Seite 2: „So was wie heute mit dem Feuerlegen und Watweißichalles, dat war früher nich’ der Fall"

Wie war das Ver­hältnis der Spieler unter­ein­ander?
Schmidt: Für uns war das auch etwas Beson­deres, wir haben alles gegeben, aber es war immer mög­lich, nach dem Spiel ein Bier zusammen zu trinken, da gab es keinen Hass oder so was. Is’ das richtig, Willi?
Koslowski: Das is’ richtig, Aki. Ich habe auch immer den Dort­mun­dern die Daumen gedrückt und mich gefreut, wenn se einen Titel geholt haben. Im Spiel gab es ers’ Feuer, dann Pilsken zusammen bei Ötte Tibulsky inner Kneipe, wie hieß die bei euch noch mal?
Schmidt: Weiß ich gar nicht. Da gab es direkt in der Roten Erde eine, die auch heute noch geöffnet hat. Da fällt mir ein: Auch Hans Nowak war oft dabei. Lebt der eigent­lich noch?
Koslowski: Nee. Der is’ ja von uns aus 65 nach Bayern gegangen, hat dann auch in Bayern gewohnt und ist dort vor einigen Jahren gestorben, im Sommer 2012.
Schmidt: Ach so. Also noch mal: Wir hatten nie Ärger mit­ein­ander.
Koslowski: Die Zuschauer auf den Rängen haben zwar Theater gemacht, aber das heißt nich’, dat se sich geschlagen haben. Aber so was wie heute mit dem Feu­er­legen und Wat­wei­ßich­alles, dat war früher nich’ der Fall.
Schmidt: Ich habe die Fans nach meiner Kar­riere zwölf Jahre als Fan­be­auf­tragter betreut, das war eine schöne Zeit. Aber ich kann diesen Zirkus heute nich’ mehr haben, mit Ben­galos und allem. Ich kann das nich’ ver­stehen: Wenn se sich ver­ar­schen, is’ alles gut. Aber wenn se sich auf die Schnauze hauen, das kann ich nich’ ab.

Die Zuschauer saßen früher nah am Spiel­feld­rand, war das eine noch inten­si­vere Der­by­stim­mung?
Koslowski: Die Sta­dien hatten eine Lauf­bahn. Ihr doch auch, Aki, oder?
Schmidt: Ja, da standen Bänke drauf, da saßen se dann alle. Wenn du anne Seite hin­ge­flogen bis, da lagse inne Zuschauer drin.
Koslowski: Oft war das schon krib­belig, aber nicht gefähr­lich. Wenn der Ball in die Ränge flog und der Gegner mit 1:0 führte, da haben die Fans den Ball nich’ raus­ge­geben. Und es gab ja nicht viele Bälle …
Schmidt: Ach, über­haupt nicht, viel­leicht war ein Ball da, mal zwei.
Koslowski: Der Lini­en­richter hatte noch einen, wenn Not am Mann war.
Schmidt: Die Fans haben den Ball nich’ raus­ge­rückt, egal ob BVB oder Schalke.
Koslowski: In Aachen wollte ich einma’ den Ball holen. Einer warf ihn nach hinten, dann hat der andere mir mit dem Krück­mann die Beine weg­ge­zogen. Auch bei Eck­bällen mussten wir alle zur Seite schieben, um über­haupt schießen zu können.
Schmidt: Dann haben se dir gesagt, wie du schießen solls’. Hau ihn kurz rein, Junge“ und so was.

Eine solche Nähe wäre heute undenkbar. Und es gibt wenige Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­guren wie Kevin Groß­kreutz.
Schmidt: Aber ich weiß auch nicht, ob er sich da immer richtig ver­hält. Er nimmt sich zu viel raus. Ich finde das prima, wie er mit unseren Fans umgeht, aber gerade vor dem Derby schießt er drüber hinaus. Er sta­chelt sie zu sehr an. Mein Ding ist das nich’.
Koslowski: Aber klar, die meisten Spieler wech­seln ständig den Verein …
Schmidt: … du kriegs’ doch keine Tra­di­ti­ons­mann­schaft mehr zusammen. Die meisten bleiben doch nur im Pott, solange sie hier spielen, und dann geht’s ab woan­ders hin. Aber die wären auch blöd, wennse es nich’ machen würden.
Koslowski: Die ganze Kohle, das kann doch auch nicht gut gehen. Es kommt doch in der Bun­des­liga auch Neid auf. Da sitzt der Stamm­spieler mit seiner Frau am Küchen­tisch, beide lesen Zei­tung und da sagt die Frau: Kumma, wat der ver­dient! Und wat ver­diens’ du? Geh auch mal hin und klopf mal an.“ So geht dat doch, woll’n wir doch ma’ ehr­lich sein. Der Neid wird immer schlimmer. Wo soll dat hin­führen?
Schmidt: Das frage ich mich auch, früher haben wir 400 Mark ver­dient, im Monat, danach gab es etwas mehr.

