Kommt Kritik am Fuß­ball zur Sprache, dann wird häufig das Bild einer Blase bemüht, in der sich Pro­fi­fuß­baller bewegen. Fern von Gehalts­klassen des Fuß­volks. Mit Vor­zügen in Kri­sen­zeiten. Und einem Alltag, der eigent­lich zur Lebens­un­fä­hig­keit bei­trägt. Aber wäh­rend die Spieler ver­meint­lich in ihrer rea­li­täts­fernen Blase zwi­schen Hotel­lobby, Mann­schaftsbus und Luxus­im­mo­bi­lien am Handy dad­deln, gibt es eine Blase, die wie eine Gegen­be­we­gung ist und auf die ein jeder Fuß­ball­profi eigent­lich nur nei­disch sein könnte.

Und wer sich am Sonntag auf einem Fuß­ball­platz dieser Repu­blik her­um­ge­trieben und den Tag der Ama­teure gefeiert hat, dürfte nochmal daran erin­nert worden sein, diese Blase nie wieder zu ver­lassen. Ob nun beim FC Rosen­garten in Har­burg, beim TSV Hechen­dorf in See­feld oder bei den Bochol­tern vom DJK Hom­mersum-Hassum, überall schwebt ein Charme über den Sport­platz, der unper­fekt und kantig ist. Und so viel mehr zu bieten hat, als der Luft­ste­ri­li­sator Pro­fi­fuß­ball.

Sogar im her­kömm­li­chen Sinne: Denn es stinkt wie sau in dieser Blase. Nach Schweiß, Käse, Weich­spüler und Duschdas-2-in‑1. Der Unter­grund ist gefühlt ein halbes Jahr lang gefroren. Und die Sound­ku­lisse wird von 2000er-Party-Hits und Pim­mel­witzen domi­niert. Doch das Ent­schei­dende ist, und das geht der rosigen Pro­fi­fuß­ball-Blase mehr und mehr ab: Sie trans­por­tiert ein Gefühl.

Inven­tar­teil­chen des Ganzen

Es ist die Zusam­men­ge­hö­rig­keit. Das mag abge­dro­schen klingen, aber genau davon lebt der Ama­teur­fuß­ball. Die Kas­sen­wartin, der Mate­ri­al­wart, die Brat­wurst-Ver­käu­ferin. Alles Inven­tar­teil­chen des großen Ganzen. Dass im Pro­fi­be­reich irgend­wann ein Haufen rei­cher Männer ihr eigenes Ding ange­fangen haben zu machen und sie diesen Sport für ihre Inter­essen annek­tiert haben, war nie Teil der Idee. Im Ama­teur­be­reich ist der Deal hin­gegen klar. So kommt es, dass er ein rebel­li­sches Cou­leur bekommen hat und mit­unter wie eine Gegen­be­we­gung zum pro­fes­sio­nellen Fuß­ball erscheint.

Sonn­tags auf dem Sport­platz zu sein, ist ein wenig so, als würde man die alten Freunde treffen, mit denen man nur zwei Mal im Jahr zusam­men­kommt. Es werden die immer glei­chen Geschichten her­aus­ge­holt und sie sind jedes Mal aufs Neue fan­tas­tisch, als hätte man sie gerade zum ersten Mal gehört. Denn ein Ama­teur-Sonntag folgt gewissen Sche­mata. Wie der dies­jäh­rige Tag der Ama­teure mal wieder ein­drucks­voll bewiesen hat. 

Da waren zum Bei­spiel Thomas und Lorenz vom TSV Hechen­dorf II, die aus dem Dorf­club ohne Umwege direkt zum Platz gekommen sind, um anschlie­ßend aus dem Kader zu fliegen. Um dann mit der Bier­bong auf Pegel zu bleiben. Anders hatte es der Trainer der Zweiten von Nie­der­roßla gehand­habt. Er war ver­hin­dert, weil er seinen Rausch aus­schlafen musste. Da war auch Mies­bachs Trainer, der wegen Rau­chens seine Coa­ching Zone ver­lassen musste und da waren unsere Reporter, die von orts­an­säs­sigen Ver­eins­ver­tre­tern zum Trinken meh­rerer Eier­likör ver­don­nert wurden. Um schließ­lich wegen Fahr­un­tüch­tig­keit vom Platz abge­holt zu werden.

