»Komm nur aus deinem Straf­raum, wenn du dir auch völlig sicher bist, den Ball zu errei­chen« – so lautet eine alte Tor­hü­ter­regel, die bis auf wenige Fuß­ball-Anar­chisten (Higuita, Chil­avert) auch eisern von der Zunft ein­ge­halten wurde und wird. Also war es ein schlimmer Fehler, den Neil Alex­ander, Glas­gows Tor­hüter, Mitte der zweiten Halb­zeit fabri­zierte. Der etwas staksig wir­kende Schotte ließ sich auf ein Lauf­duell mit dem rus­si­schen Der­wisch Andrey Arshavin ein, das er prompt verlor. Der Zenit-Stürmer schei­terte jedoch mit einem Schlenzer gegen die zurück­ge­lau­fenen Ran­gers-Ver­tei­diger.



Alex­an­ders Miss­ge­schick blieb fol­genlos, und war doch bezeich­nend für den Ver­lauf des Uefa-Cup-Finals zwi­schen dem rus­si­schen Meister Zenit St. Peters­burg und den Glasgow Ran­gers. Die extrem auf die Defen­sive bedachten Schotten stellten sich artig in die eigene Hälfte, ver­trauten bei den Flanken aus dem Halb­feld auf ihre kopf­ball­starke Ver­tei­di­gung und den bei hohen Bällen auf­fällig sicheren Neil Alex­ander. Die Russen taten mehr für das vor allem in der zweiten Halb­zeit inten­sive Spiel, viel ging über die linke Seite, die besagter Arshavin fan­tas­tisch beackerte. Gegen seine unglaub­lich schnellen Tem­po­dribb­lings hatten die Schotten kein Mittel.

Die Ran­gers ver­suchten ihr Offen­siv­glück mit langen Bällen auf den etwas glücklos agie­renden Dar­che­ville. Der bul­lige Angreifer rannte sich mehr als einmal in der kom­pakten Abwehr­reihe fest. Nur einmal kam der Fran­zose frei zum Schuss (54.), doch der bereits gegen Bayern Mün­chen äußerst grad­linig und sou­verän auf­spie­lende Vyacheslav Mala­feev ver­hin­derte mit einem schnellen Reflex das Gegentor und warf sich anschlie­ßend mutig in das Knäuel aus blau und weiß geklei­deten Fuß­ball­profis.

Wo blieb das Auf­bäumen?


Nach 72 Minuten war es wie­derum Arshavin der mit dem Ball am Fuß bis zur Straf­raum­grenze vor­drang und mit einem fre­chen Pass durch die Beine seines schot­ti­schen Bewa­chers den schnellen Den­isov in Szene setzte. Der Stürmer ver­wan­delte kalt ins kurze Eck, Ran­gers-Schluss­mann Alex­ander war chan­cenlos. Die gespens­tige Stille, die der Treffer beim rie­sigen schot­ti­schen Anhang aus­löste, über­trug sich auf die Spiel­weise der Ran­gers. Ver­zwei­feltes Auf­bäumen und unbe­dingter Sie­ges­wille sehen anders aus, bezie­hungs­weise sind in den ver­gan­genen Jahren von anderen Insel-Mann­schaften (siehe Liver­pool) wesent­lich effek­tiver insze­niert worden. Der ein­ge­wech­selte Nacho Novo hatte kurz vor dem Schluss­pfiff noch die beste Chance zum Aus­gleich, doch der Spa­nier holzte das Spiel­gerät in den jubelnden rus­si­schen Anhang auf der Tri­büne im City of Man­chester-Sta­dium.

Für den Beginn der ganz großen Peters­burger Party sorgte in der vierten Minute der Nach­spiel­zeit Kon­stantin Zyr­yanov, der auf Zuspiel von Tekke nur noch ein voll­enden musste. Schieds­richter Fröjdfeldt aus Schweden, der sich mit seinem radikal dunklen Teint aus­sichts­reich für das Sola­rium-Gesicht des Jahres 2008 bewarb, wollte kein Spiel­ver­derber sein und pfiff nach dem zweiten Treffer ab.

Die Peters­burger sind ein wür­diger Uefa-Cup-Sieger, eben weil ihre Spiel­weise sym­pa­thisch nüch­tern daher kam und Dick Advo­caats Taktik des schnellen Über­falls über die Außen für Gala­auf­tritte gegen Lever­kusen (4:1) und Mün­chen (4:0) sorgte. Die Ran­gers jedoch müssen sich fragen lassen, ob sie sich bei der Wahl ihrer Spiel­weise nicht doch an den eigenen stür­mi­schen Fans ori­en­tieren hätten müssen: Die trink­festen Glas­gower hatten bereits in den Mor­gen­stunden die Theken in der nord­eng­li­schen Indus­trie­me­tro­pole ein­ge­nommen. Modernes Pres­sing nennt man so etwas.