Claudio Pizarro (Bayern Mün­chen): Der beste Job der Liga
Gute Jobs sind rar, vor allem in der Bun­des­liga. Den mit weitem Abstand geilsten Beruf der Liga hatte zuletzt Claudio Pizarro. Er wärmte beim FC Bayern die Bank, durfte sich ab und an für zehn Minuten Spiel­zeit warm­traben, traf dann aber mit der Hacke und wurde dafür fürst­lich ent­lohnt: Auf 4,5 Mil­lionen Euro wurde sein Münchner Gehalt geschätzt.

Sein Spiel­stil sah immer etwas unor­thodox aus: Den Kopf hielt er geduckt zischen den hoch­ge­zo­genen Schul­tern, dahinter ein Kreuz, nicht unähn­lich dem von Tim Wiese, trip­pelte Pizarro mit kurzen Schritten über das Feld. Als er 1999 als 20-Jäh­riger aus Lima nach Bremen kam, ploppten bei Süd­ame­rika und Fuß­ball eher bra­si­lia­ni­sche Namen wie der von Gio­vanne Elber auf. Doch nach Pizarros zweitem Bun­des­li­ga­spiel, in dem ihm 37 Minuten für einen Hat­trick reichten, war Peru auf der Bun­des­liga-Land­karte ein­ge­malt. Sech­zehn Jahre später ist er mit 176 Toren der treff­si­cherste Aus­länder, Elber hat er längst über­holt.

Deutsch­land hatte es ihm angetan. Zwar ver­suchte er 2007 den letzten Schritt zur Welt­spitze zu erklimmen und wech­selte zu Chelsea, kam aber nach einem durch­schnitt­li­chen Jahr zurück nach Bremen. Fortan lie­ferte er wieder Tore, ab 2012 erneut in Mün­chen.

An Pizarro klebte auch seit jeher eine feine Nase für Geschäfte. Nach seinem ersten Wechsel nach Mün­chen, bei dem der Bayern-Sponsor Adidas sehr viel Geld für ihn bei­steu­erte, stieg Pizarro ins Geschäft mit Immo­bi­lien und Pferden ein. Sein dama­liger Berater Carlos Del­gado und er schoben hohe Summen über ver­schie­dene Steu­er­oasen, kurz­zeitig inter­es­sierte sich das Münchner Finanzamt für das Steu­er­spar­mo­dell.

Nach­ge­wiesen wurde ihm nichts. Jede Kritik zer­schellte an seinem Grinsen, das breiter war als das von Roberto Blanco. Jahr für Jahr bal­lerte er sich zu neuen Kurz­zeit­ver­trägen, es gab eine Phase, da kam er rein und traf ein­fach. Die Tore kamen zuver­lässig wie die erste Maß am Okto­ber­best. 2014 gelangen ihm noch zehn Tore in 17 Spielen. Seine letzte große Auf­gabe war es, auf der Bank zu sitzen, zu grinsen und als Süd­ame­ri­kaner den Spa­nier Guar­diola durch die Fallen der tra­di­ti­ons­ge­schwän­gerten Mia­s­anmia-Welt zu lotsen. In der aktu­ellen Saison blieb er ohne Tor, und jetzt ist Schluss. Nächste Sta­tion: Die USA oder irgendwas in der Wüste.

Sebas­tian Kehl (Borussia Dort­mund): Echte Liebe
Ein letztes Aus­ru­fe­zei­chen wuch­tete Kehl Anfang April ins Tor. Es war ein satter Drop­kick, mit dem Kehl den BVB, seinen BVB, in der Ver­län­ge­rung gegen die TSG Hof­fen­heim ins DFB-Pokal-Halb­fi­nale schoss. Sein erstes Tor im DFB-Pokal und sein letzter großer Moment, sein Abschieds­ge­schenk an die Süd­tri­büne, die ihn seit 2002 Heja Bevaubee“ ent­ge­gen­schmet­terte.

In Dort­mund ver­göt­tern sie Typen wie ihn. Weil er auch die dunklen Insol­venz-Monate 2004 und 2005 mit­machte und bis heute blieb. Weil er trotz Vor­ver­trag 2001 nicht zu den Bayern ging, son­dern nach Dort­mund und das Hand­geld plus Zinsen wieder an die Münchner zurück­schickte. Weil er nach dem jüngsten Elf­meter-Tri­umph über die Bayern mit BVB-Schal um den Hals und schel­misch grin­send in die Kameras sagte: Dann müssen sie eben Elf­me­ter­schießen üben.“ Weil er drei Mal Deut­scher Meister mit dem BVB wurde. Die Liste der Dinge, die Kehl für den BVB und seinen Anhang so beson­ders macht, sie ist lang.

Ähn­lich wie die Auf­zäh­lung seiner Ver­let­zungen, die ihn regel­mäßig heim­suchten. Beson­ders übel bleibt die Grät­sche von Hasan Sali­ha­midzic von 2006 in Erin­ne­rung, die wie ein Säbel eine tiefe Fleisch­wunde auf­riss. Lange kämpfte er mit den Narben dieser Attacke, und auch im Meis­ter­jahr 2011 stand er kaum auf dem Platz. Einige befürch­teten da schon das Ende. Er kam zurück, führte den BVB zum Double 2012 und ins Cham­pions-League-Finale 2013.

