Vor­neweg: Ich hatte keine Fuß­ball­kar­riere. Und denke trotzdem jeden Tag an sie. Abends, wenn ich im Bett liege, wenn ich nicht zufrieden erschöpft bin wie ich es früher war, nach Spielen auf unan­ge­nehm auf­ge­heizten Kunst­ra­sen­plätzen etwa oder nach einer vom Trainer mit einem Mix aus süf­fi­santen Sprü­chen und Dro­hungen ange­lei­teten Lauf­ein­heit. In der unter trai­nings­wis­sen­schaft­li­chen Aspekten unver­ant­wort­lich kon­zi­pierten Som­mer­vor­be­rei­tung. Oder nach­mit­tags in der U‑Bahn, wenn mir ein Jugend­li­cher in Trai­nings­anzug und mit Sport­ta­sche gegen­über­sitzt und ich mich frage, ob ihm der zeit­liche Auf­wand, den er für sein Hobby betreibt, ähn­lich doll auf die Nerven geht wie mir damals. Und ob er trotzdem auch kom­mende Saison wieder dabei sein wird.

Ich krame feuchte Klei­dung aus der Wasch­ma­schine, rieche das Weich­spüler-Aroma und denke daran, wie meine Mutter alle paar Monate an der Reihe war, den ver­schwitzen Tri­kot­satz einer kom­pletten D‑Jugendmannschaft zu waschen. Ich sehe besof­fene Typen auf einem Bier-Bike durch die Innen­stadt wüten und weiß, dass es Trottel sind, weiß aber auch, dass ich mich einst zum Sai­son­ab­schluss auf einem Traktor-Anhänger zusammen mit anderen besof­fenen Typen durch süd­ba­di­sche Wein­berge habe ziehen lassen und dass das für Außen­ste­hende wohl nicht weniger unan­ge­nehm gewesen sein kann. Ich denke an den Fuß­ball wie an eine Ver­flos­sene, die für immer aus meinem Leben ver­schwunden ist. Es schmerzt.

Ich fragte: Was ist mit Fuß­ball?“

Im Herbst 2017 habe ich eine Lauf­bahn beendet, die man eigent­lich gar nicht Lauf­bahn nennen darf, weil ich im Her­ren­be­reich nie höher als in der Lan­des­liga gespielt habe. Ich habe sie nicht beendet, weil ich es wollte, son­dern weil ich von Ärzten dazu ange­halten wurde. Mein rechtes Sprung­ge­lenk ist im Eimer, wegen Fuß­ball. Osteo­chon­drosis dis­se­cans heißt es in den Arzt­briefen, Kno­chen-Knor­pel­schaden auf deutsch.

2011 wurde ich in einem Kreis­liga-Spiel umge­nietet, dabei rissen mir zwei Bänder. Seitdem hatte ich immer wieder klei­nere und grö­ßere Pro­bleme am Gelenk, es lief zu und wurde dick, manchmal tat es abends ein­fach weh. Doch es war nie so schlimm, dass ich des­wegen zum Arzt gegangen wäre. Ich hatte mich in den ver­gan­genen drei, vier Jahren daran gewöhnt, an Sonn­tag­abenden, ein paar Stunden nach Abpfiff, das Gelenk bis zum nächsten Tag nicht richtig bewegen zu können. Auch das Kna­cken, wenn ich den Fuß mal durch­stre­cken wollte, fiel mir nicht mehr auf. Man wird älter, die übli­chen Fuß­baller-Weh­weh­chen, wird schon in Ord­nung sein. War bisher ja immer in Ord­nung gewesen.

Dann wollte ich einen Mara­thon laufen und trai­nierte deut­lich mehr als sonst. Eine Woche vor dem Mara­thon, wäh­rend meines – wie ich heute weiß – letzten Fuß­ball­spiels, auf einem herr­li­chen Rasen­platz mitten im Wed­ding, wurden die Schmerzen so groß, dass ich doch zum Arzt ging. Er saß mir gegen­über und sagte, dass ich das mit dem Mara­thon ver­gessen könne. Aber der Lauf war mir wuppe. Ich fragte: Was ist mit Fuß­ball?“ Er sagte: Das ist wohl auch vorbei.“

Jeder Ortho­päde erzählt etwas anderes

Geschichten wie meine gibt es in Deutsch­land jedes Jahr zu hun­derten, wahr­schein­lich zu tau­senden. Leute, die wegen Ver­let­zungen auf­hören. Mir fallen allein vier Bekannte ein, die wegen Knie­pro­blemen nicht mehr spielen. Die Kreuz­bänder, die Menisken, der Knorpel. Manche wollen die Nie­der­lage gegen den eigenen Körper nicht akzep­tieren und machen trotz ein­deu­tiger Emp­feh­lung der Ärzte weiter, reißen sich das Kreuz­band noch mal und können dann nicht mal mehr mit ihren Kin­dern im Garten knö­deln. Andere rennen von Arzt zu Arzt, jah­re­lang.

Jeder Ortho­päde erzählt etwas anderes, der eine will ope­rieren, der andere auf gar keinen Fall. Möchte man als Kas­sen­pa­tient einen Spe­zia­listen spre­chen, wartet man sechs Monate auf einen Termin. Wenn man Glück hat. Ich hatte Glück. Beide Experten, die mir zuvor emp­fohlen worden waren, rieten (nach einem halben Jahr War­te­zeit) aus­drück­lich von einer OP ab. Man müsste mir zunächst das Schien­bein auf­sägen, um über­haupt an die betrof­fene Stelle her­an­zu­kommen. Danach sechs Monate nur Teil­be­las­tung. Ohne große Chancen, die Situa­tion wirk­lich zu ver­bes­sern. Dann lieber kein Fuß­ball mehr.