Wo der löch­rige Asphalt auf der Straße zu schwarzem Teer wird, beginnt die Stadt­grenze von Lwiw. Abge­holzte Bäume am Stra­ßen­rand und Pla­nier­walzen zeugen von Bau­ar­beiten. Maß­nahmen, um den Ansprü­chen für ein großes Fuß­ball­tur­nier im kom­menden Jahr gerecht zu werden. Um sich als guter Gast­geber für EM-Tou­risten aus Europa prä­sen­tieren zu können. Die Stadt Lwiw als eine der acht Gast­ge­ber­städte für die Fuß­ball­eu­ro­pa­meis­ter­schaft 2012 liegt dabei im Zen­trum zwi­schen Polen und der Ukraine. Die Stadt setzt große Hoff­nungen in das Tur­nier. Im neuen Sta­dion, eine Bau­stelle nach UEFA-Auf­lagen, fie­bert man drei EM-Spielen ent­gegen und hofft auf lang­fris­tige wirt­schaft­liche Vor­teile nach dem Tur­nier.

Solche Sätze spre­chen Ver­ant­wort­liche gerne vor einem großen Sport­er­eignis aus. Doch wenn sie aus dem Mund von Oleg Zazadny kommen, klingen sie unge­wohnt fremd. Der Direktor des EM-Komi­tees in Lwiw steht umrahmt von hüb­schen Damen in hoch­ha­ckigen Schuhen. Vor ihnen reihen sich die mit Staub über­deckten Plas­tik­schalen der Zuschau­er­tri­büne. Noch gleicht das neue Sta­dion an der Stadt­grenze einer halb­fer­tigen Gla­dia­to­ren­arena. Ein Sand­platz ohne Ecken und Dach. Zazadny will Ruhe ver­breiten, redet hek­tisch: Irgendwie müssen wir halt pünkt­lich fertig werden. Bis zur end­gül­tigen Inspek­tion der UEFA wird uns das gelingen.“

Zu viel hat man in Lwiw schon in die Vor­be­rei­tungen inves­tiert. In der West­ukraine gelegen steht Lwiw als Ver­bin­dungs­stadt zwi­schen Polen und der Ukraine. Immer wieder ver­glei­chen Inspek­toren die Fort­schritte in den beiden Län­dern. Zwei Gast­geber einer EM, die mit­ein­ander und gegen­ein­ander um das Wohl­wollen der west­li­chen Mei­nung buhlen. Dabei ver­bindet die beiden Nach­bar­länder ihre post­so­wje­ti­sche Geschichte. Doch seit der Unab­hän­gig­keit der Polen und Ukrainer von der Sowjet­union hat man sich öst­lich und west­lich des Grenz­flusses Bug in vielen Punkten aus­ein­ander gelebt. Auch im Fuß­ball.

Ent­wick­lung auf Abwegen

Das Inter­esse an inter­na­tio­nalen Ligen ist in Polen klar Rich­tung Westen gerichtet. Die Bun­des­liga mit Robert Lewan­dowski, Jakub Blaszc­zy­kowski oder Lukasz Piszczek bei Dort­mund ist in aller Munde, die Pre­mier League durch Eng­land­be­suche und Fern­seh­über­tra­gungen vor Augen. Wer inter­es­siert sich schon für Dynamo Kiew? Andrij Schewt­schenko ist in der Ukraine ein Natio­nal­held, in Polen wird er müde belä­chelt. Und nachdem sich beide Natio­nal­mann­schaften in den ver­gan­genen Jahren selten durch große Siege her­vor­getan haben, hofft man bei­der­seits darauf, bei der EM zumin­dest nicht vor dem Nach­bar­land aus­zu­scheiden.

Wirt­schaft­lich hat Polen seit dem EU-Bei­tritt 2004 schnell gelernt, wie man mit anderen Län­dern Schritt hält. Doch die Geschichte des Landes bis 1989 hat auch die Infra­struktur geprägt. Ein Sport­groß­ereignis nach west­li­chen Maß­stäben stellt das Land immer noch vor rie­sige Her­aus­for­de­rungen. Deutsch­land und andere Nationen sind unter gesunden wirt­schaft­li­chen Bedin­gungen in die Vor­be­rei­tungen für ein Fuß­ball­tur­nier gestartet. Im kom­mu­nis­ti­schen Polen fehlte jede Infra­struktur.

