2016, du alte Schnarch­nase, was war los mit Dir? Ein Jahr wie lap­piges Schwarz­brot in einer sah­ne­trie­fenden Kicker-Kon­di­torei. Wir werden wir Dich wohl nur in Erin­ne­rung behalten, weil der Kaiser seinen Nimbus der Unfehl­bar­keit ein­büßte, das Kon­zept des Retor­ten­klubs end­gültig Wett­be­werbs­fä­hig­keit bewies und sich die letzten Welpen des Som­mer­mär­chens“ aufs Alten­teil ver­ab­schie­deten.

Und doch brach­test Du mir zurück ins Bewusst­sein, wie unwi­der­steh­lich Fuß­ball sein kann und welch inte­gra­tive Kraft das Spiel selbst in so öden Jahren wie 2016 ent­falten kann.

Mein Gott, wie viel Lebens­zeit habe ich bei der Euro­pa­meis­ter­schaft vor der Matt­scheibe ver­geudet? Wie hat sich diese Vor­runde in die Länge gezogen? Die mau­ernden Por­tu­giesen, die zwei­felnden Fran­zosen, ich bitte Dich: Eng­land!? Und dann müssen im Vier­tel­fi­nale die ein­zigen beiden Teams gegen­ein­ander spielen, die bis dato halb­wegs in Nor­mal­form auf­ge­treten sind: Ita­lien gegen Deutsch­land.

Um Mit­ter­nacht muss Schluss sein

Ich bin an diesem Tag zu einem 50. Geburtstag am Wannsee ein­ge­laden. Ein befreun­detes Ehe­paar hat geladen, beide sind kurz zuvor fünfzig geworden. Die Feier findet in einer Villa statt, die früher einem berühmten Maler gehört hat. Im oberen Stock­werk sind Kunst­werke aus­ge­stellt, die Mil­lionen kosten und von unschätz­baren kul­tu­rellem Wert sind. Des­wegen beginnt die Party bereits am Nach­mittag. Um Mit­ter­nacht muss Schluss sein, danach ver­fällt bis zum Mor­gen­grauen der Ver­si­che­rungs­schutz.

Die Jubi­lare begrüßen auf einem Steg, der zwanzig Meter in den See hin­ein­ragt. Sie haben Apho­rismen vor­be­reitet, die sich alle­samt um die Zahl 50“ drehen. Jeder Abschnitt wird höf­lich beklatscht, Humo­riges belacht, Nach­denk­li­ches freund­lich achja – t. Um mich herum: Männer im besten Alter. Frauen in Ball­klei­dern und Bla­zern. Kunst­szene, Geld­adel, Uni­ver­si­täts­mit­ar­beiter. Kinder, die Sei­dens­akkos mit Ein­steck­tuch tragen, der­weil ihnen das weiße Hemd am Rücken zer­knit­tert aus der Hose rutscht. Dazu: Drei glatz­köp­fige Werber in schwarzen Hemden.

Ein Fern­seher und ein paar Stühle

Die Gast­ge­berin sagt, sie inter­es­siere sich nicht für Fuß­ball. Aber sie habe gehört, dass heute wohl ein wich­tiges Spiel sei, des­halb habe sie den Haus­meister gebeten, im Salon für Fans“ – sie spricht das Wort aus, als sei es ein ihr bis dato unbe­kannter Slang-Begriff, den sie bei eng­li­schen Freunden auf­ge­schnappt hat – einen Fern­seher und ein paar Stühle auf­zu­stellen.

Als Entrée in die Fei­er­lich­keiten werden wir in Klein­gruppen durch das Haus geführt und mit Kunst und dem Leben des Künst­lers ver­traut gemacht. Anschlie­ßend trifft sich die Gesell­schaft auf der Ter­rasse mit See­blick bei Kaffee, Torte und teurem Sekt. Die Caterer am Geträn­ke­stand sind zuvor­kom­mend, sie haben sich den roten Schlips auf Brust­höhe zwi­schen zwei Knöpfen ins weiße Hemd geschoben.

Höhe­punkt der Feier, das ist klar, soll ein Gesangs­vor­trag der beiden Söhne unseres Geburts­tags­paars am spä­teren Abend werden. Gefüh­lige Hits der zurück­lie­genden Chart­saison, Tim Bendzko, Revol­ver­held, Max Gie­singer, irgendwas in diese Rich­tung.