Fotostrecke: Die schönsten Fotos vom Tag der Amateure

11 FREUNDE Bad Sassendorf Lukas Staab 2
Lukas Staab
11 FREUNDE Bad Sassendorf Lukas Staab 47
Lukas Staab
11 FREUNDE Bad Sassendorf Lukas Staab 121
Lukas Staab
11 FREUNDE Bad Sassendorf Lukas Staab 123
Lukas Staab
JS 211010 11 Freunde Bremer SV 0910
Jan Staiger
JS 211010 11 Freunde Bremer SV 1154
Jan Staiger
JS 211010 11 Freunde Bremer SV 1319
Jan Staiger
Christian Hedel TDA TSV Hechendorf 0424
Chris­tian Hedel
Christian Hedel TDA TSV Hechendorf 5731
Chris­tian Hedel
Christian Hedel TDA TSV Hechendorf 5821
Chris­tian Hedel
Christian Hedel TDA TSV Hechendorf 5975
Chris­tian Hedel
Christian Hedel TDA TSV Hechendorf 5982
Chris­tian Hedel
Christian Hedel TDA TSV Hechendorf 6149
Chris­tian Hedel
DSF0094
Jens Kuiper
Td A PP 0874
Philipp Pern­kopf
DSF0366
Jens Kuiper
Td A PP 1480
Philipp Pern­kopf
11f interantionale 2
Ludwig Götze
Td A JHK 1595
Jens Kuiper
Td A JHK 1602
Jens Kuiper
Tag der Amateure Moorental 75
Marian Len­hard
Tag der Amateure Moorental 84
Marian Len­hard
2

Maximal 200“, Birgit an der Kasse vom Bremer SV ist bei den Zuschau­er­zahlen eher Pes­si­mistin.

Daniel Klein
Tag der Amateure Moorental 103
Marian Len­hard
Tag der Amateure Moorental 105
Marian Len­hard
N9 A2460
Dominik Asbach
6

Immer am Platz: Der 85-jäh­rige Edelfan Arno Volles.

Niklas Ramminger
N9 A2468
Dominik Asbach
5

Auch das ist A‑Klasse: Sebas­tian Höck vom SV Mie­se­bach II braucht nach 25 Minuten und als Tor­wart ein Koh­len­hy­d­ratgel. Was die Frage zulässt: Warum haben die sowas über­haupt am Platz? Und: Häh?

Michael Eham
N9 A2691
Dominik Asbach
1

Raus­reißen oder abkleben? In Hechen­dorf men­schelt es noch.

Vin­zent Tschirpke
N9 A2761
Dominik Asbach
N9 A2880
Dominik Asbach
7

So sehen Sieger aus: Die Jungs vom SC Bor­sig­walde

Lotti Hermel
N9 A2952
Dominik Asbach
N9 A3054
Dominik Asbach
3

Hier: Zeig dich!“ und Forder mal“. Mussums Trainer Ralf gibt seiner Flü­gel­spie­lerin Laura letzte wich­tige Anwei­sungen.

Giosue Tolu
N9 A3070
Dominik Asbach
4

Das nächste Tor: Franz Roskosch, Sta­di­on­spre­cher und Vor­stands­mi­glied beim Bremer SV, schreitet zur Tat.

Daniel Klein
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Selbst­ver­ständ­lich sind wei­tere Klas­siker nicht aus­ge­blieben: Spie­lern, denen kurz vor Treff­punkt ein­fiel, dass die Oma heute hei­ratet, Edel­fans, die die Gast­mann­schaft bepö­belten, Ex-Spieler, aus denen die Anek­doten spru­delten und Brat­wurst-Ver­käu­fe­rinnen, die den Eigen­ge­ruch der Frit­teuse ange­nommen haben. Es waren Scooter, Kern­kraft 400 und O‑Zone, die aus den Proll­boxen pumpten, der Kabi­nen­schlüssel war nicht auf­zu­finden und der Schweins­kram aus der WhatsApp-Mann­schafts­gruppe war ein Witz gegen das, was in den Kabinen dieses Landes pas­siert ist.

Es sind eben diese kleinen Geschichten, die der Ama­teur­fuß­ball schreibt. Und das jeden Sonntag. Und solange die höl­zernen Stumpen den Körper über die Plätze dieser Repu­blik tragen, sollte man das zulassen. Horst, 77 Jahre alt, der beim FC Rosen­garten nahe Ham­burg inzwi­schen die Kasse macht, hat am Sonntag erzählt, er habe bis er 71 war noch bei den Alten Herren gespielt. Nachdem sein Knie aber nicht auf­hörte, Pro­bleme zu bereiten, fragte ihn der Arzt, ob er im Alter noch Inter­esse daran habe, laufen zu können. Horst sagte: ja. Und der Arzt verbot ihm, weiter Fuß­ball zu spielen. Ein anderes Argu­ment gibt es eigent­lich nicht, mit dem Fuß­ball­spielen auf­zu­hören.

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