Seite 3: „Ich finde die Sozialkompetenz eines Jürgen Klopp geil"

Der eng­li­sche Autor Simon Kuper schreibt: Wenn Klubs einen Trainer ver­pflichten, dann denken sie auch an die damit ver­bun­dene PR. Sie suchen jemanden, der wie ein Trainer‘
aus­sieht“. Und das ist ein Weißer, denn sie wollen sich in Krisen nicht vor­werfen lassen, ein Risiko ein­ge­gangen zu sein.
Das ist alles richtig. Es gibt aber auch die Mög­lich­keit, dass man diese Karte selbst spielt, indem man sagt: Ihr macht das nur, weil ich schwarz bin. Ganz ehr­lich, beides ist mir zu ein­fach, zu tri­vial.

War es ein Vor­teil, dass Sie sich an einem Ort eta­blieren konnten, wo man Sie kannte? Sie haben als ehe­ma­liger Spieler des Klubs die B‑Jugend des VfL Osna­brück in die Bun­des­liga geführt, dann die A‑Jugend und dann den Nach­wuchs geleitet.
Wir sind im Leis­tungs­zen­trum des VfL Osna­brück sehr bunt. Wir haben einen klein­wüch­sigen Jugend­trainer, hatten eine Frau als Jugend­trai­nerin und haben einen Far­bigen ein­ge­stellt. Aber wir haben sie nicht ein­ge­stellt, um bunt zu sein, son­dern weil wir auf Qua­lität setzen. Letzt­lich ist es in Deutsch­land auch eine Frage der Zeit. In meiner Kind­heit war ich der ein­zige Schwarze in der Schule, jetzt ist in jeder Klasse ein far­biges Kind. Also wird es auch mehr far­bige Trainer geben. Und wenn ich so weiter mache, wird mich nie­mand und nichts auf­halten, auch meine Haut­farbe nicht. Aber sie wird es mir auch nicht ein­fa­cher machen, das ist mir schon klar.

Was ist mit dem VfL Osna­brück denn mög­lich?
Es gibt keine Grenzen, und ich möchte gemeinsam mit dem Klub weiter wachsen. Letzte Saison haben wir die erfolg­reichste Dritt­li­ga­saison aller Zeiten geschafft; ich würde mich nicht dagegen wehren, wenn wir das in diesem Jahr in der zweiten Liga wie­der­holen.

Es heißt, Sie seien außer­ge­wöhn­lich gut darin, alle in der Mann­schaft mit­zu­nehmen. Wo haben Sie das gelernt?
Ich war halt auch mal nur die Nummer 16 oder 17 oder habe auf der Tri­büne gesessen. Und ich habe Trainer erlebt, die jene ver­loren haben, die sie später gebraucht hätten. Des­halb gehört zu meiner Idee vom Trai­nerjob etwa, dass ich beim Spiel­ersatztraining für jene, die am Wochen­ende nicht ein­ge­setzt worden sind, selber auf dem Platz stehe. Das ist für mich das wich­tigste Trai­ning in der Woche.

Gab es einen Trainer, bei dem Sie sich das abge­schaut haben?
Ich erzähle Ihnen eine andere Geschichte. Wir hatten einen Trainer, der uns sehr schlecht behan­delt hat, sehr respektlos und immer meinte, er sei was Bes­seres. Eines Tages kommen vor einem Aus­wärts­spiel in der zweiten Liga der Prä­si­dent und Vize­prä­si­dent in unser Hotel und sagen: Wenn ihr morgen nicht lie­fert, müssen wir den Trainer ent­lassen.“ Was denken Sie, wie das aus­ge­gangen ist? Wir haben 0:2 ver­loren. Es hat nie­mand absicht­lich schlecht gespielt, aber es ist auch nie­mand für ihn durchs Feuer gegangen.

Wie errei­chen Sie das Gegen­teil?
Letzte Saison habe ich mal einen Spieler vor allen anderen total aus­ein­an­der­ge­schraubt, weil eine Ver­hal­tens­weise auf dem Platz völlig unan­ge­messen war. Ich habe ihn ange­schrien, und das war etwas, was ich nie wollte. Am nächsten Tag in der Bespre­chung habe ich mich bei ihm ent­schul­digt und gesagt, dass ich finde, dass er kein schlechter Spieler, son­dern unter seinen Mög­lich­keiten geblieben ist. Als Beleg dafür habe ich drei Minuten seiner besten Szenen gezeigt. Eine Woche später schießt er zwei Tore und ein Spieler kommt zu mir und sagt: Viel­leicht lag es daran, dass du ihm das Video gezeigt und dich ent­schul­digt hast.

Könnte von Jürgen Klopp sein.
Ich finde die Sozi­al­kom­pe­tenz eines Jürgen Klopp schon auch geil. Als er mich vor zwanzig Jahren als Spieler mal ver­pflichten wollte, hat er als Erstes gefragt, wie es auf Mal­lorca war. Er wusste, dass ich mit seinen Jungs Sandro Schwarz und Michael Thurk unter­wegs gewesen war. Weißt du, wo man richtig gut feiern kann? Hier bei uns in Rhein­hessen.“ So ein Entrée ist über­ra­gend. Ich bin auch ein paar Mal beim Trai­ning in Dort­mund gewesen und habe dazu meinen kleinen Jungen mit­ge­nommen. Klopp ist zu ihm gekommen und hat gesagt: Toll, dass du heute hier bist.“ So ein Ver­halten ist für mich wich­tiger als manche Fach­kom­pe­tenz. Wenn die Kinder meiner Spieler heute kommen, wissen sie, dass bei mir in der Schub­lade Über­ra­schungs­eier sind.

Man ahnt, warum Sie in Osna­brück als Men­schen­fänger“ gefeiert werden.
Viel­leicht hat es auch was damit zu tun, dass ich mich in meinem ganzen Leben, auch auf­grund meiner Haut­farbe, an die Gege­ben­heiten anpassen musste. Außerdem kann ich über mich selber lachen. Ges­tern hat mir einer der Jungs beim Trai­ning zen­tral in die Kör­per­mitte geschossen, ich bin zusam­men­ge­sackt und musste kurz nach Luft schnappen. Weil es nicht alle gesehen haben, zeige ich es morgen in der Video­ana­lyse. Viel­leicht gewinnt man dadurch keine Spiele, aber ein paar Jungs – und irgend­wann zahlen sie zurück.

Wenn die Kinder meiner Spieler kommen, wissen sie, dass bei mir in der Schub­lade Über­ra­schungs­eier sind“