Seite 3: „Er zielt ja absichtlich zwei Meter neben das Tor!“

Aber dass die Saison trotz eines ver­söhn­li­chen neunten Bun­des­liga-Rangs in Frank­furt mit einer Ent­frem­dung des Trai­ners endete und Schaaf schließ­lich zurück­trat, hatte seinen Ursprung in dem Ver­such, Meiers Posi­tion zu stutzen. Schon damals begann Schaaf, das Ver­trauen der Mann­schaft und des Umfelds zu ver­lieren. Alex Meier hat eine große Haus­macht, ohne sich je darum bemüht zu haben.

Mit­spieler und Jour­na­listen waren instinktiv gegen den Trainer gestimmt, als er den treuen Meier angriff. Ein Mit­spieler erzählt, dass Schaaf dann auch noch das pri­vate Zusatz­trai­ning nach dem Mann­schafts­trai­ning verbot, weil die Spieler sich lieber mit voller Kraft dem rich­tigen Trai­ning widmen sollten. Alex Meier musste auch das als Brüs­kie­rung ver­stehen. Er hatte seine gesamte Kar­riere hin­durch nach dem Mann­schafts­trai­ning noch alleine Tor­schüsse geübt und sieht im Zusatz­trai­ning, in der per­ma­nenten Wie­der­ho­lung, die Basis seines phä­no­me­nalen Innen­rist­schusses.

Bernd Höl­zen­bein, der Welt­meister-Stürmer, wird enthu­si­as­tisch, wenn er Meiers Schuss­technik beschreibt: Er zielt ja absicht­lich zwei Meter neben das Tor! Des­halb springt der Tor­wart spät los. Aber mit dem Innen­rist hat Alex dem Ball so viel Effet gegeben, dass er sich genau neben dem Pfosten ins Tor dreht.“ Gut 70 Pro­zent seiner Tore schießt Alex Meier so: mit rechts, per Innen­rist. Seine Krö­nung als Tor­schüt­zen­könig ist der Tri­umph eines Fuß­bal­lers, der all seine Schwä­chen nichtig werden ließ, weil er eine Stärke auf ein­zig­ar­tige Art per­fek­tio­nierte.

Den prä­zisen Innen­rist­schuss hat ihn sein Vater gelehrt. Er hat gesagt: ›Bis 20 Meter vor dem Tor musst du gar nicht fest schießen, solange der Schuss plat­ziert ist, ist er immer drin‹“. Wenn sein Vater von der Arbeit in einer Bau­firma nach Hause kam, ging Alex mit ihm fast jeden Tag auf den Bolz­platz in Buch­holz, 20 Kilo­meter vor Ham­burg. Ich habe alles mit meinem Vater geübt.“ Das war gut, denn in den neun­ziger Jahren trai­nierten Kinder in den Ver­einen bloß dreimal die Woche nach der Schule. Die Tor­jä­ger­ka­none hat er seinem Vater und der Mutter mit­ge­geben. Er braucht sie nicht in Frank­furt, die Eltern können sie, wie alle Tro­phäen, in seinem Kin­der­zimmer in Buch­holz auf­stellen. Wobei, ich habe ja sonst eigent­lich gar keine Tro­phäen. Außer von irgend­wel­chen Hal­len­tur­nieren als D‑Jugendlicher.“

Immer schön weiter Tore schießen!“

Es ist Zeit auf­zu­bre­chen, und eine Rent­nerin vom Neben­tisch im Taj Mahal ruft ihm in breitem Hes­sisch zu: Und immer schön weiter Tore schießen. Darauf lege ich größten Wert.“ – Das wird leider etwas dauern mit den Toren“, mur­melt Alex Meier zurück, und wie so oft bei ihm ist nicht klar, war das nun eine wort­karge Ant­wort oder sein tro­ckener Humor. Er wird nach seinem Riss der Patel­la­sehne im Knie die ersten Wochen der neuen Saison ver­passen.

Beim kurzen Spa­zier­gang die Schweizer Straße hin­unter sitzen die Leute in der milden Som­mer­luft in Gar­ten­re­stau­rants. Ich finde Frank­furt super!“, ruft Alex Meier spontan aus. Im Moment kann ich mir nicht vor­stellen, irgend­wann mal weg­zu­gehen.“ Sein Traum ist es, bis 40 zu spielen, wenn die Ein­tracht ihm dann einen anderen Job anböte, warum nicht. Er hat eine große Prä­senz auf der Straße, 1,96 Meter groß, lange blonde Haare, dazu der mus­ku­löse Körper. Nach einer Ver­let­zung 2008 ent­deckte er den Fit­ness­raum für sich und über­trieb es so, dass ihm der dama­lige Trainer Fried­helm Funkel Kraft­raum­verbot erteilte. Ein Mann ruft Meier aus dem Auto zu, er solle nicht im T‑Shirt rum­laufen, er erkälte sich noch. Was hier seit drei Jahren mit Alex abgeht“, sagt Pidi: Vor zehn Jahren stand ich mit Alex in Frank­furt noch in der Schlange einer Disko und der Tür­steher ließ uns nicht rein.“

Nun steht Meier an einer roten Ampel und ruft einem Teen­ager-Mäd­chen zu: Es ist rot!“ Das Mäd­chen geht, ohne ihn zu beachten. Weit und breit ist kein Auto zu sehen. Alex Meier wartet, bis es Grün wird und geht.