Seite 6: Keine Tradition

Heute wird immer wieder die Medi­en­si­tua­tion in Köln als Grund ange­führt, dass der Klub nicht zur Ruhe kommt. Wie sehr hatten Sie zur aktiven Zeit mit Schlag­zeilen zu kämpfen?
Löhr: Auch wir hatten den Druck, den die Tages­zei­tungen aus­übten. Und es kam noch etwas hinzu: Wenn wir schlecht spielten, kamen sofort 10 000 Zuschauer weniger ins Sta­dion. Du hast eine sofor­tige Reak­tion der Zuschauer auf die Leis­tung der Mann­schaft bemerkt. Und wenn du gewannst, kamen sie wieder. Gegen Ein­tracht Braun­schweig hatten wir mal zu Hause 19 000 Zuschauer. Franz Kremer meinte: Das ist das erste Mal unter 20 000.“ Und das nur, weil wir vorher zweimal hin­ter­ein­ander ver­loren hatten.

Weber: Wir haben uns damals im Geiß­bock­heim umge­zogen und sind im Trai­nings­anzug mit dem Bus zum Sta­dion gefahren. Auf der Fahrt gab es immer ein Omen, ob wir an dem Spieltag gewinnen würden, denn wir fuhren am Kran­ken­haus in Hohen­lind vorbei. Wenn da eine Nonne im Garten stand, haben wir gesagt: ›Heute kann nichts schief­gehen.‹

Inzwi­schen ist jeder Klub stolz auf seine Tra­di­tion. 1960 war der FC gerade einmal zwölf Jahre alt. Welche Rolle spielte damals Tra­di­tion im Fuß­ball?
Thielen: Eine große. Es wurde Franz Kremer zum Vor­wurf gemacht, dass er den Klub, der aus der Fusion von Sülz 07 und Kölner BC her­vor­ging, 1. FC Köln nannte. Andere Ver­eine wie der VfL 99 hatten mehr Tra­di­tion und waren größer. Das haben die Kölner nicht ver­gessen. Anfäng­lich kamen unsere Anhänger in der Mehr­zahl eher aus dem Umland als aus der Stadt selber. In der Stadt waren viele eifer­süchtig auf unseren Erfolg.

Löhr: Aber das legte sich, weil die Zuschauer eine Bin­dung zu uns Spie­lern auf­bauten. Wir waren ja alle­samt Eigen­ge­wächse und standen treu zum Verein. Ich glaube, diese Form von Iden­ti­fi­ka­tion gibt es heute nicht mehr.

Ihre Anhänger waren gefürchtet in der Liga.
Weber: Einmal gab es eine Platz­sperre, weil der Schieds­richter beim Match gegen Frank­furt von unseren Fans mit einem Knüppel bedroht worden war. Des­halb mussten wir in Wup­pertal spielen. Das Spiel gegen Braun­schweig dort war mit 28 000 Zuschauern aus­ver­kauft, davon 20 000 Kölner. Wenn es brannte, waren die immer da, denn der Kölner wird wach, wenn er sich unge­recht behan­delt fühlt.

Von Udo Lattek stammt der Fuß­ball­spruch des Jahres 2010: ›Im Kölner Sta­dion ist immer so eine super Stim­mung, da stört eigent­lich nur die Mann­schaft.‹
Löhr: Zu unserer Zeit war das leider anders. Aber wir haben die Fans natür­lich auch ver­wöhnt, des­halb waren sie viel kri­ti­scher. Für uns war eine Saison nicht erfolg­reich, wenn wir nicht Meister wurden.

Wie quit­tierten das die Anhänger?
Löhr: Als wir 1968 in Lud­wigs­hafen im Finale gegen Bochum den Pokal holten, fuhren wir nach dem Spiel mit dem Bus zurück und stiegen still und leise hier am Geiß­bock­heim aus. Wir zogen uns um und gingen nach Hause – da nie­mand auch nur dar­über nach­ge­dacht hatte, einen Emp­fang für uns zu ver­an­stalten.