Dass Hertha BSC gerade einen Lauf hat, lässt sich wirk­lich nicht behaupten. Manche glauben inzwi­schen sogar, dass bei Hertha schief geht, was nur schief gehen kann. Und das selbst bei ver­meint­li­chen Neben­säch­lich­keiten.

Im Sommer zum Bei­spiel ist der Trai­nings­platz des Ber­liner Fuß­ball-Bun­des­li­gisten auf dem Olym­pia­ge­lände moder­ni­siert und umge­staltet worden. Der Rasen hat jetzt Wem­bley-Qua­lität, und auch die Mög­lich­keit der Spio­nage von außen ist erheb­lich erschwert worden. Die Quer­seite des Platzes lässt sich bei Bedarf mit einer weißen Plane ver­hüllen, an der Längs­seite wie­derum sind meh­rere hun­dert Hain­bu­chen­sträu­cher gepflanzt worden, die irgend­wann zu einem natür­li­chen Sicht­schutz zuwu­chern sollen.

Hain­bu­chen sind som­mer­grün. Im Herbst ver­lieren sie ihre Blätter.

Der Rück­tritt trifft den Verein mit Wucht

Auf den ersten Blick passt auch die Nach­richt, die am Dienstag publik wurde, ins all­ge­meine Bild, das Hertha gerade abgibt. Carsten Schmidt, seit zehn Monaten Vor­stands­vor­sit­zender, ist mit sofor­tiger Wir­kung zurück­ge­treten. Das trifft den Verein mit einiger Wucht. Und ver­mut­lich sind auch des­halb vor allem in den soge­nannten sozialen Medien allerlei Spe­ku­la­tionen auf­ge­kommen über die angeb­lich wahren Gründe für Schmidts Rückzug. Aber sie waren eben nur das: Spe­ku­la­tionen ohne Bezug zur Wirk­lich­keit.

Schmidt, 58, hat das am Mitt­woch in einer Pres­se­kon­fe­renz mit Her­thas Prä­si­dent Werner Gegen­bauer, 71, noch einmal nach­drück­lich bestä­tigt. Ich habe zu keinem Zeit­punkt irgend­welche Wider­stände gegen Initia­tiven, die ich ange­stoßen habe, gespürt. Es gibt keinen Riss, es gab keinen Riss, es wird keinen Riss geben“, sagte der schei­dende CEO. Schmidt nannte explizit eine pri­vate gesund­heit­liche Her­aus­for­de­rung im engsten Fami­li­en­kreis“ als Ursache für seinen Rückzug. Das ist sehr belas­tend, war sehr belas­tend“, sagte er. Und auf Nach­frage nach seinem Befinden: Mir geht’s schlecht.“

Es hat mich gepackt und wird mich auch nicht mehr los­lassen.“

Carsten Schmidt über Hertha BSC

Sein Schritt war wohl unaus­weich­lich, weil eine Situa­tion ent­standen sei, die ich nicht nebenbei managen kann“, wie Schmidt erklärte. Eine ganze Weile habe man Lösungen gesucht, die nicht zu finden waren“, ergänzte Gegen­bauer, der sehr mit­ge­nommen wirkte. Schmidt hatte sogar mit den Tränen zu kämpfen, als er über seine kurze, aber hef­tige Liaison mit Hertha sprach: Es hat mich gepackt und wird mich auch nicht mehr los­lassen.“

Bevor Schmidt am 1. Dezember vorigen Jahres in Berlin ange­fangen hatte, gab es die Stelle eines CEO bei Hertha nicht. Wie es nun ohne ihn wei­ter­geht, ist noch offen. Das gilt auch für die Frage, ob der Posten über­haupt neu besetzt wird – obwohl die Ein­rich­tung dieser Stelle von Hertha vor einem Jahr als wich­tige struk­tu­relle Neue­rung ver­kauft und eine solche Posi­tion im Verein schon länger als not­wendig erachtet worden war.

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Fürs Erste über­nehmen die beiden ver­blie­benen Geschäfts­führer Fredi Bobic (Sport) und Ingo Schiller (Finanzen) Schmidts bis­he­rige Auf­gaben. Bobic, der seit seinem Amts­an­tritt im Juni ohnehin immer mehr zum Gesicht des Ver­eins geworden ist, wird künftig zusätz­lich für den Bereich Kom­mu­ni­ka­tion zuständig sein und dadurch ver­mut­lich noch stärker in der Öffent­lich­keit stehen.

Ich sehe die Geschäfts­lei­tung sehr gut auf­ge­stellt“, sagte Schmidt. Mit Bobic und Schiller ver­füge sie über starke, erfah­rene Füh­rungs­per­sön­lich­keiten im Fuß­ball“. Daher mache er sich keine Sorgen, dass das in ein Vakuum mündet oder in eine Situa­tion, wo Hertha BSC auch nur ansatz­weise nicht hand­lungs­fähig ist“.

Ver­wun­de­rung über Füh­rungs­kultur und Arbeits­klima

Bobic ist in den ver­gan­genen Wochen, in denen Schmidt bedingt durch seine pri­vate Situa­tion bereits ein­ge­schränkt war, schon als eine Art CEO von Hertha wahr­ge­nommen worden. Er hat – ähn­lich wie Schmidt – mit großem Willen zur Ver­än­de­rung seine Tätig­keit in Berlin begonnen. Über manche Gepflo­gen­heit im Verein, über die Füh­rungs­kultur und das Arbeits­klima auf der Geschäfts­stelle etwa, soll er, nun ja, recht ver­wun­dert gewesen sein.

Der neue Sport­vor­stand hat einen ganzen Stab an Mit­ar­bei­tern mit zu Hertha gebracht. Die Frage, ob er künftig eine expo­nier­tere Stel­lung im Klub ein­nehmen wird, liegt also auf der Hand. Werner Gegen­bauer wollte sie trotzdem nicht beant­worten.

Hertha ein Chaos­klub? Da kann ich mich nur tot­la­chen“

Her­thas Prä­si­dent möchte sich erst mit den zustän­digen Gre­mien des Ver­eins in Ruhe über die künf­tige Auf­stel­lung beraten. Man werde sich genau anschauen, wie es in der neuen Kon­stel­la­tion laufe, und mit der glei­chen Sorg­falt vor­gehen wie bei der Ent­schei­dung für Schmidt im ver­gan­genen Jahr.

Wir brau­chen weder gedank­lich noch sonst irgend­welche Schnell­schüsse“, sagte Gegen­bauer. Und mit Blick auf den neben ihm sit­zenden Schmidt: Es wäre für uns beide ein Armuts­zeugnis, wenn das nötig wäre.“ Denn dass Hertha ein Chaos­klub sei, da kann ich mich auch nur tot­la­chen“.

Dieser Text stammt von Tages​spiegel​.de und erscheint an dieser Stelle im Rahmen einer Koope­ra­tion. 

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