Seite 2: „Richtig aufregen, das gibt's eigentlich nicht bei mir“

Einmal in elf Jahren in Frank­furt hat Alex Meier über­legt, ob er etwas anderes nehmen soll. Vor der Ver­trags­ver­län­ge­rung im Sommer 2014 habe ich mal dar­über nach­ge­dacht zu gehen.“ In den Zei­tungen stand, der HSV, Klub seiner Jugend, wolle ihn gerne zurück­holen, und die Ein­tracht bockte, einem über Drei­ßig­jäh­rigen noch einen Drei­jah­res­ver­trag vor­zu­legen. Ich habe dann aber – auch wenn es sich blöd anhört – auf mein Herz gehört und bin geblieben: Denn hier fühle ich mich wohl.“ Auch wenn es sich blöd anhört“ – den Ein­schub fügt er ein, weil er pathe­ti­schen Worten genauso miss­traut wie großen Gesten.

Als er am letzten Spieltag der Saison 2014/15 im Sta­dion die Tor­schüt­zen­ka­none für die Fans und Foto­grafen in die Luft halten sollte, senkte Alex Meier die Tro­phäe ganz schnell wieder. Ver­legen stand er da, wäh­rend ihn 50 000 mit dem Alex Meier Fußballgott“-Lied fei­erten: Er trifft, wie er will, sogar mit dem Zopf, Fuß­ball­gott, Fuß­ball­gott!“ Abends stieß er mit dem Vor­stands­vor­sit­zenden der Ein­tracht, Heri­bert Bruch­hagen, auf seine 19 Tore an. In Bruch­ha­gens Glas war Rot­wein, Alex Meier fei­erte mit Cola. Er trinkt nie Alkohol. Schmeckt ihm nicht.

Wann flippt er mal aus? Alex Meier über­legt lange. An der Play­sta­tion kannst du nicht ver­lieren!“, sagt Pidi. Ja, weil du immer meine Teams und Tak­tiken beim NBA-Bas­ket­ball 2K15 kopierst und mich dann schlägst, da bin ich natür­lich sauer.“ Ich sag’ jetzt nichts. Es ist dein Inter­view.“ Also, richtig auf­regen, das gibt’s eigent­lich nicht bei mir“, sagt Meier.

Sein Rede­fluss wird auch mit 32 von Schüch­tern­heit gebremst, und wenn er etwas erzählt, bleibt er nahezu ges­tenlos. Doch gerade für seine Sprö­dig­keit wird er in Frank­furt geliebt. Sie lässt ihn geerdet erscheinen, weil sie mit einer großen Unauf­ge­regt­heit und Höf­lich­keit ein­her­geht. Alex Meier ist der ein­zige Profi in Frank­furt, der an Trai­nings­tagen regel­mäßig auf der Geschäfts­stelle vor­bei­schaut, um den Sekre­tä­rinnen oder dem Spiel­ana­lysten Hallo zu sagen. Findet er selbst­ver­ständ­lich. Er kennt doch viele schon seit Jahren.

Es dauert immer ein biss­chen, bis der Alex redet.“

Auch bei Bernd Höl­zen­bein, dem Frank­furter Welt­meister von 1974 und heu­tigem Scout, kehrt er gerne im Büro ein. Vor drei Minuten war der Alex da!“, sagt Höl­zen­bein ein paar Tage später am Telefon. Das Gespräch habe dann aber wie immer er mit Fragen in Gang bringen müssen: Was machst du wegen deiner Knie­ver­let­zung in der Reha? Wann bist du wieder fit? Es dauert immer ein biss­chen, bis der Alex redet.“ Wie alle hat Höl­zen­bein so ein Gefühl, dass der Alex klasse ist, ver­läss­lich, normal. Wenn ich ein Trikot von ihm für einen Bekannten brauche, habe ich es am nächsten Tag“. Aber dann fällt Höl­zen­bein auf, dass er trotz ihrer regel­mä­ßigen, netten Plau­de­reien gar nicht so viel von ihm weiß: Er ist ja so ruhig“.

Alex Meiers Finger aller­dings ver­raten, dass auch er seine ner­vösen Momente hat. Die Haut ist abge­knib­belt. Zu Beginn der ver­gan­genen Saison setzte ihn Ein­tracht-Trainer Thomas Schaaf auf die Ersatz­bank. Im Trai­nings­lager auf Nor­derney schrie er Meier an, weil der den Ball nicht schnell genug nach vorne spiele. Hatte Schaaf die Absicht, die Hier­ar­chie zu bre­chen, wie man das nennt und was viele Trainer unsin­ni­ger­weise an einem neuen Ort machen wollen?

Alex Meier hat an den Fin­gern geknib­belt und nie gesagt, wie sehr ihn die Abkan­ze­lungen trafen. Später wurde er trotzdem Tor­schüt­zen­könig, obwohl er wegen einer Knie­ver­let­zung im April nur 26 Par­tien bestreiten konnte. Schaafs Idee, Alex Meier als vor­dersten Stürmer erst­mals ganz nah am Tor spielen zu lassen, hatte einen gehö­rigen Anteil an diesem Erfolg.