Auf Tisch­tennis war früher mal Ver­lass. Die Dis­zi­plin kam jah­re­lang so herr­lich bieder daher, dass sie bei Olym­pi­schen Spielen unter all den anderen Ball­sport­arten wie eine Män­ners­kat­runde wirkte. Keine Hypes, keine Trends, keine Inno­va­tionen. Die Regeln waren ein­fach zu begreifen – fünf Angaben, 21 Punkte –, das Publikum saß unauf­ge­regt auf den Rängen und an den Platten standen gewöhn­liche Spieler, die ohne neon­far­bige Tri­kots, täto­wierte Unter­arme oder die neu­esten Kamm­fri­suren aus­kamen. Sie peitschten sich gegen­seitig die Bälle um die Ohren und manchmal sagte man Ui!“ oder Nicht schlecht!“. Das war’s. Tisch­tennis musste sich nicht größer machen, als Tisch­tennis war. Ein gutes Gefühl.

Als hätte jemand einen Techno-Beat unter die Beatles gemischt

Doch auch das ist lange vorbei. Der Tisch­ten­nis­sport hat wie bei­nahe alle anderen olym­pi­schen Dis­zi­plinen neue Regeln. Sie gelten bereits seit 2001. Damals beschloss der Tisch­ten­nis­sport, für die TV-Zuschauer attrak­tiver zu werden“. Die alte Geschichte. Der alte Funk­tio­närs­sprech. Seitdem gehen die Sätze nicht mehr bis 21, son­dern bis Elf. Es gibt einen Anga­ben­wechsel nach zwei Punkten. Zudem sind die Bälle zwei Mil­li­meter größer geworden. Nicht, dass das den Zuschauer über­for­dern würde. Es fühlt sich schlichtweg so an, als hätte jemand einen selt­samen Ver­zerrer in das Weiße Album der Beatles gemischt.

Bei anderen olym­pi­schen Dis­zi­plinen kam man nie umhin, die Regeln vor einem Tur­nier ein wenig auf­zu­fri­schen. Manchmal erschlossen sie sich im Spiel selbst. So zum Bei­spiel beim Tennis, wo es seit einiger Zeit das soge­nannte Hawk-Eye gibt. Mit dieser Video­technik kann der Spieler über­prüfen, ob ein Ball im Feld oder außer­halb gelandet ist. Er darf sie dreimal pro Satz in Anspruch nehmen. Beim Vol­ley­ball funk­tio­niert die Lear­ning-by-watching-Methode teil­weise. Schnell ver­steht man, dass Spieler den Ball nun­mehr auch mit den Füßen spielen dürfen und Punkte nicht mehr nur von der auf­schla­genden Mann­schaft gemacht werden können sel­biges gilt übri­gens auch beim Bad­minton). Über die Posi­tion des Liberos beim Vol­ley­ball kann hin­gegen man ganze Sport­wis­sen­schafts­re­fe­rate halten.

Stich­wort: Attrak­ti­vität. Stich­wort: Zuschauer.

Bei anderen Sport­arten indes sollte man das Regel­heft vor jedem Tur­nier kom­plett durch­ar­beiten. Zum Bei­spiel beim Hockey, wo sich bei­nahe stünd­lich das Regle­ment ändert. Und nicht nur das: Auf natio­naler und inter­na­tio­naler Ebene unter­scheidet sich dieses auch noch. Es gibt Penalty-Schießen, es gibt Sieben-Meter-Schießen, es gibt den soge­nannten Self­pass, wenn der Ball ins Aus gegangen ist. Was es noch alles gibt, möchte man nicht unbe­dingt wissen.
 
Gemessen an seiner Popu­la­rität und Größe war der Fuß­ball jahr­zehn­te­lang außer­or­dent­lich resis­tent gegen den Inno­va­ti­ons­wahn. Einige Vor­schläge – Golden Goal und Silver Goal – wurden zwar zwi­schen Tür und Angel ver­ab­schiedet, doch genauso schnell wieder ver­worfen. De facto haben sich in den ver­gan­genen 50 Jahren nur drei Regel­än­de­rungen eta­bliert: Die Ein­füh­rung der Roten Karte, die Ein­füh­rung des Elf­me­ter­schie­ßens, die Ein­füh­rung der Rück­pass­regel. Das Schöne am Fuß­ball ist eine Ein­fach­heit. Ja, die Geschwin­dig­keit ist heute eine andere als vor 50 Jahren, die Ath­letik und die Taktik auch. Das Spiel an sich ist aller­dings wie eh und je. Nie­mand käme auf die Idee, die Zähl­weise oder eine Ein­wurf­regel zu ändern. Oder?

Jah­re­lang wurde auch über den Video­be­weis nach­ge­dacht. Jah­re­lang sah es so aus, als würde der Fuß­ball seinem Einzug erfolg­reich die Stirn bieten können. Doch in diesem Jahr soll er endich ein­ge­führt werden. Bei der Klub-WM in Japan wird als Tor­ka­mera jenes Hawk-Eye aus dem Ten­nis­sport ein­ge­setzt. In der Bun­des­liga soll dieses frü­hes­tens zur Saison 2013/14 pas­sieren.

Wird das Spiel sogar spon­taner und schneller?
 
Nun jubeln die Befür­worter. Denn gerade Olympia habe doch gezeigt, dass die Video­technik in anderen Sport­arten – neben Tennis auch Tae­kwondo – wun­derbar funk­tio­niert, und der Zuschauer durch die Neue­rung nicht über­for­dert wird. Zudem würde das Spiel kaum an Spon­ta­neität und Geschwin­dig­keit ver­lieren.

Doch abge­sehen davon, dass der Fuß­ball seinen puris­ti­schen Cha­rakter ver­löre, würde ein Tri­umphzug des Video­be­weises Tür und Tor für wei­tere Neue­rungen und Dis­kus­sionen öffnen. Schließ­lich hätten die inno­va­tiven Fifa-Stra­tegen dann ein Exempel dafür, dass man Dinge aus­pro­bieren sollte, bevor man sie ver­pönt. Das mag keine schlechte Her­an­ge­hens­weise sein, wenn man es mit Men­schen zu tun hat, die man weise“ nennen könnte. Doch bei der Fifa arbeiten vor­nehm­lich solche, die sich als visionär“ insze­nieren. Wir erin­nern uns: Vor gar nicht so langer Zeit dachte man im Fuß­ball über Aus­zeiten wäh­rend des Spiels nach. Ein anderes Mal wurde über eine Hot-Pants-Pflicht im Frau­en­fuß­ball oder über die Abschaf­fung von Unent­schieden und Elf­me­ter­schießen dis­ku­tiert. Schließ­lich sogar über grö­ßere Tore.

Ist das Ungetüm Hawk-Eye also der Anfang vom Ende? Müssen wir bald für inter­na­tio­nale Spiele andere Regeln pauken, als für Par­tien in der Bun­des­liga? Werden wir bald mit zu großen Tisch­ten­nis­bällen spielen? Wird Fuß­ball sterben? 11FREUNDE glaubt: Nein. Und wenn doch: Es gibt Sport­arten, die ihre Regeln nie ändern werden: Der 100-Meter-Lauf zum Bei­spiel. Macht auch Spaß.