Später am Nach­mittag, als die Böller deto­nieren, die Hub­schrauber rat­tern, das Volk seine Lieder grölt und sich alles zum ein­zig­ar­tigen Fla­mengo-Sound dieses ein­zig­ar­tigen Tages ver­mischt – später am Nach­mittag ver­lassen ein paar der Helden für einen Augen­blick das Deck des Par­ty­busses. Ein biss­chen aus­ruhen … Ein paar Minuten, nach dem dra­ma­ti­schen Sieg über River Plate im Finale der Copa Libertadores, einer rau­schenden Nacht in Lima und dem Flug zurück nach Rio. Die Party nach dem Spiel mit geschätzt 20 000 mit­ge­reisten Fla­men­gu­istas ist heftig gewesen, und doch nur ein bes­serer Kin­der­ge­burtstag im Ver­gleich zum Emp­fang daheim. Andert­halb Mil­lionen Men­schen mit rot-schwarzen Leib­chen, Mützen und Fahnen ver­stopfen die Ave­nida Pre­si­dente Vargas im Zen­trum der Stadt. Für die zwei Kilo­meter von der Cal­del­aria-Kirche bis zum Denkmal für den Natio­nal­helden Zumbi dos Palmares braucht der Bus vier Stunden. Und mit Aus­ruhen ist nicht viel.

Unterm Par­ty­deck laufen auf einem Fern­seher die letzten Minuten des Liga-Spiels Pal­meiras Sao Paulo gegen Gremio Porto Alegre. Dann ist Schluss. Pal­meiras, auf natio­naler Ebene der letzte Kon­tra­hent, hat ver­loren und Fla­mengo inmitten der Copa-Fei­er­lich­keiten auch noch zum bra­si­lia­ni­schen Meister gemacht. Die müden Helden stürmen jubelnd zurück nach oben, wo Fla­mengos Tor­jäger Gabriel Bar­bosa die Menge mit einem Mikrofon diri­giert und der por­tu­gie­si­sche Trainer Jorge Jesus seine graue Mähne im Rhythmus der Musik schwingt. Die Party wird noch bis in die frühen Mor­gen­stunden wei­ter­gehen. Was für ein Tag! Was für eine Nacht!

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Rot-schwarzer Kar­neval im Zen­trum von Rio: 1,5 Mil­lionen Fans feiern mit. Der Fla­mengo-Bus braucht vier Stunden für zwei Kilo­meter.

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Der Sieg über Titel­ver­tei­diger River Plate steht für die Krö­nung einer Saison, wie sie Fla­mengo in den 123 Jahren seines Bestehens noch nie erlebt hat. Eine Saison, die den Brief­kopf des größten und erfolg­reichsten und ver­rück­testen Klubs Bra­si­liens um gleich drei Titel berei­chert und die Cidade Mara­vil­hosa, die wun­der­bare Stadt, in kol­lek­tiven Aus­nah­me­zu­stand ver­setzt. Fla­mengos letzter Sieg in der Copa Libertadores liegt 38 Jahre zurück, damals wie heute auf einen 23. November datiert. Doch die Zeiten haben sich geän­dert. 1981 diri­giert noch der große Zico das Spiel und schießt im Ent­schei­dungs­match beide Tore gegen die Chi­lenen von CD Cobreloa. Die besten Bra­si­lianer spielen noch nicht in Europa, son­dern daheim, in Sao Paulo für den FC, Corin­thians oder Pal­meiras, in Rio de Janeiro für Flu­mi­nense, Bota­fogo oder den Clube de Regatas do Fla­mengo, den größten und popu­lärsten Klub des Landes.

Erfolg über Ent­wick­lung

Die neue Erfolgs­ge­schichte erscheint im Rück­blick so über­ra­schend wie logisch. Über­ra­schend, weil Fla­mengo seit Jahren seine größten Talente ver­kauft. Vini­cius Junior nach Madrid, Leo Duarte nach Mai­land, gerade erst hat Real Madrid 30 Mil­lionen Euro für den 18-jäh­rigen Reinier Jesus über­wiesen. Als Nächster wird der ein Jahr ältere Lin­coln gehen. Den Fla­men­gu­istas ist es wich­tiger, dass ihr Klub 17 Mil­lionen Euro an Inter Mai­land bezahlt für eine feste Ver­pflich­tung von Gabriel Bar­bosa, den sie wegen seiner vielen Tore alle nur Gabigol“ nennen. Erfolg geht über Ent­wick­lung.

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Tri­um­phales Come­back: Coach Jorge Jesus und Gabriel Gabigol“ Bar­bosa feiern im Mara­cana den Gewinn des Dou­bles.

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Fla­mengos Erfolgs­team ist bemer­kens­wert alt – die Startelf im Copa-Finale zählt im Durch­schnitt knapp 29 Jahre. Als nach einer Stunde der frü­here Wolfs­burger Diego ein­ge­wech­selt wird, stehen für die Männer in Rot-Schwarz gleich vier Spieler auf dem Rasen, die das 34. Lebens­jahr über­schritten haben. Aus diesem hohen Maß an Erfah­rung aber resul­tiert auch die Logik des Tri­um­phes. Die Zusam­men­stel­lung der Mann­schaft folgt einem Plan, auf­ge­stellt vom aus Por­tugal rekru­tierten Trainer Jorge Jesus, den sie in Rio ehr­fürchtig Mister“ nennen. Einer, der die euro­päi­sche Schule mit der bra­si­lia­ni­schen ver­söhnt und dabei das Spiel und seine Inter­preten weiter ent­wi­ckelt. Der Mister hat mein Leben als Spieler total geän­dert“, sagt der spa­ni­sche Innen­ver­tei­diger Pablo Mari. Er sieht in mir Sachen, die ich selbst gar nicht kannte.“

Jorge Jesus hat in Lis­sabon Spor­ting und Ben­fica zur Meis­ter­schaft geführt, seine Phi­lo­so­phie ist so euro­pä­isch, wie das im ver­spielten bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball nie­mand gewohnt ist. Jesus setzt auf frühes Pres­sing und aktive Spiel­ge­stal­tung. Alles Dinge, die vorher schon bekannt waren, aber eben nicht in Bra­si­lien“, sagt der frü­here Münchner Raf­inha. Dabei sind aus­wär­tige Rat­schläge in der Heimat des jogo bonito, des schönen Spiels, nur bedingt erwünscht. Das gilt im All­ge­meinen seit den als ober­leh­rer­haft emp­fun­denen Anmer­kungen aus Europa nach dem Desaster bei der Heim-WM 2014. Und ganz beson­ders für Beleh­rungen aus Por­tugal. Die eins­tige Kolo­ni­al­macht genießt in Bra­si­lien einen äußerst zwei­fel­haften Ruf. Nicht zufällig hat Jorge Jesus nach dem Tri­umph gegen River demons­trativ darauf ver­wiesen, wie wichtig es war, dass ein por­tu­gie­si­scher Trainer mit Fla­mengo die Copa gewonnen hat“.