Das exter­ri­to­riale Gebiet beginnt an einer grünen Mauer, die noch einmal frisch gestri­chen wurde. An man­chen Stellen ragt sie bis zu vier­ein­halb Meter in die Höhe. Hier kommt keiner unbe­merkt rein. Auf dem 100 Hektar großen Gelände dahinter befindet sich in den kom­menden Wochen die abge­schlos­sene Welt der deut­schen Fuß­ball-Natio­nal­mann­schaft: ein Hotel­kom­plex mit dem etwas sperrig klin­genden Namen Gesund­heits­för­dernde Ein­rich­tung Watu­tinki“, der noch an die Ver­gan­gen­heit des eins­tigen Sana­to­riums erin­nert.

Von außen erin­nert die Unter­kunft der Natio­nal­mann­schaft an eine Bun­des­wehr­ka­serne. Besu­cher müssten an einem Wach­häus­chen vorbei. Müssten. Denn für Nor­mal­sterb­liche ist der Weg hier zu Ende. Ihnen bleibt nur der Ein­druck aus der Ferne. Und der ist unspek­ta­kulär, erin­nert eher an eine Jugend­her­berge als an ein Luxus­hotel.

Jam­mern gilt nicht!

Doch natür­lich wird es den Natio­nal­spie­lern und ihrer Gesund­heit an nichts fehlen, wie überall, wo der Tross des Deut­schen Fuß­ball-Bundes (DFB) für ein großes Tur­nier ein­fällt. Trai­nieren werden die Welt­meister auf dem Gelände des Armee­sport­klubs ZSKA Moskau, nur ein paar Kilo­meter ent­fernt. Logis­tisch hätte es das Team damit kaum besser treffen können. Und trotzdem wurde über die womög­lich wenig moti­va­ti­ons­för­dernde Unter­kunft Watu­tinki schon heftig dis­ku­tiert. Jam­mern gilt nicht“, ent­gegnet Bun­des­trainer Joa­chim Löw.

Die Tur­nier-Quar­tiere der Natio­nal­mann­schaft haben hier­zu­lande fast schon eine mythi­sche Bedeu­tung, seitdem 1954 der Geist von Spiez“ erheb­lich zum Wunder von Bern, dem Titel­ge­winn bei der Welt­meis­ter­schaft in der Schweiz, bei­getragen haben soll. Die Natio­nal­spieler konnten sich damals in der länd­li­chen Abge­schie­den­heit am Thuner See in aller Ruhe vor­be­reiten, wäh­rend ihr End­spiel­gegner, die favo­ri­sierten Ungarn, im Zen­trum von Solo­thurn logierte. In der Nacht vor dem Finale sollen die unga­ri­schen Spieler der Legende nach kein Auge zuge­macht haben, weil in der Stadt ein Blas­kap­pel­len­fest statt­fand.

Penible Quar­tiers­suche

Seitdem steht der DFB im Ruf, bei der Quar­tier­suche so penibel zu sein wie kein anderer Ver­band. Das Campo Bahia an der bra­si­lia­ni­schen Atlan­tik­küste hat dieses Bild vor vier Jahren noch einmal gefes­tigt. Anfangs musste sich Manager Oliver Bier­hoff damals noch gegen den Vor­wurf wehren, grö­ßen­wahn­sinnig zu sein, weil die Natio­nal­mann­schaft sich angeb­lich eine Unter­kunft kom­plett nach ihren Vor­stel­lungen habe bauen lassen. Nach dem Titel­ge­winn wurde die her­aus­ra­gende Bedeu­tung des Quar­tiers für den Team­geist gepriesen. Campo Bahia war super“, sagt Joa­chim Löw auch 2018 noch. Das war für uns eine Oase der Ruhe, der Aus­ge­gli­chen­heit.“

Auch in Watu­tinki bezieht die Natio­nal­mann­schaft einen Neubau. Die Fotos, die zeit­weise vom angeb­li­chen WM-Quar­tier im Internet kur­sierten, zeigten aber in Wirk­lich­keit den alten Kom­plex, einen Plat­tenbau sowje­ti­scher Pro­ve­nienz. Tat­säch­lich wird die Natio­nal­mann­schaft in zwei vier­ge­schos­sigen Bauten wohnen, die kom­plett ent­kernt und umge­baut wurden. Der DFB wusste schon vor der Ankunft an diesem Dienstag, dass noch nicht alles fertig sein würde. Aber das war auch vor vier Jahren im Campo Bahia so. Damit erschöpfen sich die Gemein­sam­keiten. Jetzt haben wir andere Ver­hält­nisse, das wussten wir von Anfang an“, sagt Löw.