Doch das Land hat es geschafft, vier Schritte in einem zu machen. In War­schau, wo das neue Sta­dion am Ufer der Weichsel steht, künden Wer­be­pla­kate von der bevor­ste­henden EM. Momentan wird der Haupt­bahnhof saniert. Jeder Taxi­fahrer spricht vom bevor­ste­henden Ereignis. Polen will bei der Euro­pa­meis­ter­schaft wirt­schaft­lich auf Augen­höhe mit anderen Nationen antreten. Und die Ukrainer? Einen sol­chen Sprung trauen die meisten Polen ihrem Nach­barn nicht zu.

Anstehen für Europa

Lukasz Adamski vom pol­ni­schen Institut für inter­na­tio­nale Bezie­hungen beschäf­tigt sich seit mehr als zehn Jahren mit den Bezie­hungen der beiden Länder. Viel­leicht ist es ein biss­chen so wie früher zwi­schen Deutsch­land und Polen. Wir hatten die güns­tigen Arbeits­kräfte. Und viele Min­der­wer­tig­keits­ge­fühle. Das hat sich jetzt nach Osten in die Ukraine ver­schoben.“

An der Grenze zwi­schen den beiden Län­dern wird klar, was Adamski meint. Schlan­ge­stehen für einen Ein­blick in die Euro­päi­sche Union. Oleg Zazadny lehnt mit einer Ziga­rette in der Hand am Kühler seines Ladas. Ich war schon einmal in Frank­reich. Dort an der Grenze ging alles viel schneller. Hier warte ich seit zwei Stunden“, erzählt er. Mehr­mals pro Woche fährt Oleg über die Grenze bei Medyka. Um ein­zu­kaufen auf pol­ni­scher Seite. Alles, was er zoll­frei nach Polen ein­führen kann, ver­kauft er dort. Um wie­derum Geld für seine eigenen Ein­käufe zu bekommen.

Die Grenz­posten im Osten Polens stellen für ihn und andere nicht nur eine Tür aus und in die EU dar. Die Grenze zwi­schen Visa­pflicht und EU-Mit­tel­för­de­rung teilt die beiden Länder viel­mehr auch in ihrem Ver­ständnis gegen­über der west­li­chen Welt. In den War­te­schlangen vor den ukrai­ni­schen Grenz­häus­chen stehen die Autos still. Bis hierhin und nicht weiter, sagen Stopp­schilder und die Ein­rei­se­spuren in die EU. Das wird sich auch zur Euro­pa­meis­ter­schaft nicht ändern. Nur die Bewohner im grenz­nahen Gebiet dürfen ohne Visum in pol­ni­sche Grenz­städte reisen. Ein schnel­leres Über­queren der Grenze ist den Tou­risten für die EM vor­be­halten.

Damit zur Euro­pa­meis­ter­schaft nicht auch die Tou­risten stun­den­lang in den War­te­schlangen anstehen müssen, arbeiten die Beamten bald mit der so genannten One-Stop-Stra­tegie. Nur einmal Anhalten, eine Kon­trolle, dann weiter mit Bus oder Auto zum nächsten Spielort. So soll es funk­tio­nieren, einen even­tu­ellen Ansturm an den Grenzen abzu­fangen. Natür­lich ist das auch eine Gele­gen­heit für Ille­gale, um unent­deckt über die Grenze zu kommen. Aber darauf sei man ein­ge­stellt.

Doch viele Fragen bleiben offen. Das hohe Ver­kehrs­auf­kommen wollen die Gast­ge­ber­städte durch neue Straßen abfangen. Auf vielen Straßen haben die Bau­ar­beiten aller­dings noch nicht einmal ange­fangen und der Winter steht vor der Tür. Die Ver­bin­dungs­straßen zwi­schen Polen und der Ukraine haben lange nur als Tran­sit­stre­cken für LKW und Pendler bestanden. Bis­lang fehlten das Geld und die Moti­va­tion, die beiden Länder ver­kehrs­tech­nisch besser anzu­schließen.

