Michael Skibbe, wie sieht Ihre per­sön­liche Zwi­schen­bi­lanz nach den ersten Wochen und Monaten als Trainer beim Gras­shopper Club Zürich aus?
Sie ist positiv, wenn auch nicht durchweg positiv. Wir haben zuletzt in der Liga zweimal nur 0:0 gegen Teams vom Tabel­len­ende gespielt. Und ich bin traurig, dass wir in der Cham­pions League-Qua­li­fi­ka­tion gegen Olym­pique Lyon aus­ge­schieden sind. Da war mehr drin.

Ein Wei­ter­kommen in der Cham­pions League hätte den Namen Skibbe in Deutsch­land wieder stärker in den Fokus gerückt. Viele Beob­achter in der Schweiz glauben, Sie wollen sich bei den Gras­shop­pers für neue Auf­gaben in der Bun­des­liga emp­fehlen.
Ich ver­schwende der­zeit keinen Gedanken an Deutsch­land. Gegen Lyon ist es nur darum gegangen, mit den Gras­shop­pers die Play-Off-Spiele für die Cham­pions League-Grup­pen­phase zu errei­chen – nicht, um sich damit in Deutsch­land wieder ins Gespräch zu bringen.

Was war für Sie aus­schlag­ge­bend, beim Gras­shopper Club Zürich als Trainer anzu­heuern.
Ich wollte sehr gerne im deutsch­spra­chigen Raum arbeiten. Aus der Bun­des­liga gab es kein Angebot. In der Schweiz sind die Rah­men­be­din­gungen ähn­lich – auch wenn natür­lich alles kleiner ist, deut­lich weniger Geld im Fuß­ball fließt und auch deut­lich weniger Zuschauer zu den Spielen kommen. Aber ich habe ein sehr gutes Umfeld bei den Gras­shop­pers vor­ge­funden. Der Ver­wal­tungsrat, das Manage­ment – das passt alles. Der Prä­si­dent ist ein sehr ange­nehmer Mensch, aber auch die Trai­nings­be­din­gungen sind bes­tens.

In der Schweiz war man über­rascht, wie gut Sie bei Ihrem Amts­an­tritt über GC und den Schweizer Fuß­ball Bescheid wussten. Hatten Sie sich bei Ottmar Hitz­feld, den Sie aus Ihrer Zeit bei Borussia Dort­mund kennen, schlau gemacht.
Nein. Ich ver­füge über viele gute Kon­takte in die Schweiz. Die stammen unter anderem aus der Zeit, als ich für den DFB im Nach­wuchs­be­reich tätig war und in diesem Zusam­men­hang gut mit der Schweiz zusammen gear­beitet habe. Später habe ich dann auch Schweizer Spieler wie Schwegler in die Bun­des­liga geholt. Von daher war der Draht ins Nach­bar­land schon immer gut.

Angeb­lich gab es auch Ange­bote von tür­ki­schen Klubs – warum schreckten Sie vor einem erneuten Enga­ge­ment in der Türkei zurück.
Viele Ver­eine dort leben dort auf deut­lich grö­ßerem Fuß, als es Ihnen gut tut. Ich musste diese Erfah­rung sowohl bei Eski­se­hirspor als auch bei Kara­bükspor machen. Sport­lich gesehen hat es bei Eski­se­hirspor gepasst. Aber die Spieler und ich haben über Monate hinweg kein Geld bekommen. Daher wollte ich aus der Türkei weg.

Und nahmen das Angebot bei Hertha BSC an – was in einem Debakel endete. Nach fünf Nie­der­lagen in fünf Spielen wurden Sie inner­halb kür­zester Zeit wieder ent­lassen.
Im Nach­hinein weiß ich, dass ich die Ent­schei­dung, das Angebot von Hertha anzu­nehmen, zu rasch getroffen habe. Ich hatte mich zu wenig über die Situa­tion, die Hin­ter­gründe dort infor­miert. Aber wie gesagt, ange­sichts der finan­zi­ellen Schwie­rig­keiten bei Eski­se­hirspor wollte ich den Verein auf jeden Fall ver­lassen. Es gab vorher schon ein anderes Angebot aus der Bun­des­liga, das ich aber abge­lehnt hatte, weil es ja sport­lich gesehen bei Eski­se­hirspor gut lief. Das zweite Angebot aus der Bun­des­liga wollte ich dann nicht platzen lassen. Was ich aber in den wenigen Wochen bei der Hertha erlebt habe habe, war eine ganz unan­ge­nehme Geschichte. Für meine wei­tere Bun­des­li­ga­kar­riere hat mir das sicher­lich auch geschadet.

Die Neue Zür­cher Zei­tung Zei­tung schrieb nach Ihrer Ver­trags­un­ter­schrift bei den Gras­shop­pers: Michael Skibbe – ein Trainer auf Bewäh­rung“. Tut das weh oder lassen Sie solche Schlag­zeilen kalt?
Eher letz­teres. Ich lese nicht alles, was über mich in der Zei­tung steht. Als Trainer hat man gene­rell wenig Ein­fluss auf das ver­öf­fent­liche Bild seiner Person, man kann sich gegen eine fal­sche Dar­stel­lung kaum wehren.

