Seite 3: Spielt, solange euch eure Knochen durch den Landkreis tragen

Wenn ich in den ver­gan­genen zwei Jahren zuschauen ging bei meinem Ber­liner Verein, dann war ich nicht mehr dabei. Ich saß am Rand. Das Bier nach dem Spiel schmeckte nur noch nach Bier und nicht mehr nach Glück. Nach Schweiß zu rie­chen, weil die Sonne auf den trägen Zuschauer-Körper her­un­ter­brannte, ist nicht das gleiche, wie nach Schweiß zu rie­chen, weil man über ein Fuß­ball­feld gehetzt ist. Die Tür zur Kabine war plötz­lich die Tür zu einer mir ver­bor­genen Welt, in Stra­ßen­kla­motten zwi­schen Typen in Trikot zu stehen, fühlt sich falsch an.

Und auch der Teil, der mir als Spieler mit am meisten Spaß gemacht hatte, das Ana­ly­sieren der ver­gan­genen 90 Minuten, das gegen­sei­tige Bauch­pin­seln für gelun­gene Aktionen, die Saison im All­ge­meinen und das Spiel im Spe­zi­ellen Revue pas­sieren zu lassen, es hatte plötz­lich an Wert ver­loren. Keinen inter­es­siert die Tor­schüt­zen­liste der Kreis­liga A, Staffel 3. Es sei denn, man ist Teil der Kreis­liga A, Staffel 3.

Aber das kann ich auch morgen machen“

Es ist nicht so, dass ich keine anderen Sachen aus­pro­bieren würde. Ich war beim Boxen, ich gehe gemäch­lich joggen, ich quäle mich unre­gel­mäßig in ein sti­ckiges Fit­ness­studio. Doch beim Boxen fehlten mir die Erfolgs­er­leb­nisse, ich war nun mal ein blu­tiger Anfänger und grot­ten­schlecht. Und zwi­schen auf­ge­pumpten Stier­na­cken und kör­per­klau­sigen Geschäfts­män­nern auf einem Stepper zu stehen, nagt unterm Strich stärker am Selbst­wert­ge­führt, als ein­fach langsam fett zu werden.

An einem gewissen Punkt muss man akzep­tieren, dass nichts in der Welt so viel Spaß macht, wie einen Ball in ein Fuß­balltor zu dre­schen. Außerdem ist es so: Als Fuß­baller teilen unsere Trainer unsere Woche ein. Dienstag und Don­nerstag ist Trai­ning, am Sonntag ist Spiel, daran wird nicht gerüt­telt. Wenn Arbeits­kol­legen fragen, ob man noch ein Bier trinken gehen möchte, sagt man: Eigent­lich gerne, aber ich habe Trai­ning.“ Wenn die Groß­tante der Freundin ihren 70. Geburtstag feiert, dann sagt man: Ich würde lie­bend gerne kommen, aber am Sonntag geht es bei mir wirk­lich nicht, da spielen wir schließ­lich um 15:00 Uhr in Bies­dorf und die sind nur 17 Punkte vor uns.“ Ohne eine Mann­schaft, der gegen­über man sich ver­ant­wort­lich fühlt, ant­wortet man anders. Noch ein Bier? Eigent­lich wollte ich heute zum Sport. Aber das kann ich auch morgen machen.“

Nicht falsch ver­stehen: Es geht mir trotz allem kör­per­lich gut. Ich kann gehen, ich habe keine Schmerzen, ich hum­pele nicht, ich habe noch nicht über­mäßig ange­setzt, ich freue mich des Lebens. Und es gibt wirk­lich tra­gi­sche Schick­sale wie das von Gerry Ber­tier, der in den 70ern als eines der größten Foot­ball-Talente in den ganzen Staaten galt, aber nach einem Auto­un­fall abseits der Hüfte gelähmt war. Und der dann ein­fach Gold­me­daillen im Dis­kus­werfen und Kugel­stoßen bei den Paralym­pics gewann. Das Pro­blem ist nur: Ich war nie ein über­zeugter und ehr­gei­ziger Sportler, der es sich immer wieder aufs Neue beweisen wollte. Ich liebe ledig­lich dieses eine ver­dammte Spiel.

Spielt, solange euch eure Kno­chen durch den Land­kreis tragen

Das furchtbar nerven kann, wenn man nur hin­terher läuft, die wich­tigen Zwei­kämpfe ver­liert, früh in Rück­stand gerät und vom tech­nisch viel stär­keren Gegen­spieler Aktion für Aktion bloß­ge­stellt wird. Aber dann schweißt der eigene Rechts­ver­tei­diger, der ansonsten eigent­lich nur dadurch auf­fällt, sich unnö­tige Gelbe Karten wegen pseu­do­pro­fi­haftem Ball­weg­rol­lens ein­zu­han­deln, plötz­lich einen Ball aus 34 Metern in den Winkel. Und es steht 1:1. Das Spiel kippt, die Gegen­spieler keifen sich unter­ein­ander an, man kann den Mit­spie­lern förm­lich ansehen, wie die Brust breiter wird.

Und auf einmal durch­fließt einen die kind­liche Lust auf dieses Spiel. Man rennt von alleine, Bewe­gungen sind im Fluss, Ball annehmen, Ball wei­ter­spielen, frei­laufen. Man trifft zum 2:1. Es ist zwar nur ein Spiel im Tabel­len­mit­tel­feld der Kreis­liga A, Staffel 3. Und am Montag sitzen wir alle wieder in einem lege­bat­te­rie­ar­tigen Büro und leben unsere kleinen Leben. Aber jetzt, am Sonn­tag­nach­mittag, stehen wir auf der Bühne, auf der wir immer stehen wollten, und holen uns den Applaus ab. Und haben wieder eine Geschichte mehr, über die wir noch in zehn Jahren reden werden.

Es hat durchaus seine Vor­teile, nicht mehr sto­isch an die Spiel­an­set­zungen des Ber­liner Fuß­ball­ver­bandes gebunden zu sein. Man kann spontan und ohne schlechtes Gewissen für ein paar Tage aus der Stadt brausen, Freunde treffen, aus­schlafen, Freitag und Samstag auf Partys gehen. Man kann sich wieder stärker aufs Fan-Sein besinnen und zumin­dest jedes zweite Wochen­ende im Sta­dion dabei sein. Und wie oft habe ich die Ver­pflich­tung ver­flucht, grade in der Jugend, wenn die anderen ins Schwimmbad rannten und man selbst sich bei flim­mernder Hitze von irgend­einem Schleifer anschreien lassen musste, weil die Flanke schon wieder nur halb­hoch kam oder gar kom­plett ver­hun­gerte. Und manche meiner frü­heren Mit­spieler und Freunde haben mitt­ler­weile genau des­wegen auf­ge­hört, frei­willig. Arbeit, Familie, Wochen­end­häus­chen. Es gibt gute Gründe, sich den Quatsch nicht länger anzutun. Gleich­zeitig rufe ich euch an dieser Stelle zu: Spielt, solange euch eure Kno­chen durch den Land­kreis tragen. Ihr werdet es früh genug ver­missen.