Als David Alaba vor der Fern­seh­ka­mera stand, merkte er bald, wohin die ganze Fra­gerei zielte. Wäh­rend er in den andert­halb Stunden zuvor gegen Olym­pique Lyon über den Rasen gewetzt war, hatte sich näm­lich um dieses Spiel eine Wolke von Exper­ten­kom­men­taren und Social-Media-Postings gebildet, die Zweifel anmel­dete. Ja, das alles mochte viel­leicht gegen Lyon gut gegangen sein, aber – Hui, Hui, Hui – gegen Neymar und Kylian Mbappè im Finale am Sonntag gegen Paris Saint-Ger­main könnte das ganz anders aus­gehen. So hoch wie die Bayern unter Hansi Flick ver­tei­digen – Oh je, Oh weh – das könnte bitter werden.

Alaba musste sich noch einen Moment ordnen, wie das manchmal der Fall ist, wenn Spieler erst kapieren müssen, was in den Köpfen ihres Publi­kums los ist. Und dann sagte er lako­nisch, dass die Spiel­weise der Bayern halt ris­kant sei. Und das war des­halb eine wirk­liche inter­es­sante Aus­sage, weil er das weder zwei­felnd, noch skep­tisch, noch ankla­gend sagte. Also im Sinne von: Tja, wir da hinten in der Abwehr müssen das aus­baden. Nein, Alaba sagte das ach­sel­zu­ckend, als würde er das sport­liche Geschäfts­mo­dell seiner Mann­schaft beschreiben.

Die Angst vor dem Ver­lust

Spek­ta­kulär ist das inso­fern, weil seit Jahren bes­tens erforscht ist, wie sehr Men­schen das Risiko hassen. Vor gut vier Jahr­zehnten beschrieben die beiden Psy­cho­logen Amos Tversky und Daniel Kah­ne­mann zum ersten Mal das Phä­nomen der Risiko-Aver­sion und das ihm ähn­liche der Ver­lust-Aver­sion. Sie belegten durch viele For­schungen, dass Men­schen irra­tio­naler Weise Ver­luste stärker negativ bewerten als Gewinne positiv. Das klas­si­sche Bei­spiele dafür ist: Wir ärgern uns mehr, wenn wir 100 Euro ver­lieren, als wir uns über gefun­dene 100 Euro freuen.

Im Fuß­ball haben wir das endlos oft erlebt, und es wird auch kaum mal in Frage gestellt, wozu das führt. Liegt eine Mann­schaft in Füh­rung und nähert sich das Ende des Spiels, beginnt sie in der Regel defen­siver zu spielen. Es gibt ja etwas zu ver­lieren. Oft genug bedeutet das aber, dass sie eine Stra­tegie auf­gibt, mit der man eigent­lich dem Gegner über­legen war und in Füh­rung gegangen ist. Dann wird viel­leicht sogar noch defensiv gewech­selt, also ein defen­siver kommt für einen offen­siven Spieler. Und dann fällt kurz vor Schluss doch noch ein Ball ins Tor: Aus­gleich, größter Frust. Derlei pas­siert an jedem Spieltag in allen mög­li­chen Ligen und Pokal­wett­be­werben, weil die Angst vor dem Risiko und dem Ver­lust tief in uns ein­ge­schrieben ist

Flick wie Cruyff

Es bedarf schon der ganz Großen des Fuß­balls, um sich dar­über hin­weg­zu­setzen. Johan Cruyffs Ego war sogar groß genug, in der Bedrän­gung zum Ende des Spiels mit­unter einen zusätz­li­chen Offen­siv­spieler ein­zu­wech­seln, ver­mut­lich zum totalen Horror der Fans auf den Tri­bünen. Doch auch Hansi Flick, nicht als cha­ris­ma­ti­sche Groß­figur ver­däch­tigt, hat seiner Mann­schaft offen­sicht­lich erfolg­reich die Angst vor dem Risiko abtrai­niert.

Dass Olym­pique Lyon in den ersten 20 Minuten des Halb­fi­nales der Cham­pions League die Bayern mit fan­tas­ti­schem Kon­ter­fuß­ball in aller­höchste Not brachte, ließ sie keinen Mil­li­meter vom Plan abwei­chen. Nun war der Plan sicher­lich nicht, den Gegner zweimal zu Kon­tern ein­zu­laden, die gut zu Toren hätten führen können. Und es ist auch ein inter­es­santes Muster, dass die Bayern in einigen Spielen – sogar beim 8:2 gegen Bar­ce­lona – zu Beginn Pro­bleme hatten, ihre Defen­sive richtig zu jus­tieren. Aber gene­rell ist die Mann­schaft bereit, ein gewisses Risiko aus­halten.