Seite 2: Was das mit Fußball zu tun hat? Nichts. Und doch so einiges

Eine andere Regio­nal­po­li­ti­kerin ver­suchte der­weil, eine Grenze zu ziehen, wo mit­unter keine mehr erkennbar ist: Dieser Vor­fall hängt nicht mit dem Sport, son­dern mit der gewöhn­li­chen Kri­mi­na­lität zusammen. Solche Per­sonen können nicht als Fans oder Anhänger ange­sehen werden“, erklärte Isa­bella Fusi­ello. Aber lassen sich Ultra-Kultur und Ver­bre­chen wirk­lich noch so scharf trennen in einem Land, in dem viele Kurven immer grö­ßere Schnitt­mengen mit poli­ti­schen Extre­misten oder mit pro­fes­sio­nellen Ver­bre­cher­banden bilden?

Lazios berüch­tigte Ultra-Gruppe Irri­du­ci­bili“ (deutsch: Die Unbeug­samen) weist sogar deut­liche Ver­bin­dungen zu beiden Lagern auf: zu strammen Nazis und zu straff orga­ni­sierten Groß­dea­lern. Im August 2019 wurde einer der Anführer der Irri­du­ci­bili“ tot in einem Park nahe der Via Lemonia auf­ge­funden: Fabrio Pis­ci­telli (53), in der Szene nur »Dia­bolik« genannt, war am hel­lichten Tag mit einem Kopf­schuss aus nächster Nähe liqui­diert worden. Ermittler ver­muten, dass Pis­ci­telli Opfer seiner Ver­stri­ckungen in den Dro­gen­handel wurde. Der Täter soll im Auf­trag einer riva­li­sie­renden Orga­ni­sa­tion gemordet haben. Was das mit Fuß­ball zu tun hat? Nichts. Und doch so einiges.

Auch in anderen Kurven gelten Farben und Fahnen zuse­hends als Staf­fage – und als Deck­mantel für ille­gale Geschäfte. In Turin ver­haf­tete die Polizei 2019 im Zuge der Ope­ra­tion »Last Banner« zwölf füh­rende Köpfe der Juve-Ultra­szene – nicht wegen des Ent­zün­dens von Pyro-Mate­rial, son­dern unter anderem wegen Erpres­sung, Bedro­hung und gewerbs­mä­ßigen ille­galen Ver­kaufs von Ein­tritts­karten. Bei den Tickets han­delte es sich um gut 1.000 Frei­karten pro Heim­spiel, welche die Ultras dem Klub mit einer simplen Dro­hung abge­presst haben sollen: Ansonsten würde man eben ras­sis­ti­sche Gesänge anstimmen; die daraus erfol­genden Geld­bußen wären den Klub ungleich teurer zu stehen gekommen.

Enge Ver­stri­ckungen mit dem orga­ni­sierten Ver­bre­chen

Was das mit Kurven-Sup­port zu tun hat? Nichts. Und doch so man­ches. Viele Ultras fun­gieren unter der Woche als Hand­langer des orga­ni­sierten Ver­bre­chens. Umge­kehrt sickern immer mehr Kri­mi­nelle von außen in die Fan­szenen ein – selbst dann, wenn sie am Fuß­ball kei­nerlei Inter­esse zeigen. Bei den Geschäften in der Juve-Kurve soll laut Anti-Mafia-Ermitt­lern pha­sen­weise sogar ein regio­naler Clan der Ndran­gheta mit­ge­mischt haben.

Es ist uns geglückt, nach 15 Monaten Ermitt­lungs­ar­beit mit unge­fähr 225.000 abge­hörten Tele­fo­naten, mit Über­wa­chungs­maß­nahmen, Video­auf­nahmen und Foto­gra­fien ein kom­plettes Pan­orama der kri­mi­nellen Akti­vi­täten der Ultra-Gruppen von Juventus zu zeigen“, erklärte der zustän­dige Poli­zei­chef Carlo Ambra im Sommer 2019. Im wei­teren Zusam­men­hang mit der Ope­ra­tion Last Banner“ wurden sogar Mor­der­mitt­lungen ange­ordnet: Raf­fa­ello Bucci, bis 2016 offi­zi­eller Fan­be­auf­tragter bei Juve, kam im Juli jenes Jahres unter mys­te­riösen Umständen ums Leben – bei einem bis heute uner­klär­li­chen Sturz von einer Auto­bahn­brücke.

Auch in der Region Basi­li­cata laufen nun Mor­der­mitt­lungen. Zudem wird ein Liga-Aus­schluss von Vultur Rio­nero und AS Melfi dis­ku­tiert, weil es im Umfeld dieses Derbys immer wieder zu schwersten Aus­schrei­tungen gekommen war. Wer kann schon sagen, was in solch einer Extrem­si­tua­tion richtig ist? Sicher ist nur: Es läuft gerade vieles gründ­lich falsch im Umfeld des ita­lie­ni­schen Fuß­balls.