Karsten Hut­welker, Sie wissen, warum wir Sie spre­chen wollen?
Nein.

Kleiner Tipp: Es geht um Sonntag.
Ah, um For­tuna gegen Köln?

Sie standen beim letzten rhei­ni­schen Derby im April 1999 auf dem Rasen.
Derbys ver­gisst man nie! Das ist von der Atmo­sphäre und sport­li­chen Riva­lität her eine ein­ma­lige Sache. Ein ganz beson­deres Gefühl, von dem sich keiner frei machen kann. Man will der Region ein Erfolgs­er­lebnis ver­schaffen.

Ihr FC verlor durch zwei Tore von Marek Les­niak im Rhein­sta­dion. Können Sie sich noch an den eigenen Tor­schützen erin­nern?
(Pause) Das ist schwer. Viel­leicht Holger Gaiß­mayer?

Es war Georgi Donkov.
Ach, der Donkov!

Nun kommt es zur Wie­der­auf­lage. Hätten Sie sich die Paa­rung schon Ende der letzten Saison als Rele­ga­ti­ons­partie gewünscht?
Das wäre sicher­lich das High­light eines ganz ver­rückten Sai­son­fi­nales gewesen – Zünd­stoff pur. Aber nach den Rele­ga­tions-Vor­fällen zwi­schen Düs­sel­dorf und Berlin ist es viel­leicht auch ganz gut, dass es in so einem bri­santen Spiel nicht um Exis­tenzen geht, son­dern nur“ um Punkte am zweiten Spieltag.

Beide Teams haben neue Trainer. Wen sehen Sie momentan vorn?
Den ganz großen Wurf traue ich nach jet­zigem Stand den For­tunen zu, weil sie die gewach­se­nere Mann­schaft haben. Köln hat einen sehr jungen Kader und ist um ein ruhi­geres Umfeld bemüht. Die können sicher­lich oben rein­rut­schen, aber gene­rell ist Düs­sel­dorf besser auf­ge­stellt.

Viele Zweit­li­ga­trainer setzen auf den FC als einen der Auf­stiegs­fa­vo­riten. Das würden Sie also nicht unter­schreiben?
Favorit auf gar keinen Fall. Even­tuell als Über­ra­schungs­team wie zum Ende der letzten Saison unter Holger Sta­nisl­waski. So einen Lauf braucht man als junge Mann­schaft, aber jedes Nega­tiv­erlebnis kann die auch wieder umwerfen. Legt der FC einen Stot­ter­start wie letztes Jahr hin, glaube ich nicht, dass er in dieser zweiten Liga eine tra­gende Rolle spielt.

Ist das der Bri­sanz des Derbys abträg­lich?
Nein. Das werden zwei Spiele ohne Tabel­len­bezug, in denen pure Emo­tionen bei den Spie­lern und Fans zu erleben sind.

Nimmt die heu­tige Genera­tion Der­by­ri­va­li­täten über­haupt noch so wahr?
Ich denke, dass die heu­tigen Spieler das genauso mit­be­kommen wie wir damals. Gerade in unserer Region, in der es so viele Derbys gibt.

Schade. Wir öffnen so gern die Früher war alles besser“-Schublade.
(Lacht) Nichts­des­to­trotz wachsen die meisten Spieler nicht mehr hier auf und bekommen die His­torie dadurch nicht mehr in dem Maße mit. Beein­dru­ckend wird das so oder so, aber früher war die Bedeu­tung größer.

Sie sind 1999 knapp vor dem Derby als ehe­ma­liger For­tuna-Nach­wuchs­spieler nach Köln gewech­selt.
Richtig.

Kennen Sie die Geschichte von Luis Figo, nachdem er zum ver­hassten Rivalen gewech­selt ist?
Ich hab da mal was gelesen…

Es flog ein abge­trennter Schwei­ne­kopf.
Stimmt!

Haben Sie damals etwas zu spüren bekommen?
Nein. Die Fans kamen nicht ran, damals spielten wir ja noch im Mün­gers­dorfer Sta­dion mit Lauf­bahn und Graben, das muss man dazu sagen. Außerdem war es damals schon fünf bis sechs Jahre her, dass ich bei For­tuna gespielt habe.

Rela­ti­viert eine schwere Erkran­kung wie in Ihrem Fall solche Dinge wie Der­by­ri­va­li­täten?
Defi­nitiv. Ich will nicht sagen, dass dieser schwere Schick­sals­schlag (im August 2006 wurde Kno­chen­krebs dia­gnos­ti­ziert, d. Red.) gut für mich war, aber ich habe dadurch viel gelernt. Die Gesund­heit ist das absolut Wich­tigste, das kann ich nach 20 Jahren als Profi defi­nitiv sagen.

Das Internet schreibt Ihnen 17 Ver­eine zu. Dürfen wir Sie Wan­der­vogel“ nennen?
Mitt­ler­weile kann ich drüber lachen. Damals hatte ich das nicht so gern, weil es zu jedem Wechsel eine Geschichte gab. Aber ich freue mich immer, Licht ins Dunkel bringen zu dürfen.

