Seite 2: Selbstverständliche und kompromisslose Verbundenheit

Es mag wei­ner­lich klingen, aber manchmal fühlt es sich an, als hätte ich einen geliebten Freund ver­loren. Diens­tag­abends etwa, wenn ich in der Küche stehe und eine Sah­ne­soße zube­reite, die mich dicker machen wird, weil ich nie wieder auf so unan­stren­gende Art werde Kalo­rien ver­brennen können wie bei einem Fuß­ball­spiel. Dann schaue ich auf die Uhr, 19:58 Uhr, und denke: ach, früher. Früher wäre jetzt gerade das Eck auf­ge­baut worden. Viel­leicht hätte ich kurz darauf einen Bein­schuss kas­siert, die Penner um mich herum, die ja eigent­lich Kum­pels waren, wären jetzt am johlen, ich würde äußer­lich lachen und inner­lich wütend sein und in den kom­menden Minuten, wenn die ver­schis­sene Dop­pel­runde denn end­lich vorbei wäre, nichts anderes ver­su­chen als eben­falls irgend­einem armen Teufel in der Mitte den Ball durch die O‑Beine zu schieben.

Ich habe mein ganzes Leben lang Fuß­ball gespielt. Es gibt ein Foto von mir, ich habe grade erst laufen gelernt, trage eine Latz­hose, dar­unter einen dicken Windel-Arsch. Vor mir liegt ein Fuß­ball, ähn­lich groß wie ich selbst. Als 5‑Jähriger wetzte ich mit Stoff­bällen durchs Wohn­zimmer, um die Waden trug ich Stutzen, die mir meine ältere Schwester aus bunten Stoff­fetzen genäht hatte. Mit sechs Jahren mel­dete meine Mutter mich im Verein an. Sie hatte mit Fuß­ball genauso wenig am Hut wie der Rest meiner Familie, bis heute ist voll­kommen unklar, warum ich mich schon so früh in genau diese Sportart so hoff­nungslos ver­liebte.

Ziga­rillo rau­chende Fuß­ball­väter und ner­viges Trai­ning

Wochen­ende für Wochen­ende musste sie sich früh mor­gens aus dem Bett quälen, um mich quer durch Berlin zu irgend­einem F‑Jugendspiel zu kut­schieren, Wochen­ende für Wochen­ende stand sie am Spiel­feld­rand zwi­schen Ziga­rillo rau­chenden Fuß­ball­vä­tern, die den Trainer nach der Partie zur Rede stellten, weil aus­ge­rechnet ihr doch eigent­lich wahn­witzig talen­tierter Junge nicht weiter vorne hatte wir­beln dürfen. In meinem zweiten Jahr C‑Jugend hörte ich für eine Spiel­zeit auf, das Trai­ning nervte, wir sollten plötz­lich dreimal statt zweimal antanzen, ich wollte mir meine Frei­zeit aber lieber selber ein­teilen. Also ging ich fortan jeden Tag auf einen Gum­mi­platz bei mir um die Ecke und spielte mit den Jugend­li­chen aus der Gegend. Ohne Trainer, aber mit ähn­lich dog­ma­ti­schen Trai­nings­zeiten. Zur B‑Jugend fing ich wieder an. Und hörte erst wieder im Herbst 2017 auf.

Ich spielte Her­ren­fuß­ball wäh­rend meines Zivil­dienstes in Frank­reich und lernte so die Ein­wan­derer-Jungs aus der Vor­stadt kennen, vor denen ich mich sonst, hätte ich sie im Bus getroffen, wahr­schein­lich gefürchtet hätte. Ich spielte wäh­rend des Stu­diums für win­zige Dorf­klubs und vor hun­derten Zuschauern, wenn es denn gegen den win­zigen Dorf­klub aus dem Nach­barort ging. Ich kum­pelte mich mit 70-jäh­rigen Klein­win­zern an, die ich ob ihres Dia­lekts zwar nicht richtig ver­stand, die mir nach Spielen aber ehr­lich dankbar auf die Schulter klopften, weil ich für ihren Verein die Kno­chen hin­ge­halten hatte. Ich war nach Siegen mit Typen auf Achse, vor denen mich meine Mutter gewarnt hätte, ich erhielt berüh­rende Ein­blicke in die Leben von jungen Män­nern, die mir in keinem Pro­se­minar der Welt über den Weg gelaufen wären. Ich bekam in dus­teren Klub­heim-Ecken Prä­mien aus­ge­zahlt, bar in kleinen Brief­um­schlägen, und fühlte mich beson­ders wichtig.

Ich war dabei

Ich hörte mir knapp 500 Kabi­nen­an­spra­chen an, die meisten gingen da rein und da wieder raus, aber nach man­chen wäre ich bereit gewesen, für Trainer, Team­kol­legen und Verein barfuß nach Kasach­stan zu laufen. Ich stieg nach rau­schenden Spielen auf und unter skan­da­lösen Umständen ab, ich erlebte Mas­sen­schlä­ge­reien in Berlin und gemein­same Besäuf­nisse mit der geg­ne­ri­schen Mann­schaft in irgend­einem fran­zö­si­schen Kaff. Ich trai­nierte auf Frost mir sechs anderen Idioten und bei herr­li­chem Son­nen­schein, wenn die anderen 20 aus dem Kader plötz­lich auch wieder Bock auf Trai­ning hatten. Manche meiner besten Freunde lernte ich in der Kabine kennen. Andere waren nur für eine Saison lang Kum­pels, und trotzdem liehen“ sie mir dreimal die Woche ihr Duschgel, trotzdem trock­neten sie sich mit meinem gerade erst von mir benutzen Hand­tuch den Körper ab, wenn sie ihr eigenes ver­gessen hatten.

Das mag sich ver­klärt anhören, nach unan­ge­nehmer Män­ner­ka­me­rad­schaft, nach roman­ti­sierter Brü­der­lich­keit. Und viel­leicht ist es auch so. Aber ich habe diese Art selbst­ver­ständ­li­cher und kom­pro­miss­loser Ver­bun­den­heit mit Men­schen aus ver­schie­densten Lebens­welten bisher in keinem anderen Bereich unserer Gesell­schaft gespürt. Ich habe zusammen mit Ost­ber­liner Poli­zisten und West­ber­liner Punk-Musi­kern in Kreuz­berg mit 7:5 gewonnen. Und gemeinsam mit Geflüch­teten aus dem Kosovo und süd­deut­schen Lackie­rern in Lör­rach 5:0 auf den Sack bekommen. Ich habe Tore geschossen und Tore ver­schuldet. Ich war dabei.