Seite 2: Überlebenskünstler Gisdol und die Müller-Manier

Markus Gisdol
Stellen wir uns mal den ver­las­sensten Ort der Welt vor: den geg­ne­ri­schen Straf­raum bei FC-Spielen also. Jede Wette, Über­le­bens­künstler Markus Gisdol – der deut­sche Bear Grylls – würde selbst dort irgend­etwas Ess­bares finden. Viel­leicht eine Bana­nen­flanke von Kat­ter­bach, viel­leicht einen Gur­ken­pass von Duda. Jeden­falls ist Kölns Trainer noch immer Köln-Trainer und das, obwohl jede Woche angeb­lich sein Raus­wurf fest­steht. I will sur­vive, hey, hey.

Thomas Müller
Wer sowieso auf ewig irgendwo und nir­gendwo sein wird, ist der Kult-Müller, der Raum­deuter, der Wusler. Berei­tete am Wochen­ende das Siegtor durch Leon Goretzka nicht nur in Leipzig, son­dern auch noch in Müller-Manier vor. Da fragt man sich schon, wann Thomas Müller jemals etwas getan hat, was nicht in Müller-Manier“ geschehen ist. Kärchert in Otter­fing sogar die Pfer­de­äpfel in Müller-Manier weg und trumpft ein­fach jeden in Müller-Manier im Schaf­kopf ab. Kultig.

Robert And­rich
Das muss ja äußerst kom­pli­ziert sein. And­rich ist angeb­lich Hertha-Fan, wie Zecke Neu­en­dorf ver­raten hat. Traf im Derby dann zum 1:0 für Union. Ver­gleich­bares Dilemma wäre ein veganer Hard­liner, der sich die Bär­chen­wurst in die Muhle schiebt, eine Femi­nistin, die GZUZ liebt oder ein Dro­gen­fahnder mit Koka­in­sucht. Das 1:1 dürfte ein Kom­pro­miss gewesen sein.

Klaas-Jan Hun­telaar
Der 51-Jäh­rige traf gegen Lever­kusen zum ersten Mal, seit die Schalker ihn als hoff­nungs­schöp­fenden Sport­in­va­liden zurück­ge­holt haben. Für einen Punkt hat es nicht gereicht und für den Klas­sen­er­halt sowieso nicht. Seine Bude zeigt aber, dass der Hunter trotz des Alters, das ihn in den Mail­ver­teiler für Sport1-Dop­pel­pass­runden hievt, immer noch mehr Qua­lität hat als die meisten seiner Mit­spieler. Leider beendet er nach der Saison seine Kar­riere. Und nach Jahren bei Real Madrid, AC Mai­land, Cham­pions-League-Zeiten mit Schalke und der roman­ti­schen Ajax-Rück­kehr wird das ein ganz schön trau­riger Abschluss seiner Lauf­bahn. Aber wer weiß, viel­leicht denkt er sich das ja auch und hängt doch noch ein Jahr dran. Womit aller­dings ein gewisses Risiko bestünde. Nicht, dass es dann noch dra­ma­ti­scher als ohnehin schon endet: Letzter Spieltag, 90. Minute, die Schalker werfen noch einmal alles nach vorne, der Hunter im Straf­raum, wird gelegt: Elf­meter. Er tritt selbst an. Das ist der Moment, hier und jetzt, gegen Aue. Er läuft an, tip­pelt und schei­tert an Martin Männel. Es bleibt beim 0:3. 

Die junge Ras­sel­bande aus dem Dop­pel­pass
Letzt­end­lich ist es ja wie mit dem Rau­chen. Du steckst dir immer und immer wieder eine an in der Hoff­nung, dass sie dir dieses Mal wirk­lich die fünf Minuten Frei­heit bereitet, die sie ver­spro­chen hat, dass sie nach diesem para­doxen Gefühl von Vita­lität schmeckt. So oder so ähn­lich ist das mit dem Dop­pel­pass am Sonntag. Da ist diese Stimme in deinem Hin­ter­kopf, die dir sagt, dass es heute anders wird. Dass es viel­leicht diesen Moment gibt, in dem es okay ist. Nein, sogar gut. Dass es sich doch gelohnt hat. Und dann? Dann sitzen da fünf Zeter­greise um Marcel Reif, nör­geln wie die Trolle, ab und zu bellt Thomas Helmer mit einer ewig­gest­rigen Anek­dote aus dem Viet­nam­krieg in die Runde. Und gesponst wird alles auch noch von Clausthaler Alko­hol­frei. Dann Schnitt: Irgendein armer Teufel steht vor der Leip­ziger Geschäfts­stelle, bekommt nie­manden vors Mikro, trägt Infos vor, die jeder Tele­text vor zwei Tagen schon im Pro­gramm hatte. Und trotzdem ziehst du aus dieser Chose Woche für Woche nicht deine Lehren. Genau wie die Ziga­rette vom Vor­abend begrüßt dich die divers auf­ge­stellte Ras­sel­bande auf Sport1 auch am nächsten Sonn­tag­vor­mittag. Weil sie aus nicht ganz nach­voll­zieh­baren Gründen zum Spieltag gehört. 

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