Seite 3: „Um zu bestehen, braucht man gute Zirkulationsspieler“

Bald jährt es sich zum 20. Mal, dass Ralf Rang­nick der Nation im Aktu­ellen Sport­studio“ ganz grund­le­gende Dinge an der Magnet­tafel erklären musste. Heute ist Taktik all­ge­gen­wärtig. Was ist da pas­siert?
Für mich war die Video­ana­lyse der große Durch­bruch. Ich selbst habe damit ange­fangen, als ich 18 oder 19 war und bei Sechzig die Tor­hüter trai­nierte. Ich habe mit der Kamera am Spiel­feld­rand gestanden und Bewe­gungen ana­ly­siert – wo ist der Kör­per­schwer­punkt, wie muss man den Fuß setzen? Durch diese Visua­li­sie­rung konnte man Dinge, die man emo­tional wahr­ge­nommen hatte, nun objek­ti­vieren und dem Spieler zeigen. Videos haben später auch geholfen, den Tak­tik­be­reich extrem wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Trotzdem ist es ver­blüf­fend, dass in einem Land, das noch 1998 als tak­tisch hoff­nungslos rück­ständig galt, heute ganz nor­male Fans Tak­tik­freaks sind.
Als ich Lehrer in der Real­schule war, hatte ich Schüler in der fünften Klasse, die mir genau erklären konnten, was eine Dop­pel­sechs ist.

Lesen Sie eigent­lich Blogs wie spiel​ver​la​ge​rung​.de?
Nein, eher nicht. Meine Fort­bil­dung besteht darin, mir Spiele anzu­schauen. Als Chef­trainer im NLZ hatte ich den Vor­teil, dass ich Sachen an die Trainer wei­ter­geben konnte, die sie dann aus­pro­biert haben. Es ist ja ein Unter­schied zwi­schen Reiß­brett und Spiel­feld.

Sie haben mal gesagt, jeder Plan sei eigent­lich nur dafür da, um dem Spieler auf dem Platz ein Gefühl der Sicher­heit zu geben.
Genau. Und das Gefühl erar­beitet man sich unter der Woche. Nehmen wir als Bei­spiel das Pres­sing. Das Ziel ist ja die Bal­ler­obe­rung. Der Spieler hat also ein gutes Gefühl, wenn er in Zwei­kämpfe kommt, die eine Bal­ler­obe­rung mög­lich machen. Die Grund­ord­nung dient dazu, ihn in diese Zwei­kämpfe kommen zu lassen. Wenn das nicht klappt, dann rennt er immer nur hin­terher und plötz­lich sind wir nur noch am Ver­schieben, um Tore zu ver­hin­dern. Auch Pres­sing kann ein Mittel zum Ver­hin­dern von Toren sein, doch für mich ist es in erster Linie ein Mittel zum Erzielen von Toren.

Das führt zur zweiten wich­tigen Sache des Som­mers, der WM. Viele Experten zogen das Fazit, dass der Ball­be­sitz­fuß­ball auf dem Rückzug ist.
Für mich hatte die wich­tigste Erkenntnis nichts mit Taktik zu tun. Da sind wir wieder beim Gefühl. Denn der Erfolg der Kroaten hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass du dich mit deiner Auf­gabe iden­ti­fi­zierst und stolz bist, für dein Land zu spielen. Grund­sätz­lich ist es aber so, dass du mit einer Natio­nalelf wenig Zeit hast, Ball­be­sitz ein­zu­stu­dieren. Des­wegen haben sich viele Teams dagegen ent­schieden. Ich glaube aber nicht, dass Ball­be­sitz out ist.

Sie haben auch gesagt, dass sich der Fuß­ball weg von der Ball­zir­ku­la­tion ent­wi­ckelt hat, weil die Nach­wuchs­leis­tungs­zen­tren Angriffs­pres­sing lehren, also Pres­sing ganz nah vor dem geg­ne­ri­schen Tor, wodurch geord­neter Spiel­aufbau immer schwie­riger wird.
Das stimmt. Um gegen Angriffs­pres­sing zu bestehen, braucht man sehr gute Zir­ku­la­ti­ons­spieler, so nenne ich sie. Wenn man vor allem Ver­ti­kal­spieler hat, dann führt das dazu, dass mit langen Bällen ope­riert wird. Früher stand der Gegner tiefer, da musste man über die Zir­ku­la­tion kommen und hatte Zeit, weil man nicht sofort unter Druck gesetzt wurde.

Was ist der nächste Schritt? Was wird die Reak­tion auf Angriffs­pres­sing sein?
Der zweite Ball wird jetzt kommen.