Das wäre doch nicht nötig gewesen: Der FC Bar­ce­lona verlor ges­tern Abend 1:2 gegen den rus­si­schen Nie­mand Rubin Karsan. Selbst für den zu Pathos und Welt­schmerz nei­genden Klub war diese Geste dann doch eine Nummer zu kit­schig. 

Aber traurig, ja traurig darf man sein, dass der große Henrik Larsson am 1. November seine Kar­riere beendet. Denn es ist der Tag, an dem auch die Jugend seiner Fans sich ver­wan­delt in ein Erwach­sen­sein, befremdet von dem Bling­b­ling und dem getoas­teten Teint der neuen Genera­tion. 

Ein letzter Gruß des Helden: Henrik Larsson war es, der im hohen Alter von 35 Jahren Barca den Gewinn der Cham­pions League sicherte. Im Finale 2006 gegen Arsenal London beim Stand von 0:1 ein­ge­wech­selt, legte der ange­graute Stür­mer­fuchs noch zwei Tore auf. Als er die Rie­sen­vase in den Himmel von Paris stemmte, war das die späte, aber wun­derbar logi­sche Krö­nung einer zwei Jahr­zehnte andau­ernden Kar­riere. 

Den euro­päi­schen Fans war Larsson erst­mals Anfang der 90er Jahre auf­ge­fallen. Mon­tag­abends sah man ihn in der Sen­dung Euro­goals“ für Feye­noord Rot­terdam wir­beln, einen der wenigen nie­der­län­di­schen Ver­eine, die der Gol­denen Genera­tion von Ajax Ams­terdam über­haupt Paroli bieten konnten. 

Damals trug Henke“ noch Dre­ad­locks und die Jungs an seiner Seite eben­falls: Gaston Taument und Regi Blinker. Dreads waren noch nicht so salon­fähig wie heute, da jeder zweite Gym­na­siast seinen Kamm weg­wirft. Die Filz­haare, die Larsson, Taument und Blinker über die Plätze wallen ließen, schockten noch und fas­zi­nierten zugleich: Wer waren diese Rag­ga­muf­fins, die so ver­dammt gut kicken können? 

Henrik Larsson war der beste der drei Fuß­ball-Mar­leys, weil er schon in jungen Jahren nicht nur spielen wollte – er wollte immer auch beißen. Seine Effi­zienz bescherte seinem Hei­mat­land Schweden auch einen der größten Erfolg auf der inter­na­tio­nalen Fuß­ball­bühne: Bei der WM 1994 holten die Tre Kro­nors“ die Bron­ze­me­daille, auch weil Larsson im Vier­tel­fi­nale gegen Rumä­nien eis­kalt zuschlug. 

Wenn ich gegen ihn spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos“

Es mag zunächst seltsam erscheinen, dass er in der Folge nicht zu einem euro­päi­schen Rie­sen­verein wech­selte, zu Real Madrid, dem AC Mai­land oder Juventus Turin – schließ­lich war er neben Dennis Berg­kamp der ver­sier­teste Jung­stürmer des Kon­ti­nents und im Begriff, die schon im Kar­rie­reherbst däm­mernden Vialli, Weah und Stoichkov zu beerben. Larsson ging zu Celtic Glasgow nach Schott­land – eine Liga, in der pro Jahr zwei Spiele span­nend sind: Celtic gegen die Ran­gers und die Ran­gers gegen Celtic. Warum also dieser Transfer? 

Unklar ist, ob Larsson den festen Plan hatte, König von Schott­land zu werden. Doch sieben Jahre, 221 Spiele, 174 Tore und vier Meis­ter­titel später war er es. Die Dre­ad­locks waren einer Kampf­glatze gewi­chen, Henke“ war härter geworden, gegen sich, gegen andere, er war nun kaum noch auf­zu­halten.

Collin Hendry, Innen­ver­tei­diger der Ran­gers und ein Mann wie zwei Bäume, maunzte nach einem Duell mit ihm depri­miert: Wenn ich gegen ihn spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos.“ Allein 2001 schoss Larsson 37 Tore – in 37 Spielen. Er erhielt als bester Tor­schütze Europas den Gol­denen Schuh“, wurde mit dem Titel Member of the Bri­tish Empire“ aus­ge­zeichnet und zum besten schwe­di­schen Fuß­baller der letzten 50 Jahre gewählt. 

Was nun noch fehlte, war ein großer inter­na­tio­naler Titel. 2004, da war Larsson schon 33 Jahre alt, ereilte ihn doch noch der Ruf eines Super­klubs, des FC Bar­ce­lona. Die zwei Jahre in Kata­lo­nien waren von Ver­let­zungen und den ersten Ver­schleiß­erschei­nungen seiner auf­wen­digen Spiel­weise geprägt, und doch schien es, als war­teten beide, der Verein und der Spieler, nur auf jenen 6. Mai 2006, das Finale von Paris. 

Er tötete uns“

In der 61. Minute kam Henke“, sah und siegte. Sein Kon­tra­hent und Freund Thierry Henry ver­lieh seiner Bewun­de­rung noch in den Kata­komben Aus­druck: Alle spre­chen immer von Ronald­inho, Eto’o und Giuly, aber von denen habe ich heute nichts gesehen. Ich habe Henrik gesehen“, psal­mierte Titi“. Er kam rein, er ver­än­derte das Spiel, er tötete uns. Also lasst uns nicht mehr über Ronald­inho, Eto’o und Giuly spre­chen, son­dern über Spieler, die den Unter­schied machen. Über Henrik Larsson.“ 

Auch gegen Rubin Karsan hätte er Barca ges­tern wahr­schein­lich den Arsch gerettet mit seinen inzwi­schen 38 Jahren, wäre rein­ge­kommen und hätte den Unter­schied gemacht. Doch Larsson hat genug. Nach unzäh­ligen Come­backs, oft­mals auf Bitten und Bet­teln seiner Fans, wird einer der größten Spieler seiner Genera­tion am 1. November seinen Dienst bei Hel­sing­borgs IF quit­tieren und für immer in Rente gehen. Es reicht“, sprach er lapidar. 

Nein, Henke, es reicht nicht. Denn das würde ja bedeuten, dass man genug bekommen würde von Dir. Ach, wäre doch noch mal 1995! Mon­tag­abends, morgen schreiben wir eine Lern­ziel­kon­trolle in Erd­kunde – egal! Euro­goals“ läuft! Finidi George, Dennis Berg­kamp und Marc Over­mars gegen Blinker, Taument – und Larsson! 

Jetzt soll diese ewige Jugend also vorbei sein. Als wäre das nicht schon Krän­kung genug, lässt Henke“ uns auch noch allein mit Cris­tiano Ronaldo und Dolce und Gab­bana. 

Ver­dammt.