Dieser Text erschien erst­mals 2014 in unserer Spe­zi­al­aus­gabe Rivalen an der Ruhr“.

Als das große Jubi­läum naht, setzt sich der pen­sio­nierte Lehrer an seinen Com­puter und fängt an zu schreiben: Wir bilden einen schönen Rahmen / die heut wir hier zusammen kamen /​Der Grund, der ist wohl jedem klar / ist der Pokal­sieg heut’ vor 50 Jahr. Es werden mehr als 100 Verse, die erzählen, wie die Mann­schaft des ETB Schwarz-Weiß Essen im DFB-Pokal 1959 tri­um­phierte. Der Autor der Zeilen ist kein Fan, der einen Nost­al­gie­abend mit alten Freunden plant, son­dern kein Gerin­gerer als der spiel­ent­schei­dende Mann: Man­fred Rummel, der kan­tige Mit­tel­stürmer, der im Finale beim 5:2 über Borussia Neun­kir­chen zwei Tore erzielte. Mit seiner drol­ligen Gebrauchs­lyrik wird er die Lacher beim Treffen der ETB-Vete­ranen auf seiner Seite haben. Sein Gedicht führt zurück in eine ver­ges­sene Zeit, als die Koh­le­hoch­burg Essen das Maß aller Dinge im deut­schen Fuß­ball war. Zurück in die gol­denen Fünf­ziger.

Rummel ist im Ruhr­ge­biet ein bunter Hund. Der ver­gnügte Mitt­sieb­ziger spielte später für Preußen Münster und den FCK. Er coachte Bayer Lever­kusen und war mehr als 15 Jahre in wech­selnder Funk­tion für Rot-Weiß Ober­hausen tätig. Seinen größten sport­li­chen Erfolg aber feiert er als 21-Jäh­riger – mit dem Team aus dem Essener Süden. Von seiner Her­kunft passt der Kett­wiger per­fekt zu dem dis­tin­gu­ierten Image, das dem Essener Tur­ner­bund Schwarz-Weiß e.V. in der Indus­trie­stadt vor­aus­eilt. Sein Vater führt ein Unter­nehmen mit Hei­zungs­teilen, der talen­tierte Sohn muss das Abitur machen, bevor er von Zuhause die Erlaubnis erhält, 1958 beim ETB als Ver­trags­ki­cker anzu­heuern. Eine bür­ger­liche Exis­tenz in einer grauen Berg­mann­stadt.

Der ETB gilt als der Lack­schuh­klub

Seit den Zwan­zi­gern gilt der ETB als Lack­schuh­klub“. Das Kli­schee besagt, dass nur adrette Bür­ger­söhne im Süden Essens kicken. Bis in die Fünf­ziger hält sich das Gerücht, die ETB-Akteure wären so gestrie­gelt, dass sie sich sogar auf dem Rasen siezten. Auf der Haupt­tri­büne tum­meln sich die Mit­tel­ständler aus der Essener Ein­kaufs­straße, die am Wochen­ende bei der Fuß­lüm­melei ein biss­chen Zer­streuung im Freien suchen. Lange bevor Tri­bünen in Mul­ti­funk­ti­ons­arenen als Par­kett für Geschäfts­an­bah­nungen dienen, bietet die über­dachte Gerade des Uhlen­krug­sta­dions eine Event­ku­lisse. Wenn ein Fuß­ball­spiel wit­te­rungs­be­dingt aus­fällt, nehmen die Klub­ho­no­ra­tioren diesen Umstand klaglos hin, gerät aber irgend­eine Fes­ti­vität in Gefahr, abge­sagt zu werden, setzen die Bosse alle Hebel in Bewe­gung. Das Gesell­schaft­liche,“ sagt Man­fred Rummel, stand beim ETB immer im Vor­der­grund.“

Neun Kilo­meter nörd­lich sieht die Fuß­ball­welt ganz anders aus. Seit den späten Zwan­zi­gern ist im Arbei­ter­be­zirk Berg­ebor­beck mit Rot-Weiss Essen ein Klub groß geworden, dessen Prot­ago­nisten aus der Zeche kommen. Das soziale Gefälle, die Gegen­sätze im Namen und die regio­nale Nähe sorgen bald für eine gif­tige Riva­lität mit dem ETB. 1939 treffen die Ver­eine erst­mals in der Gau­liga Nord­rhein auf­ein­ander. RWE gewinnt am Uhlen­krug mit 3:1, der ETB revan­chiert sich an der Hafen­straße mit 5:0. Spä­tes­tens da ist klar, dass die Reichs­straße 1 (heute A 40) für Essens Fuß­ball fortan eine unsicht­bare Demar­ka­ti­ons­linie dar­stellen wird. Rot-Weiss sti­li­siert sich als volks­naher Kum­pel­klub, der den Gestopften aus dem Süden Paroli bietet. Kurz: Klas­sen­kampf mit sport­li­chen Mit­teln. Barfuß gegen Lack­schuh. Die zechen­er­fah­renen Anhänger aus Berg­ebor­beck kommen zu den Derbys fortan mit dem Ansinnen, von der Tri­büne unge­straft ihre Vor­ge­setzten beschimpfen zu können – oder zumin­dest deren Spröss­linge, die auf dem Rasen im schwarz-weißen Jersey kicken.

