­einen zu trai­nieren? Jeder hat seinen Stil und kennt ein anderes Trai­ning aus dem Verein.
Andreas Köpke: Nur am Anfang. Das kenne ich aus eigener Erfah­rung. Nach meinem ersten Trai­ning mit Sepp Maier habe ich Mus­keln gespürt, die ich vorher gar nicht kannte. Doch daran gewöhnt man sich dann schnell.

Wie viel Ent­schei­dungs­ge­walt haben Sie bei der Aus­wahl der drei Tor­hüter?
Andreas Köpke: Die Aus­wahl pas­siert im Trai­ner­team. Wir sind die ganze Saison über im stän­digen Aus­tausch und dis­ku­tieren die The­matik dann. Die letzte Ent­schei­dung obliegt natür­lich dem Bun­des­trainer. Aus­ein­an­der­ge­legen haben wir bei der Ent­schei­dungs­fin­dung aber noch nie.

Aber Sie rufen die Tor­hüter dann an, ob sie bei einem Tur­nier dabei sind oder nicht?
Andreas Köpke: Ja, das ist meine Auf­gabe. Was nicht immer leicht ist. 2008 Timo Hil­de­brand mit­zu­teilen, dass er nicht mit­kommt, war das schlimmste Gespräch, was ich je geführt habe. Diese Ent­schei­dung fiel auch im Trai­ner­team. Timo ist ein fan­tas­ti­scher Tor­hüter und ein Supertyp. Umso bru­taler war es dann.

Ist es dann nicht belas­tend, im Moment so viele gute Tor­hüter zur Aus­wahl zur haben?
Andreas Köpke: (lacht) Wenn, dann ist es für die Tor­hüter belas­tend, weil es so einen großen Kon­kur­renz­kampf gibt. Ich bin eigent­lich ganz froh über die Qual der Wahl.

Die aktu­elle Nummer Eins, Manuel Neuer, ist mit 26 Jahren auch noch recht jung. Ist es mög­lich, dass einige her­vor­ra­gende Tor­hüter keine oder zumin­dest kaum Län­der­spiele in ihrer Kar­riere machen werden?
Andreas Köpke: Die Gefahr besteht. Die jungen Talente üben einen enormen Druck auf die Eta­blierten aus, doch Manuel Neuer ist unsere klare Nummer Eins. An ihm gibt es der­zeit nichts zu rüt­teln. Die Jungen müssen lernen zu warten. Wie schnell es gehen kann hat das trau­rige Bei­spiel Rene Adler gezeigt. Eigent­lich sollte er die Nummer Eins bei der WM 2010 sein, doch dann kamen die Ver­let­zungen dazwi­schen. Und jetzt muss er sich in der Bun­des­liga wieder her­an­kämpfen.

Sie haben die Posi­tion des Tor­wart­trai­ners sehr kurz­fristig über­nommen, nachdem sich Ihr Vor­gänger Sepp Maier mit dem dama­ligen Team­chef Jürgen Klins­mann über­worfen hatte und gehen musste. Wie lief ihre Ver­pflich­tung genau ab?
Andreas Köpke: Jürgen rief mich an und fragte: Andi, willst du es machen?“ Wir haben ja 1988 zusammen in der Olym­pia­aus­wahl gespielt, sind 1990 Welt- und 1996 Euro­pa­meister geworden und haben die Fuß­ball­lehrer-Prü­fung gemeinsam absol­viert. Der Kon­takt ist nie abge­rissen.

Hatten Sie Bedenken, die Nach­folge von Sepp Maier anzu­treten? Unter ihm haben Sie selber in der Natio­nal­mann­schaft trai­niert.
Andreas Köpke: Grund­sätz­lich ist mir die Ent­schei­dung nicht schwer gefallen, aber ich hätte es nicht gemacht, wenn die Frage gewesen wäre Sepp Maier oder Andi Köpke?“ Schließ­lich hatte ich Sepp viel zu ver­danken und wir hatten ein sehr gutes Ver­hältnis. Das hat sich bis heute auch nicht geän­dert. Doch es stand vor Klins­manns Kon­takt­auf­nahme ja schon fest, dass die Ära Maier zu Ende war und es ging darum, einen Nach­folger zu finden.

Hat man nach acht Jahren nicht das Bedürfnis, etwas anderes zu machen? Even­tuell bei einem Verein zu arbeiten, wo Sie täg­lich mit Tor­hü­tern trai­nieren könnten?
Andreas Köpke: Nein, ich habe ja auch nicht umsonst bis 2014 den Ver­trag ver­län­gert. Es macht immer noch rie­sigen Spaß. Vor allem in der Kon­stel­la­tion mit Joa­chim Löw, Hansi Flick und Oliver Bier­hoff. Einen sol­chen Zusam­men­halt in einem Trai­ner­team habe ich noch nie erlebt. Diese Ver­trau­ens­basis macht Freude und natür­lich auch der große Erfolg in den ver­gan­genen Jahren. Wir haben eine her­vor­ra­gende Mann­schaft, fan­tas­ti­sche Tor­hüter und noch einige große Ziele.