Immerhin haben Sie nach der Amts­ein­füh­rung in Zürich die Zei­tungs­re­dak­tionen vor Ort besucht. Sind solche Antritts­be­suche üblich?
Das habe ich schon in Frank­furt, aber auch bei Gala­ta­saray gemacht. Ich will mir bei diesen Redak­ti­ons­be­su­chen ein Bild von den Leuten machen, mit denen ich später doch recht viel zu tun haben werde. Aber die Jour­na­listen sollen sich in ent­spannter Runde auch von mir ein Bild machen können.

Ihre sach­liche und unauf­ge­regte Art kommt bei den Jour­na­lis­ten­kol­legen in Schweiz offen­sicht­lich gut an.
Das freut mich. Aber ich weiß auch, dass sich das bei aus­blei­benden Erfolgen schnell ändern kann. Im End­ef­fekt hängt die öffent­liche Wahr­neh­mung des Trai­ners vor allem von seinen sport­li­chen Ergeb­nissen ab.

Gab es nach den glück­losen Enga­ge­ments bei der Hertha und Kara­bükspor Gedanken, wieder im Nach­wuchs­be­reich zu arbeiten, um sich dem Stress, den Anfein­dungen, denen man an vor­derster Front des Fuß­ball­ge­schäfts oft­mals aus­ge­setzt ist, zu ent­ziehen?
In aller Regel genieße ich meinen Job als Trainer einer Pro­fi­mann­schaft. Es macht mir unheim­lich Spaß mit den Teams zu arbeiten. Aber nach der Sache mit Herta war ich dann tat­säch­lich ein paar Monate lang nicht mehr in einem Bun­des­li­ga­sta­dion. Es gab Ange­bote aus der 2. Bun­des­liga, die ich aber abge­lehnt habe. Der Frust hat sich dann schnell wieder gelegt. Aber wer weiß, viel­leicht arbeite ich auch mal wieder als Nach­wuchs­trainer. Ich bin jetzt schon seit vielen Jahren im Pro­fi­be­reich tätig und habe dabei gutes Geld ver­dient. Ich könnte mir also eine Rück­kehr in den Jugend­be­reich leisten. Doch momentan ist das kein Thema. Das Schöne ist, dass es gleich viel Spaß macht, eine Jugend­mann­schaft oder ein Pro­fi­team zu trai­nieren.

Wie würden Sie sich selbst als Trainer beschreiben?
Eine schwie­rige Frage. Ich denke, dass ich ein sehr kom­mu­ni­ka­tiver Trainer bin, der viel mit seinen Spie­lern spricht. Daneben bin ich aber sehr kon­se­quent. Und ich mag es, wenn Spieler fit sind, wes­halb ich auch wäh­rend der Saison viel im Aus­dau­er­be­reich arbeiten lasse. Zudem erwarte ich von meinen Spie­lern, dass Sie mir und meinen Fähig­keiten als Trainer Ver­trauen schenken, weil ich Ihnen im Gegenzug ja auch Ver­trauen ent­ge­gen­bringe.

In den Europa League-Play-Off-Spielen trifft Ihr Team heute auf AC Flo­renz – wieder ein schwerer Bro­cken.
Das wird ähn­lich schwer werden wie gegen Lyon. Die Gras­shop­pers sind viele Jahre lang nicht mehr inter­na­tional ver­treten gewesen, ent­spre­chend schlecht ist der UEFA-Koef­fi­zient und ent­spre­chend starke Gegner bekommt man vor­ge­setzt. Die Kräf­te­ver­hält­nisse spie­geln sich allein schon in den Etats wieder. Der von Lyon liegt bei­spiels­weise bei 200 Mil­lionen Euro, unser bei 20 Mil­lionen Schweizer Franken. Das hat natür­lich Aus­wir­kungen auf die sport­liche Qua­lität.

Es wird ein Wie­der­sehen mit Mario Gomez geben.
Stimmt. Ich kenne ihn aus der Zeit als Trainer der U20-Natio­nal­mann­schaft. Ich habe Mario in bester Erin­ne­rung. Auch was die mensch­liche Seite angeht. Er ist ein super Typ, sehr sym­pa­thisch, immer bescheiden geblieben. Und natür­lich ist er ein erst­klas­siger Stürmer, der meine Leute vor große Pro­bleme stellen wird.

In Guar­diolas System spielte Gomez keine Rolle mehr, weil er als Stoß­stürmer alter Schule gilt.
Wer glaubt, Mario Gomez sei nur ein aus­ge­spro­chener Straf­raum­spieler, der täuscht sich gewaltig. Ange­sichts seiner Schnel­lig­keit ist er ist auch ein her­vor­ra­gender Kon­ter­spieler. Wenn Mario von der Mit­tel­linie Fahrt auf­nimmt, dann ist er in einem unheim­li­chen Tempo unter­wegs und fast nicht zu bremsen. Und er ver­fügt über eine gute Technik. Unsere Innen­ver­tei­diger müssen Mario Gomez gemeinsam und intel­li­gent bear­beiten, um über­haupt eine Chance gegen ihn zu haben.