Hin­weis: Das Inter­view erschien erst­mals im Januar 2020. Bis zur Corona bedingten Unter­bre­chung der A‑League kam Stein­mann auf 18 Spiele für Wel­lington, alle von Beginn an. Mit seiner Mann­schaft steht er auf dem dritten Platz.

Matti Stein­mann, wie landet man als deut­scher Fuß­baller auf der anderen Seite der Welt?
Als ich von Jonas Boldt im Sommer die Nach­richt bekam, dass ich beim HSV nicht mehr in der ersten Mann­schaft ein­ge­plant sei, habe ich einen Wechsel for­ciert. Ende Juli habe ich dann von dem Inter­esse gehört und war sofort Feuer und Flamme. Auch wenn es mit nicht leicht fiel, meine Zelte in Ham­burg abzu­bre­chen und mein Leben dort auf­zu­geben.

Wieso?
Meine Kar­riere bestand immer schon aus Aufs und Abs, das Ende in Ham­burg war für mich nicht leicht, beim Abschied nach all den Jahren hatte ich ein mul­miges Gefühl. Aber ich habe den Schritt nicht bereut. Wel­lington ist eine wun­der­schönen Stadt, ich laufe von meiner WG aus 200 Meter an den Strand, spiele Fuß­ball in einem groß­ar­tigen Sta­dion auf einem fan­tas­ti­schen Rasen, habe läs­sige Team­kol­legen und sehe und erlebe für mich neue Dinge. Außerdem ist die A‑League eine span­nende Liga, das fuß­bal­le­ri­sche Niveau ist gut.

Wie gut?
Markus Babbel hat kürz­lich gesagt, man könne die A‑League vom Niveau her zwi­schen der dritten und der zweiten Bun­des­liga ansie­deln. Da würde ich mit­gehen. Und die Top-Mann­schaften – Mel­bourne City, FC Sidney, FC Perth – die würden in der zweiten Liga sogar eine gute Rolle spielen. Die haben richtig Qua­lität.

Was haben die Leute für Erwar­tungen an Sie?
Wenn A‑League Klubs Aus­länder holen, dann ist die Erwar­tung, dass diese Spieler den Unter­schied machen. Die Klubs dürfen nur eine begrenzte Anzahl an Spie­lern aus dem Aus­land holen, dem­entspre­chend sollen diese dann auch Leis­tungs­träger sein. Und genau das ist die Erwar­tung an mich. Aber das deckt sich kom­plett mit meinem eigenen Anspruch. Ich will eine gute Saison spielen.

Wie lebt es sich als Profi dort? Eher VW-Golf oder eher Lam­bor­ghini Gall­ardo?
Wenn Sie schon so popu­lis­tisch fragen, dann sage ich: eher VW-Golf. Auf jeden Fall nicht Lam­bor­ghini. (Lacht.) 

Wenn man dem 18-jäh­rigen U20-Natio­nal­spieler Matti Stein­mann gesagt hätte, dass er als 24-jäh­riger in Neu­see­land kickt, was hätte er gedacht?
Schwer zu sagen, aber ganz zufrieden gewesen wäre er wohl nicht. Weil es als 18-Jäh­riger mein großes Ziel war, beim HSV Profi zu sein.

Das haben Sie ja längst erle­digt. Wobei Sie als 18-Jäh­riger wahr­schein­lich nicht davon geträumt haben, als HSV-Profi den ersten Abstieg der Ver­eins­ge­schichte mit­zu­er­leben…
Der Tag, an dem wir abge­stiegen sind, war brutal. Einer der bewe­gendsten meines Lebens. Aber einer­seits haben wir am letzten Spieltag ja sogar gegen Glad­bach gewonnen, und ande­rer­seits war die Stim­mung im Sta­dion so beson­ders, so ein­zig­artig, dass wir Spieler am Ende sogar noch eine Sta­di­on­runde gelaufen sind, um uns bei den Zuschauern für den Sup­port zu bedanken. Und die Fans haben nicht gebuht, die haben gesungen. Auch wenn das komisch klingt: Bis auf ein paar Kra­wall­ma­cher waren die meisten Ham­burger am Ende des Nach­mit­tags auf eine beson­dere Art mit der Mann­schaft ver­söhnt. Chris­tian Titz hatte es geschafft, den Leuten wieder Mut zu machen. Die Hoff­nung auf eine bes­sere Zukunft war da. Und die Ergeb­nisse spra­chen ja auch für ihn. Unter ihm holten wir aus den letzten acht Spielen immerhin 13 Punkte.

Auch Ihr per­sön­li­ches Ver­hältnis zu Chris­tian Titz war beson­ders, er trai­nierte Sie schon in der zweiten Mann­schaft. Was haben Sie gedacht, als er im März 2018 zum Trainer der Profis beför­dert wurde?
Bis Titz hoch­ge­zogen wurde, hatte ich nicht mehr davon zu träumen gewagt, noch mal Bun­des­liga zu spielen. Ich hatte 2014, mit 19 Jahren, gegen die Bayern debü­tiert – und danach keine wei­tere Minute erste Liga spielen dürfen. Ich wurde nach Chem­nitz aus­ge­liehen, wech­selte in die zweite Mann­schaft von Mainz 05 und wurde dann zur zweiten Mann­schaft vom HSV zurück­ge­holt. Ich hatte mich für ein Stu­dium ein­ge­schrieben, lebte in meiner WG, war gefühlt sehr weit weg vom Pro­fi­fuß­ball. Aber als ich erfuhr, dass Titz die Profis über­nehmen würde, wurde ich sofort hell­hörig. Mir war klar: Ich bekomme noch eine Chance. Und die Chance kam gleich im ersten Spiel gegen Hertha.