Nun gehen er und Klopp. Es ist ein hartes Abschied­nehmen für die, die es mit dem BVB halten. Aber auch pas­send, dass sie es zusammen machen. Sie sind die prä­genden Figuren der letzten Jahre. Nichts könnte das besser aus­drü­cken, als die Szene nach Kehls Drop­kick-Tor im Pokal: Klopp nahm seine gelbe Mütze, zog sie sich vom Kopf und ver­neigte sich.

Nikolce Noveski (1.FSV Mainz 05): Oh Cap­tain, mein Cap­tain!
Das Ver­spre­chen Dir stehen bei uns alle Türen offen“ ist ein Klas­siker am Kar­rie­re­ende. Meis­tens aber leider nur so viel wert wie Lass uns Freunde bleiben“ nach der Tren­nung von der Freundin. Auch Nikolce Noveski wurde von Mainz-Manager Chris­tian Heidel ange­boten, künftig im Klub mit­ar­beiten zu dürfen. Weil sein Ende in Mainz ihm aber erst vor Kurzem mit­ge­teilt wurde, beant­wor­tete er die Frage schön iro­nisch: Viel­leicht in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ab­tei­lung!“ Noveski gehörte nie zu den­je­nigen, die den Mund weit auf­rissen. Viele Taten, wenige Worte“ schrieben die Mainzer Fans auf ein Banner zum Abschied und bedankten sich bei einem, der ihrem Verein elf Jahre lang treu blieb.

2004 kam der Maze­do­nier aus Aue. Im Sommer 2007 erreichte er Mainzer Hel­den­status, als er trotz Abstieg und Ange­bote anderer Ver­eine seinen Ver­trag ver­län­gerte. Jürgen Klopp machte ihn zum Kapitän. Noveski ver­kör­pert den Wandel vom immer wieder geschei­terten Fast-Auf­steiger der zweiten Liga unter Klopp zum soliden Erst­li­gisten heute. Leben­dige Tra­di­tion“ nannte Chris­tian Heidel das. In der Bun­des­liga blieb ihm aber zuletzt meis­tens nur der Platz auf der Tri­büne, nur zehn Mal stand er auf dem Feld. Es wurde Zeit zu gehen.

Der Verein ließ seine Kar­riere auf der Video­wand vor­bei­ziehen, die Fans zeigten eine Cho­reo­gra­phie mit Oh Cap­tain, mein Cap­tain“ und skan­dierten minu­ten­lang seinen Namen. Noveski weinte. Er ist Mainzer Rekord­spieler, wird nun Ehren­spiel­führer und auch das wird ihm bleiben: Nie­mand schoss in der Bun­des­liga mehr Eigen­tore: sechs Stück.

Simon Rolfes (Bayer Lever­kusen): Der Planer
Es geht ein Fuß­baller, den Spieler wie Bernd Schneider und Carsten Ramelow im Bun­des­liga-Alltag erzogen. Namen, die aus einer Zeit stammen, in der wir stolz auf unser graues Nokia 3210 waren und in denen es um Snake-High­scores ging.

Seitdem vollzog sich der Wandel vom Nokia zur Smart­watch für Rolfes zu schnell: Das finde ich seltsam“, sagte er vor kurzem über die Art, sich vor allem digital zu unter­halten. Er beschritt eigene Wege, inter­es­sierte sich für Aktien von Toi­let­ten­firmen und grün­dete eine Bera­ter­firma, in der er ab August arbeiten wird.

Rolfes plante sein Kar­riere ver­sessen sorg­fältig. Nachdem er sich im Bremer Dou­ble­si­e­ger­team von 2004 nicht durch­setzte, wech­selte er nach Aachen und trai­nierte gemeinsam mit 400-Meter-Sprin­tern, um Wett­kampf­härte zu erlangen. In Lever­kusen ver­passte er in seinen ersten Jahren kein ein­ziges Bun­des­li­ga­spiel, wurde 2008 Kapitän und spielte im glei­chen Jahr bei der EM. Dort ver­drängten ihn irgend­wann Gün­dogan und Khe­dira, in Lever­kusen aber blieb er bis zum Schluss Stamm­spieler einer Cham­pions-League-Mann­schaft: Eine Kar­riere als Fuß­baller ist wun­derbar und sollte wun­derbar enden“, sagte er. Ein typi­scher Rolfes-Satz, der seine Worte in Inter­views darauf prüfte, ob sie seiner Rolle als lang­fris­tigen Planer gerecht wurden. Es gab das Angebot von Rudi Völler, im Verein zu arbeiten, doch Rolfes möchte selbst­ständig sein, Profis am liebsten 30 Jahre lang durch die Kar­riere begleiten, wie er der Bild“ erklärte. 30 Jahre, das wird span­nend.

Das sind natür­lich nur ein paar Spieler, die wir in Zukunft ver­missen werden. Auch Rafael van der Vaart (Ham­burger SV), Chris­tian Pander, Jan Schlaud­raff (beide Han­nover 96), Filip Daems, Thorben Marx (beide Borussia Mön­chen­glad­bach), Pavel Krmas (SC Frei­burg) und viele andere werden die Bun­des­liga am Ende dieser Saison ver­lassen.