Seite 5: Tragischer Losentscheid

Das her­aus­ra­gende Spiel dieser Ära war das Vier­tel­fi­nale im Lan­des­meis­tercup 1965 gegen den FC Liver­pool, das nach drei aus­ge­gli­chenen Spielen – je 0:0 bei Heim- und Aus­wärts­spiel, die Ent­schei­dung auf neu­tralem Platz in Rot­terdam endete 2:2 – per Los­ent­scheid die Eng­länder zum Sieger machte.
Weber: Wir hatten es geschafft, mit zehn Mann eine euro­päi­sche Spit­zen­mann­schaft an den Rand einer Nie­der­lage zu bringen. Unser Beob­achter hatte die vorher etwas über­höht dar­ge­stellt, so dass wir zu viel Respekt hatten. Wir waren selbst­be­wusst, aber nicht genug, um Liver­pool zu schlagen.

Wolf­gang Weber zog sich einen Waden­bein­bruch zu und konnte kaum noch laufen.
Thielen: Dadurch wurden wir hin­terher plötz­lich als sym­pa­thi­sche Ver­lierer gesehen. Vorher waren wir immer die unsym­pa­thi­schen Gewinner gewesen. Als der Schieds­richter nach dem Abpfiff beim Ent­schei­dungs­spiel in Rot­terdam die Münze warf, war uns das natür­lich noch nicht bewusst.

Wo haben Sie den Los­ent­scheid erlebt, Wolf­gang Weber?
Weber: Ich saß unge­fähr auf der Höhe der Mit­tel­linie, und nichts pas­sierte. Ich habe gedacht: Hof­fent­lich springen die Weißen hoch! Mir ist erst später zuge­tragen worden, dass die Münze einmal im Morast ste­cken­ge­blieben war. Und auf einmal sprangen die Roten hoch. Das war der abso­lute Tief­punkt in meiner Fuß­bal­ler­kar­riere.

Hat diese tra­gi­sche Nie­der­lage das wei­tere Schicksal des FC beein­flusst?
Löhr: Dieses Spiel war ein Knick in der Ver­eins­ge­schichte. Das Los fällt, neigt sich etwas auf Weiß, aber es bleibt im Schlamm hängen. Der Schieds­richter nimmt es wieder hoch, schmeißt, und es fällt auf Rot. Wenn der Hans Schäfer Kapitän gewesen wäre, hätten wir gewonnen, aber Hansi Sturm war halt ein Pech­vogel.

Thielen: Das gilt ja auch für Trainer. Selbst gute Trainer brau­chen Glück.

Löhr: Wir haben durch dieses Spiel unfassbar an Sym­pa­thie gewonnen, wir waren so was wie Der Meister der Herzen“ … wenn ich so einen Driss schon höre!

Wie haben Sie das in den fol­genden Monaten wahr­ge­nommen?
Löhr: Ich war ent­täuscht, aber dadurch, dass alle gesagt haben: ›Toll gespielt!‹, habe ich es über­wunden. Aber es besteht immer die Gefahr, dass man in sol­chen Situa­tionen genügsam wird. Alle Zuschauer sagen: ›Ihr seid die Besten.‹ Das ist immer schlecht, denn man ver­liert den Kil­ler­instinkt.

Wurden Sie nach 1965 genüg­samer?
Löhr: Wir waren plötz­lich überall beliebt, und dann lässt man zwangs­läufig ein biss­chen nach. Und außerdem hatten wir keine gute Füh­rung und keinen guten Trainer mehr. Und in der Mann­schaft stimmte auch einiges nicht.

Warum ist es dem 1. FC Köln nicht gelungen, die her­aus­ra­gende Posi­tion zu kon­ser­vieren? 1968 waren Sie noch Pokal­sieger, im Jahr darauf wären Sie fast abge­stiegen. 
Weber: Meine Theorie ist, dass nach dem frühen Tod von Franz Kremer 1967 der Klub an der Spitze deut­lich weniger prä­gnant geführt wurde. Das hat uns zurück­ge­worfen.

Löhr: Nachdem Kremer gestorben war, hatten wir ein Vakuum, das nicht aus­ge­füllt wurde. Dem­entspre­chend strebte unser Verein nicht mehr nach dem Besten, son­dern hat eigent­lich nur noch über­lebt.

Thielen: Wir gehörten aber immer noch zu den ersten fünf.

Weber: Es wurde auf höchstem Niveau geklagt. Caj­kovski musste gehen, weil er das End­spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft nicht gewonnen hatte, Schorsch Knöpfle, weil er nur Zweiter in der Bun­des­liga geworden war.

Was stimmte Ende der sech­ziger Jahre in der Mann­schaft nicht?
Thielen: Wir hatten damals einen Tor­wart, der mal Welt­klasse gehalten hat und mal Kreis­klasse: Paul Heyeres. Einmal haben wir im Euro­pacup 2:0 gegen den FC Bar­ce­lona geführt. End­stand: 2:2 – weil er einen Ball von der Mit­tel­linie rein­ge­kriegt hat und einen von der Außen­linie. Wenn du keinen guten Tor­wart hast, bist du immer in Abstiegs­ge­fahr. Wir haben uns am Ende der Serie durch ein 3:0 gegen Nürn­berg gerettet, mit einem A‑Jugendlichen im Tor. Die­selbe Mann­schaft ist dann im nächsten Jahr Vierter geworden, weil wir einen anderen Tor­wart hatten: Man­fred Man­glitz. Diese Per­so­nal­ent­schei­dungen hatte auch mit der Klub­füh­rung zu tun.

Löhr: Die Maxime von Franz Kremer war: ›Immer das Beste für den 1. FC Köln!‹