Was tut man nicht alles, um als Fan beim Auf­stieg seines Ver­eins dabei zu sein. Nicht, dass ich meine eigene Hoch­zeit ver­schoben oder das Begräbnis meiner Oma geschwänzt hätte, aber eine Aus­wärts­fahrt über 730 Kilo­meter ist auch nicht zu ver­achten. Und so fühlte ich mich ein biss­chen hero­isch, als ich 20 Stunden nach meiner Abfahrt in Berlin das Saar­brü­cker Lud­wigs­park­sta­dion erreichte. Zwei Stunden vor Spiel­be­ginn betrat ich den Gäs­te­block und ließ mich ver­zau­bern von diesem in Würde geal­terten Sta­dion, in dem die Gras­halme auf den Tri­bünen sprossen und rings­herum nichts als Bäume zu sehen waren. Die April-Sonne lachte erwar­tungsoll und ich war mir sicher: Heute ist ein guter Tag, um auf­zu­steigen!

Die erste Auf­stiegs­chance nutzen

Fünf Spiel­tage vor dem Ende der Saison sollte Hansa Ros­tock also hier, am anderen Ende der Repu­blik, die erste Mög­lich­keit zur Rück­kehr in die zweite Liga erhalten. Über­ra­gend hatte der Verein das erste Dritt­liga-Jahr der Ver­eins­ge­schichte gemeis­tert. Ein neuer Vor­stand hatte Ruhe in den Verein gebracht, die Mann­schaft begeis­terte mit Offen­siv­fuß­ball, holte so viele Siege wie nie zuvor, und die Fans strömten in Massen zu Spielen gegen Werder Bremen II oder den VfR Aalen. Auch an diesem Tag fanden sich im äußersten Süd­westen 2.000 Han­seaten ein, in der Über­zeu­gung, dass die Mann­schaft die erste Auf­stiegs­chance nutzen würde.

Als der Schieds­richter die Partie abpfiff, stand es 3:0. Für Saar­brü­cken. Die Hansa-Fans reagierten gelassen. Bevor sich der blau-weiß-rote Tross zer­streute, bekam die Mann­schaft ihren Abschieds­ap­plaus. Alle wussten: Es blieben fünf wei­tere Spiele, um die feh­lenden zwei Punkte ein­zu­fahren oder auf einen Aus­rut­scher der Ver­folger zu warten. Ich wusste: Auch bei der nächsten Auf­stiegs­mög­lich­keit vier Tage später im hei­mi­schen Ost­see­sta­dion würde ich dabei sein. Und ist es nicht sowieso viel schöner, in einem Heim­spiel den Auf­stieg per­fekt zu machen? Vor der Fahrt nach Saar­brü­cken hätte ich die Frage mit Nein beant­wortet, doch beim Gang aus dem Sta­dion, war ich genau davon über­zeugt.

Kaf­fee­fahrt ins Glück

Was ich noch nicht wusste, ist, dass weder das eine noch das andere Rea­lität werden würde. Völlig über­ra­schend verlor Hansa auch sein Mitt­wochs-Heim­spiel gegen Sand­hausen. Ein Unent­schieden hätte für den Auf­stieg genügt. Die Party wurde abge­sagt. Diesmal wusste ich: Beim nächsten Spiel werde ich nicht dabei sein. Ich war ent­täuscht. Wenigs­tens war es keine ver­zwei­felte Ent­täu­schung, wie ich sie die Jahre zuvor schon so oft erleben musste. Mir war der Auf­stieg an diesem Abend genommen worden, doch der Mann­schaft war er kaum mehr zu nehmen.

Am darauf fol­genden Samstag befand sich die Mann­schaft auf der Auto­bahn Rich­tung Mün­chen, wo sie Tags darauf gegen die Ama­teure des FC Bayern antreten sollte. Wäh­rend­dessen ver­folgte ich eher unauf­merksam die Partie des Auf­stiegs­kon­kur­renten Wehen Wies­baden. Plötz­lich war das Spiel zu Ende, Wehen hatte ver­loren, Hansa war durch. Als die Nach­richt zur Mann­schaft durch­drang, machte sie gerade eine Kaf­fee­pause an einer Auto­bahn-Rastätte. Trainer Peter Voll­mann beschrieb später die Situa­tion: Wir haben uns auf einem Park­platz in den Armen gelegen. Die Men­schen um uns herum wussten gar nicht, was da los war. Das war schon kurios.“

Die Mann­schaft freute sich, ich freute mich. Aber es fehlte etwas. Hansa war auf­ge­stiegen ohne das Sta­di­on­er­lebnis, ohne sich in den Armen lie­genden Fans und halb­nackten und tan­zenden Spie­lern. Ein­fach so. Ich schickte eine SMS: Der FCH ist wieder da“. Das drückt in etwa aus, was ich fühlte. Ich war glück­lich, stolz auf meinen Verein, aber es fehlte die Aus­ge­las­sen­heit, die Ekstase eines Sta­di­on­er­leb­nisses.