Seite 2: Spiele unter Raketenbeschuss

Sport­lich gesehen erwies sich der Wechsel an die Front schnell als eine aus­ge­spro­chen gute Ent­schei­dung. Kerimow wurde sofort Stamm­spieler einer Mann­schaft, deren schwie­rige Situa­tion sie beson­ders heim­stark machte. Abge­sehen vom ersten Spiel wurden alle Par­tien im hei­mi­schen Imaret-Sta­dion gewonnen. Aller­dings mussten einige Spiele abge­bro­chen werden, weil der Rake­ten­be­schuss so nahe kam, dass für Zuschauer und Spieler unmit­tel­bare Lebens­ge­fahr bestand. 

Nie­mand wusste, wie es wei­ter­gehen würde

Trotzdem endete die Saison mit dem größt­mög­li­chen Tri­umph, denn Kerimow gewann mit dem FK Qarabag das Double. Im Mai 1993 holte seine Mann­schaft vor zehn­tau­send Zuschauern in Baku zunächst den Pokal, und am 1. August siegte sie dort auch noch im End­spiel um die Meis­ter­schaft.

Doch da waren nur noch halb so viele Zuschauer im Sta­dion wie beim Cup­fi­nale, die Leute hatten plötz­lich ganz andere Sorgen als Fuß­ball. Acht Tage zuvor war Agdam von arme­ni­schen Truppen besetzt worden. 130 000 Bewohner flohen aus der Stadt und der näheren Umge­bung. Nie­mand wusste, wie es wei­ter­gehen würde. Gleich nach Ende des Spiels packten die Spieler ihre Sachen zusammen, es gab Wich­ti­geres zu tun. Wie schlimm es um ihre Hei­mat­stadt stand, hatte man ihnen erst nach Spiel­schluss gesagt, und die meisten machten sich direkt auf die Suche nach ihren Ange­hö­rigen.

Agdam sollte für immer unbe­wohnbar bleiben

Eine Meis­ter­feier gab es nicht. Kerimow, der Junge aus Baku, nahm die U‑Bahn und fuhr zum großen Bou­le­vard der Stadt. Auf dem Schwarz­markt kaufte er eine Dose Cola, ging zur Ufer­pro­me­nade hin­über und schaute aufs Kas­pi­sche Meer hinaus. Er beschloss, dass er mit seinen Mann­schafts­ka­me­raden noch mal eine rich­tige Meis­ter­party feiern würde. In diesem Moment konnte er aller­dings nicht wissen, dass sein Klub das Schicksal vieler Men­schen in der Region teilen würde.

Denn fortan konnte der FK Qarabag nicht mehr in Agdam spielen. Auf die mas­siven Zer­stö­rungen des Krieges folgten Plün­de­rungen. Fast alle Gebäude wurden demo­liert, aus Häu­sern wurde Bau­ma­te­rial. Agdam sollte für immer unbe­wohnbar und Teil einer weit­ge­hend men­schen­leeren Puf­fer­zone zwi­schen Arme­nien und Aser­bai­dschan werden. Auch vom kleinen Imaret-Sta­dion, wo der Klub fast fünf Jahr­zehnte lang gespielt hatte, blieben nur Ruinen. Die Mann­schaft aus der Geis­ter­stadt wurde zu einer im Exil. Fortan trug sie nur noch Aus­wärts­spiele aus.

Neben den über 30 000 Toten ver­trieb der Krieg bis zu seinem Ende 1994 rund 350 000 Arme­nier und 750 000 Aser­bai­dschaner aus ihrer Heimat. Damit kam dem FK Qarabag eine neue Rolle zu. Nun wärmten sich all jene an ihm, die eben­falls im Exil waren. Jah­re­lang trug der Verein seine Heim­spiele an wech­selnden Orten im ganzen Land aus.