Seite 3: „Wir können es niemandem recht machen“

Zu diesem Zeit­punkt war er längst fester Bestand­teil der Natio­nalelf, was trotz seiner Leis­tungen nicht selbst­ver­ständ­lich war und viel mit Andreas Herzog zu tun hatte, bis zum Sommer 2020 Natio­nal­trainer von Israel. Wenn ein Ein­hei­mi­scher die Mann­schaft trai­niert hätte, wären nie­mals fünf oder sechs Araber auf dem Rasen“, glaubt Rifaat Turk, der in den Sieb­zi­gern als erster ara­bi­scher Natio­nal­spieler Geschichte schrieb. Herzog hin­gegen küm­merte sich nicht um solche Regeln. Bald reisten die ara­bi­schen Spieler voller Freude zu Län­der­spielen an und fühlten sich im Team will­kommen und akzep­tiert. Doch im Umfeld der Natio­nalelf herrscht oft eine ange­spannte Atmo­sphäre. Nie­mand schreibt oder sagt, dass zu viele Nicht-Juden auf dem Platz stünden, das läuft sub­tiler ab, wie der Streit um die Hatikwa“ zeigte.

Kapitän Natcho, der in der israe­li­schen Armee gedient hat, singt jene Natio­nal­hymne nicht mit. Das ist ein unge­schrie­benes Gesetz für mus­li­mi­sche Israelis, die sich durch das Lied nicht reprä­sen­tiert fühlen. Der Ex-Spieler und heu­tige Mode­rator Eyal Ber­kovic griff das Thema in seiner Radio­sen­dung auf und sagte zu Natcho: Sie sind ein groß­ar­tiger Spieler, aber der Kapitän sollte die Hymne singen. Wenn er es nicht kann, darf er nicht Kapitän sein.“ Diese Ein­stel­lung ist weit ver­breitet, selbst der Sport­mi­nister schal­tete sich in die Debatte ein und unter­stützte Ber­kovic. Die ara­bi­schen Spieler sind stolz darauf, für die Natio­nalelf zu spielen“, sagte Dabbur zu dieser Frage. Sie werden alles für den Erfolg tun. Aber sie können die Hymne nicht singen. Wir sollten das nicht jedes Mal zum Thema machen.“

Die ara­bi­schen Spieler sind stolz darauf, für die Natio­nalelf zu spielen“

Munas Dabbur

Dass auch Teile der ara­bi­schen Welt sehr miss­trau­isch gegen­über Dabbur und den anderen mus­li­mi­schen Israelis ein­ge­stellt sind, zeigte sich Ende 2018 durch Fake News. Es gab Berichte, nach denen Liver­pool Inter­esse an Dabbur habe, wor­aufhin Mohamed Salah angeb­lich bei Jürgen Klopp vor­stellig wurde und ihm sagte, er wollte nicht mit einem Israeli spielen. Nichts daran stimmte, trotzdem griffen ara­bi­sche Jour­na­listen das Gerücht auf und ver­traten Salahs ver­meint­liche Posi­tion. Für einige ara­bi­sche Fans sind die mus­li­mi­schen Israelis eben in erster Linie Israelis; für einige Israelis dagegen vor allem Araber. Wir können es nie­mandem recht machen“, drückte Dabbur selbst das mal aus.

Anfang Februar führte sich der Stürmer aus Naza­reth mit zwei Toren gegen den FC Bayern im Pokal gut bei Hof­fen­heim ein, doch nur wenig später zog er sich eine schwere Knie­ver­let­zung zu, dann kam auch noch Corona. Aber Munas Dabbur ist es gewohnt, mit Wid­rig­keiten umzu­gehen und aus schwie­rigen Umständen das Beste zu machen. Im Lock­down nahm er an einem Spiel­kon­so­len­tur­nier teil und holte den ersten Platz, dabei schlug er im Halb­fi­nale sogar einen E‑S­port-Profi. Die harten ersten Wochen damals in Tel Aviv waren also doch zu etwas gut.

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