Seite 3: Ein Klub wie Real Madrid

Nach jedem Spiel gab es im Geiß­bock­heim ein gemein­sames Essen.
Löhr: Anfang der Sech­ziger haben wir sogar nach jedem Trai­ning zusammen gegessen. Wenn wir nach Mün­chen oder Ham­burg gefahren sind, haben wir immer in den besten Hotels gewohnt, nie in irgend­einer Absteige. Man konnte gar nicht anders, als sich gut zu benehmen.

In einem Film­bei­trag aus den Sech­zi­gern heißt es: ›Bei Kremer werden Cal­vados und harte Män­ner­ge­tränke getrunken.‹
Thielen: Dabei hat er den Verein erst vom Bier­theken-Image gelöst, das im Fuß­ball vor­herrschte.

Löhr: Er hatte hier im Geiß­bock­heim ein feu­dales Zimmer mit einem großen Tisch und Leder­stühlen, wo er die Leute zu sich kommen ließ. Wenn es mal nicht lief, kam Franz Kremer und sagte: ›Jetzt geht es nur um den Klub, und wer nicht mit­macht, der kann sehen, wo er bleibt.‹ Er war da nicht pin­gelig: Wer nicht in die Gruppe passte, von dem hat er sich schnell getrennt. Er konnte einen aber auch in den Arm nehmen. Kurz: Er war der Vater dieses Klubs.

Und er war auch immer greifbar?
Thielen: Er hat sich fast jede Trai­nings­ein­heit ange­schaut und gerne dabei zigar­re­rau­chend mit den Fans dis­ku­tiert. Es war sein Unter­nehmen. Je besser der Verein war, desto besser ließ er sich ver­markten. Fuß­ball war damals ein anderes Milieu. Franz Kremer musste sich auch erst gegen die Oppo­si­tion durch­setzen, denen passte das Welt­män­ni­sche nicht. Aber er hat es geschafft, die wirt­schaft­li­chen Größen an einen Tisch zu bringen und mit der Firma Mül­hens von 4711, dem Ger­ling-Kon­zern und Kaufhof ein Spon­so­ring auf die Beine zu stellen, das es noch gar nicht gab. Das Geiß­bock­heim ist nicht mit Ein­nahmen aus dem Fuß­ball gebaut worden, son­dern durch Spon­soren.

War Kremer ein Stück weit ein Son­nen­könig?
Löhr: Nein, Kremer war der Chef, und so nannten ihn auch alle: ›Boss‹.

Thielen: Er hat uns immer gesiezt, so wie wir ihn auch. Ich hab ihn mal gefragt: ›Warum machen Sie das eigent­lich?‹ Da meinte er: ›Das will ich Ihnen sagen. Ich habe schon oft ›Du Arsch­loch‹ gehört, aber ›Sie Arsch­loch‹ noch nie.‹

Weber: Kremer hatte keine Kinder, und ich glaube, dass er seine Spieler alle mehr oder weniger als seine Zög­linge ver­stand.

Löhr: Aber seine Trieb­feder war: Er wollte den besten Verein der Welt. Einen Klub wie Real Madrid, des­halb haben wir ja in Weiß gespielt.

Haben Sie beim FC auch im Ver­hältnis beson­ders gut ver­dient?
Thielen: Wir haben es jeden­falls ver­sucht. Franz Kremer hat trotz der Ver­eins­struktur eine Sat­zung ein­ge­führt, die einer Akti­en­ge­sell­schaft ent­sprach, mit Auf­sichtsrat und Vor­stand. Aber die Grö­ßen­ord­nungen waren natür­lich andere als in Spa­nien.

Über was für Summen spre­chen wir hier?
Thielen: 2000 Mark waren damals eine Summe, die deut­lich über dem lag, was man bei einer nor­malen Arbeit ver­dienen konnte. Aber es war den­noch nicht die Haupt­mo­ti­va­tion. Die bestand darin, in der Mann­schaft zu spielen, die zu dieser Zeit die beste in Deutsch­land war.

Weber: Wir durften damals nicht mehr als 1250 Mark ver­dienen.

Löhr: Das kam darauf an, ob man Natio­nal­spieler war oder nicht. Natio­nal­spieler durften mehr ver­dienen.

Kremer war in Geld­dingen sehr findig. Er soll mitt­wochs Freund­schafts­spiele durch­ge­führt haben, die Ihnen Son­der­prä­mien ein­brachten.
Löhr: Das Geld dafür gab es oben­drauf. Dadurch kamen manche Spieler auf zehn Spiele pro Monat.