Fort­schritt um jeden Preis

Vor allem die Ukraine ist im Vor­feld der EM mit Pro­blemen beschäf­tigt, die das Land seit Jahren in seiner Ent­wick­lung zurück­werfen. Der Bür­ger­meister der Stadt Lwiw, Andri Sadovyj, will seine Stadt als welt­offen und frei von Pro­blemen prä­sen­tieren. Den­noch, es ist schwer, die ein­zige Insel im Ozean zu sein. Man kann die Kor­rup­tion nicht an einer Stelle bekämpfen, wenn das Pro­blem im ganzen Land besteht.“ Die Zusam­men­ar­beit mit Polen, um gemeinsam lang­fris­tige Vor­teile aus dem Tur­nier zu ziehen, läuft schlep­pend. Bis auf wenige Kultur- und Koope­ra­ti­ons­pro­jekte zwi­schen den ein­zelnen Gast­ge­ber­städten sind die beiden Nach­bar­länder sehr auf sich bedacht. Jedes mit seiner eigenen post­so­wje­ti­schen Geschichte.

Wir haben keine Erfah­rung, wie ein Staat auf­ge­baut wird. Daher begeht man viele Fehler. Das ist wie Moses, der sein Volk 40 Jahre lang durch die Wüste geführt hat“, sagt Sadovyj. Vor den Plat­ten­bauten um die Alt­stadt von Lwiw grasen Kühe, ange­leint an Pfähle auf der Wiese vor den Haus­ein­gängen. Am Flug­hafen im alten Ter­minal stehen die Pas­sa­giere vor der Ein­gangstür zu den Bar ähn­li­chen Schal­tern vor Mehl­wagen für das Gepäck an. Nebenan steht der Rohbau des neuen Ter­mi­nals, mit ver­spie­gelter Glas­fas­sade. Alt und neu stehen dicht bei­ein­ander. Manchmal scheint es, als ob der erzwun­gene Fort­schritt zu plötz­lich in das Land ein­fällt.

Hilfe beim Aufbau neuer Infra­struktur können sich die beiden Gast­ge­ber­länder gegen­seitig kaum geben. Beob­achter beschei­nigen den beiden Län­dern wenig Team­spirit“. Die UEFA sendet Son­der­be­auf­tragte, um Rat­schläge zu geben und den Fort­schritt zu begut­achten. Bei Kritik oder Zwei­feln an den Bau­vor­haben bli­cken die Ver­ant­wort­li­chen der Gast­ge­ber­länder gerne über die Grenze nach Osten oder Westen. So lange es beim Nach­barn nicht viel besser läuft, hat man nichts zu befürchten. Falls doch, sind häufig die feh­lenden Mittel Schuld. Den Tou­risten sollen jedoch nach Mög­lich­keit ein per­fekter Ablauf und strikte Orga­ni­sa­tion geboten werden.

Natür­lich arbeiten wir auch mit der Grenz­po­lizei zusammen, damit diese die Anrei­senden über mög­liche Pro­bleme infor­miert. Viel­leicht sollten wir die Grenz­be­amten noch ein wenig mehr dazu drängen, Rei­senden an der Grenze zu helfen und etwas freund­li­cher mit ihnen umzu­gehen“, sagt Oleg Zazadny. Ob bei seinen Rund­gängen durch das Sta­dion oder seinem Arbeits­platz in der Stadt, der Blick geht nach vorne. Regel­mäßig fährt er die hol­pe­rigen Zufahrts­straßen von der Stadt zum Sta­dion, um sich selbst ein Bild vom Fort­schritt zu machen.