Nach dem Zweiten Welt­krieg haben sich die Kräf­te­ver­hält­nisse gedreht. RWE bemüht zwar wei­terhin das Kli­schee des Zechen­klubs. Doch kaum ein Spieler ver­dient sein Geld noch im Schacht. Ver­ant­wort­lich dafür ist der Schlot­baron“: Georg Mel­ches. Der Direktor der welt­um­span­nenden Didier-Kogag-Hin­sel­mann AG, eines Zulie­fer­kon­zerns im Stahlbau, nutzt seine geschäft­li­chen Ver­bin­dungen, um eine schlag­kräf­tige Mann­schaft auf­zu­bauen. Wäh­rend der ETB tra­di­tio­nell viel Wert auf seine Nach­wuchs­ar­beit legt, fahndet Mel­ches in den Nach­kriegs­jahren sehr intensiv nach Hoch­be­gabten. Und als guter Geschäfts­mann weiß er genau, wie er die Kicker locken kann: Neben dem fest­ge­schrie­benen Gehalt von maximal 320 Mark, bietet er den Neu­erwer­bungen eine beruf­liche Per­spek­tive, meist durch eine Zweit­ver­wen­dung im Didier-Uni­versum.

Helmut Rahn wech­selt 1951 für 7000 Mark

So wech­selt Helmut Rahn 1951 für eine Ablöse von 7000 Mark von den Sport­freunden Katern­berg zu RWE und wird als Fahrer beschäf­tigt. Dem Ver­nehmen nach nutzt Rahn den Opel Kapitän, der ihm von Didier gestellt wird, jedoch weit­ge­hend als Pri­vat­wagen. Nur wenn Georg Mel­ches Lust ver­spürt, mit seinem Edel­transfer das Ober­li­ga­ge­schehen zu dis­ku­tieren, for­dert der Mäzen ihn als Chauf­feur an. Der Kölner Keeper Fritz Her­ken­rath bekommt nach seinem Wechsel in Essen das Lehr­amts­stu­dium finan­ziert und wirkt anschlie­ßend als Werks­lehrer bei Didier. Auch wenn der Klub sich auf sein Underdog-Image beruft, der Grund dafür, dass RWE in der ersten Hälfte der Fünf­ziger zu höchsten Fuß­ball­weihen kommt, sind die wirt­schaft­li­chen Argu­mente, mit denen Mel­ches seine Neu­zu­gänge über­zeugt.

Im Zen­trum des Spiels steht der Spross einer Gewicht­he­ber­fa­milie, August Gott­schalk, ein hünen­hafter Regis­seur. Die Angriffs­reihe mit Helmut Rahn, Penny“ Isla­cker und Ber­nard Ter­math har­mo­niert besser als die Marx Bro­thers. Der ETB gerät zuse­hends ins Hin­ter­treffen. Nachdem RWE bereits 1948 in die Ober­liga West auf­steigt und als Neu­ling sofort die Vize­meis­ter­schaft gewinnt, folgt der Lack­schuh­klub“ erst drei Jahre später ins Ober­haus. Als es 1952 beim Ober­li­ga­derby an der Hafen­straße nach 37. Minuten zu einem Spiel­ab­bruch wegen eines Pfos­ten­bruchs kommt, steht es 1:1. Im Wie­der­ho­lungs­spiel aber unter­liegen die Schwatten“ kläg­lich mit 1:8. Die Kräf­te­ver­hält­nisse scheinen zemen­tiert. Am 1. Mai 1953 gewinnt der Klub im Düs­sel­dorfer Rhein­sta­dion das erste DFB-Pokal­fi­nale der deut­schen Fuß­ball­ge­schichte gegen Ale­mannia Aachen mit 2:1.

Die große Ame­rika-Reise

Mit aller Macht treibt Georg Mel­ches sein Vor­haben voran, RWE zu einer Top-Adresse im euro­päi­schen Spit­zen­fuß­ball zu machen. Der För­derer schickt seine Elf auf Welt­tournee. Zwei Monate vor Beginn der Welt­meis­ter­schaft 1954 bereisen die Rot-Weissen die USA, Peru, Uru­guay, Kolum­bien, Ecuador, Boli­vien und Argen­ti­nien. Die meisten RWE-Akteure sitzen das erste Mal in einem Flug­zeug. Eine lus­tige Rei­se­ge­sell­schaft. Plötz­lich sind die Spieler von RWE Bot­schafter des deut­schen Fuß­balls in der Welt. Die Kicker werden in Süd­ame­rika emp­fangen wie Staats­gäste. Nur einen Monat nach der Rück­kehr hat der Essener Helmut Rahn in Bern maß­geb­li­chen Anteil daran, dass Deutsch­land den WM-Titel erringt.

Ein Woge des Erfolges. Trainer Karl Hoh­mann, der die Mann­schaft seit 1949 mit sen­si­bler Hand führt, tritt zurück und wird durch Fritz Szepan ersetzt. Der Schalke-Veteran muss das ein­ge­spielte Team nur bei Laune halten, damit die Saison 1954/55 in einer Stern­stunde für den Ruhr­pott­fuß­ball mündet. Im Finale um die Deut­sche Meis­ter­schaft dreht RWE in Han­nover einen 0:2‑Rückstand gegen den 1. FC Kai­sers­lau­tern und gewinnt mit 4:3.