Wir hören …
Damals als wir mit For­tuna abge­stiegen sind, hatte der Verein für fünf Jahre meine Trans­fer­rechte und hat mich zur Wei­ter­ent­wick­lung Jahr für Jahr nur aus­ge­liehen. 1996 wollte ich dann nach Bochum. Von da an habe ich immer lang­fris­tige Ver­träge unter­schrieben.

Die Sie nicht ein­hielten, weil …
Das waren Dinge jen­seits der Öffent­lich­keit. Nach zwei Jahren in Bochum wollte mich Ewald Lienen in Köln zum Vor­stopper umfunk­tio­nieren. Das wollte ich nicht und bin nach Saar­brü­cken gegangen. Dann kam der Lockruf aus Flo­renz, wo nach kurzer Zeit die Geburt meines Sohnes, der als Früh­chen zur Welt kam, anstand. Mein Vater war berufs­tätig, meine Mutter hatte keinen Füh­rer­schein – also löste ich den Ver­trag in Flo­renz auf, wobei ich dort wirk­lich gern drei Jahre geblieben wäre.

Wie ging es in Deutsch­land weiter?
Mit einer Geneh­mi­gung der UEFA durfte ich nach Braun­schweig gehen, wo ich ein halbes Jahr umsonst gespielt habe, um über­haupt wieder Fuß zu fassen. Dann bekam ich einen Ver­trag in Regens­burg, der mit dem Abstieg in die Regio­nal­liga ungültig wurde.

Meine Güte!
Glück­li­cher­weise hatte ich anschlie­ßend noch drei Jahre in Augs­burg und zwei in Öster­reich (SC Rhein­dorf Altach, d. Red.). In den letzten Jahren habe ich diversen Ver­bands­li­gisten dann den einen oder anderen Freund­schafts­dienst erwiesen. Die Sta­tionen zähle ich gar nicht mit.

Stehen unterm Strich 13 Ver­eine.
Sechs davon kamen durch die Aus­leihen aus Düs­sel­dorf zustande, da hatte ich mit 23 Jahren schon fünf oder sechs Ver­eine. Das war natür­lich nicht för­der­lich. Also habe ich mich gegen den Titel Wan­der­vogel“ gewehrt. Denn ziehen wir die Leih­sta­tionen ab, kommen wir auf sieben Ver­eine – in 20 Jahren Kar­riere ein nor­maler Wert.

Aber heute können Sie ja drüber schmun­zeln.
Letz­tens hatten wir ein Wie­der­sehen in Bochum. Da durfte jeder seinen Namen auf dem Trikot selbst aus­wählen. Bei mir stand Wan­der­vogel“.

Wie kam Ihre Familie damit klar?
Irgend­wann war es meiner Frau zu viel. Wir haben 1998 ein Haus in Köln gekauft, in dem wir bis heute wohnen. Die erste Hälfte meiner Lauf­bahn ist mir meine Familie aber gefolgt. So ist das nun mal. Jetzt, wo ich Trainer bin, wird sich das auch nicht ändern.

Wie steht es denn um einen neuen Job?
Nicht ein­fach. Ich hatte gehofft, mit der Fuß­ball-Lehrer-Lizenz Ange­bote zu erhalten. Außer einem Regional- und einem Dritt­li­gisten war aber nicht viel dabei. Dort hat man sich ander­weitig ent­schieden, was legitim ist. Es muss bei­der­seitig passen.

2002 schlugen Sie Ihre Zelte in Ita­lien auf. Der AC Flo­renz war damals dritt­klassig.
Richtig. Als ich unter­schrieben habe, war der Verein noch in der Serie B. Nach zwei Wochen Son­der­ur­laub waren wir plötz­lich in der dritten Liga. Flo­renz wollte mich trotzdem und hat den Ver­trag über­nommen.

Wie kommt ein Spieler von Saar­brü­cken zum AC Flo­renz?
Das war kurios. Über den Zeug­wart von Ein­tracht Frank­furt. Der kannte den Co-Trainer von Flo­renz, der wohl nach einer Hand­voll deut­scher Spieler fragte, die Inter­esse hätten, nach Ita­lien zu wech­seln.

Sie hatten Inter­esse, nehmen wir an.
Ich war total begeis­tert. Wie der Verein nach drei Tagen Pro­be­trai­ning übri­gens auch von mir.

Was würden Sie Mario Gomez für seine Zeit dort raten?
Er soll so sein, wie er ist! Wer Leis­tung bringt, wird dort geliebt. Die Leute grüßen einen auf der Straße und lassen dich nicht mehr fallen. Nach vier Wochen wurde ich auf der Straße ange­spro­chen, obwohl ich kein Wort Ita­lie­nisch konnte. Ich habe mit Händen und Füßen ver­sucht, den Wün­schen gerecht zu werden.

Klingt sym­pa­thisch.
Eine sehr lie­be­volle Stadt, die für den Fuß­ball lebt. Mario Gomez kann gar nichts falsch machen.