Die Leute im Pott kommen auch in schlechten Zeiten“

Willi Koslokwski

Was glauben Sie: Hemmt die Riva­lität beide Klubs oder beflü­gelt sie sie?
Schmidt: Wir können uns freuen, dass es zwei Ver­eine gibt, die so stark sind. Beim Thema ein­ge­fleischte Fans gibt es nur diese zwei Ver­eine. Wen gibt es denn noch? Lever­kusen? Wolfs­burg? Ach, komm hör auf. Und Bayern brau­chen wir gar nich’ rechnen.
Koslowski: Ich krieg das ja hier auf der Geschäfts­stelle täg­lich mit. Die Leute im Pott kommen auch in schlechten Zeiten. Die Fans standen hier und schimpften sich die Seele aus dem Leib. Als sie fertig waren, haben sie gefragt: Gibt’s noch Karten für Samstag?“
Schmidt: So, jetzt stell’ noch deine letzte Frage, ich muss auch los.

Was war denn Ihr schönstes Derby?
Schmidt: Wir haben mal in Dort­mund mit 7:0 gewonnen. Das Spiel fand im dichten Nebel statt, doch der Schiri hat ein­fach nich’ abge­pfiffen. Ich konnte nur zehn Meter weit gucken. Dann fällt mir ein Spiel auf Schalke ein, da haben wir mal nach 20 Minuten mit 6:0 geführt, hast du damals eigent­lich mit­ge­spielt, Willi?
Koslowski: Wann war das?
Schmidt: 64. Da war jeder Schuss ein Treffer. Danach haben wir es locker angehen lassen, End­stand war, glaube ich, 2:6.
Koslowski: Ich mein’ ja, ich war dabei. In diesem Jahr sind wir ja sport­lich abge­stiegen. Der Schme­des­hagen vom DFB hat sich noch für uns ein­ge­setzt, dass wir drin bleiben. So wurde die Bun­des­liga auf 18 Mann­schaften auf­ge­stockt. Ich erin­nere mich noch an ein Heim­spiel gegen Dort­mund 1957. Damals habe ich noch in der Glas- und Spiegel-Manu­faktur gear­beitet und bin am Tag vor dem Spiel in einen ros­tigen Nagel getreten. Der Fuß war dick und die Schmerzen groß. Doch es ging gegen Dort­mund, da hat mir der Arzt eine Spritze rein­ge­jagt. Das Spiel ging dann 2:2 aus, doch ich habe zwei Tore gemacht. Aber danach habe ich ersma’ zwei Wochen krank­ge­feiert. In der glei­chen Saison wurden wir am Ende Deut­scher Meister. Ich weiß noch: Bei der Rück­fahrt vom End­spiel in Han­nover hat unser Son­derzug in Dort­mund gehalten. Dort wurden wir vom Vor­stand und den Spie­lern des BVB mit Blu­men­sträußen emp­fangen, bevor es nach Gel­sen­kir­chen ging.
Schmidt: Genau, ich weiß noch, wie ich danach auf dem Weg zur WM in Schweden dem Willi Schulz zur Meis­ter­schaft gra­tu­liert habe.
Koslowski: Wir hoffen ja hier, dass es mit der Deut­schen Meis­ter­schaft noch etwas wird. Es wird immer schwie­riger von Jahr zu Jahr. Da muss es schon optimal laufen und der liebe Gott nach­helfen.
Schmidt: Natür­lich. Und wenn es so weit kommen sollte, gra­tu­liere ich dir als Erster, Willi.