Rechte Fan­gruppen auf beiden Seiten

Fuß­ball­eu­ropa misst die Vor­gänge in Polen und der Ukraine an west­li­chen Maß­stäben. Das haben die Ver­ant­wort­li­chen beider Länder ver­standen und wollen sich danach richten. Doch west­liche Ser­vice­kultur, Hotel­stan­dards und Fan­pro­jekte können und wollen die Gesell­schaft nicht inner­halb von Monaten erlernen. Viel­mehr herrscht auch unter Fuß­ball­fans eine große Skepsis gegen­über der Euro­pa­meis­ter­schaft. Brau­chen wir ein sol­ches Ereignis, das uns die UEFA vor­gibt?

Natio­na­lis­ti­sche Ten­denzen in einigen Fan­gruppen ver­stärken die Skepsis. Und die bestehenden Riva­li­täten. Wo Fuß­ball in Polen und der Ukraine ist, sind Fami­lien weit weg und Anhänger von extremen Ansichten häufig ver­steckt und gut orga­ni­siert. In Polen beob­achten ver­schie­dene Ein­rich­tungen seit Jahren Fan­gruppen von Klub­mann­schaften. Rafal Pan­kowski von der Anti-Ras­sismus-Orga­ni­sa­tion Never again“ ist sich sicher, dass ein Pro­blem der Zusam­men­ar­beit von Fuß­ball­in­ter­es­sierten auch darin liegt, dass die Ver­hält­nisse in mit­tel­eu­ro­päi­schen Fuß­ball­ligen gerne her­unter gespielt werden. Das Pro­blem, das wir hier häufig antreffen, ist das voll­kom­mene Ver­leugnen von Pro­blemen. In vielen Fällen bekommen wir Reak­tionen, die betonen, Ras­sismus und Hoo­li­ga­nismus in den Sta­dien sei nicht denkbar. Vor allem in einem Land wie Polen, das selbst Opfer von Faschismus war.“

Im Nord­osten Polens leben seit Jahr­zehnten Kul­turen aus ver­schie­denen Län­dern zusammen. Im pol­nisch-litaui­schen Misch­ge­biet sind Stra­ßen­schilder zwei­spra­chig geschrieben. Genau diese haben Rechts­ra­di­kale vor kurzem zer­schlagen. Ein Anschlag auf eine Moschee der eben­falls im Misch­ge­biet lebenden Tataren ver­stärkt das Bild eines Landes, das sich nicht in allen Teilen öffnen will. Einige Fuß­ball­fans aus War­schau und Posen gelten als bei­spiel­haft dafür. Auch die Ukraine weiß um ihre natio­na­lis­tisch ori­en­tierten Fans. Einige Split­ter­gruppen der Fans von Kar­paty Lwiw iden­ti­fi­zieren sich nach wie vor mit Stepan Ban­dera, Gründer der Orga­ni­sa­tion Ukrai­ni­scher Natio­na­listen vor dem Zweiten Welt­krieg. Auch Kar­paty Lwiw wird nach der Euro­pa­meis­ter­schaft in der neuen Arena spielen. Anders lässt sich das Sta­dion nicht finan­zieren. Oleg Zazadny beschwich­tigt. In Lwiw haben wir in den letzten Jahren nie jemand aus der Fan­szene ins Gefängnis ste­cken müssen. Es gab einige unan­ge­nehme Szenen beim Spiel gegen Dort­mund. Aber gene­rell geht es hier ruhig zu.“

Am 15. November tritt Öster­reich zur Eröff­nung der Arena in Lwiw an. Wenn es nach Oleg Zazadny geht, haben sich bis dahin die Wogen geglättet. Schließ­lich geht es gegen das Gast­ge­ber­land der vor­an­ge­gan­genen EM. Und gegen eines der öst­li­chen Nach­bar­länder des zweiten Gast­ge­bers der Euro­pa­meis­ter­schaft 2008, die Schweiz. Und die Öster­rei­cher sind auch weiter gekommen als die Schweizer“, sagt Zazadny und blickt über die Sta­di­on­bau­stelle von Lwiw. Öster­reich und die Schweiz sind bei der EM 2008 beide in der Vor­runde aus­ge­schieden.