Seite 2: „FC St. Pauli war ein alter Schnarchsack-Klub“

Das fas­zi­nierte dich? 
Ja klar, diese Kutten, die lang­haa­rigen Typen, dieses Gang-Gehabe – das fand ich auf­re­gend. Es war diese Punk-Phase, es war Terror gegen das System, es war die Zeit der RAF, wir waren gegen alles. Dieses Gang-Ding fand ich auch später noch geil. Zum Bei­spiel die Fahrten mit dem schwarzen Block zu Aus­wärts­spielen von St. Pauli. Fühlte sich immer gut an. 

Wann kippte die HSV-West­kurve denn nach rechts? 
1979/80 etwa. Die Löwen haben ver­sucht, die Sache zu struk­tu­rieren. Ich erin­nere mich noch an ne Löwen“-Sitzung in einer KPD-Kneipe. Muss man sich mal vor­stellen: Unter Marx und Lenin haben diese Idioten dis­ku­tiert. Unglaub­lich! Wir waren raus, auch weil sie dort anfingen, kon­kret mit REPs und NPD zusam­men­zu­ar­beiten. Der Aus­stieg lief schnell: Kutte abge­geben, als Kom­mu­nis­ten­schweine beschimpft worden – weg. 

Warum habt ihr euch nicht gewehrt? 
In der hun­dertsten Aus­gabe des Über­steiger“ (Fan­zine des FC St. Pauli, d. Red.) durften auch Leute vom HSV zu Wort kommen, zum Bei­spiel die Ultra­gruppe Chosen Few. Und die pissten mich in ihrem Text genau mit diesem Satz an: Hättet ihr damals…“. Nee, hätten wir nicht! Wenn der common sense in einem 50.000er-Stadion rechts bis rechts-außen ist, was willst du da mit 30 Leuten machen? Da kriegst du richtig auf die Fresse. Natür­lich haben wir es ver­sucht, doch haben dann gemerkt, dass wir nicht nur die 50.000 Leute gegen uns haben, son­dern auch die Ver­eins­füh­rung, die über­haupt nichts hören und nichts sehen wollte.

Auf der Slime-Platte Yan­kees raus“ erschien der Song Block E“. Das war 1982, also zwei Jahre, nachdem die Kurve nach rechts gekippt war.
 Du bist zu der Zeit auch nicht mehr zum HSV gegangen.
Ach, das war ein alter Song. Der lag schon seit den Sieb­zi­gern in der Schub­lade. 

Wie haben die Leute in der Kurve reagiert? 
Das bekam nur ein kleiner Kreis mit. Aller­dings hat der Song im Nach­hinein Wir­kung erzielt. Vor einigen Jahren erschien ein HSV-Sam­pler, der sich Volks­park Cal­ling“ nennt. Die Macher fragten an, ob wir das Lied bei­steuern wollten. Nach langer Über­le­gung und vielen Gesprä­chen mit dem HSV Sup­por­ters Club“ sagten wir schließ­lich zu. 

Um was ging es in diesen Gesprä­chen? 
Die HSV-Sup­por­ters haben mir beweisen können, dass sie Son­der­züge gestoppt haben und Faschos auf offener Strecke raus­ge­schmissen haben. Wir ent­schieden also, dass uns die anti­fa­schis­ti­sche Hal­tung wich­tiger ist als die Farbe irgend­eines Schals. Natür­lich gab das viel Mecker von USP (Ultra Sankt Pauli, d. Red.). Für mich war unser Bei­trag in Form dieses Songs aber ein Zei­chen von Respekt. Ich habe gemerkt, dass sich die Sup­por­ters beim HSV wirk­lich bemühen, die Rechten aus dem Sta­dion zu halten. 

In der Saison 2010/2011 gab es Bemü­hungen der NPD, HSV-Fans für sich zu gewinnen. Sie stießen auf Able­hung. 
Zuvor gab es den Über­fall von meh­reren Rechten auf unsere Fans und unseren Tor­wart Bene­dikt Pli­quett. Doch ich muss sagen, dass sich Chosen Few und die Sup­por­ters beim Derby-Hin­spiel gut dazu ver­halten haben. Sie haben ein Trans­pa­rent ent­rollt: NPD – wir scheißen auf eure Soli­da­rität“. Eine kla­rere Aus­sage kann man nicht treffen. 

Es heißt, einen Verein könne man sich nicht aus­su­chen. Wie schwer fiel es dir Anfang der acht­ziger Jahre, dich emo­tional kom­plett vom HSV zu lösen? 
Es gibt heute noch viele Leute, die sagen: Mensch Dirk, jetzt sei doch mal ehr­lich: Du schaust doch immer noch nach dem HSV!“ Ja, ich bin ehr­lich, ich bin so abge­heilt, ich bin so braun-weiß wie man nur braun-weiß sein kann. Und das schon seit 25 Jahren. Es war ja auch nicht nur die Nazi­sch­eiße in der Kurve, es waren auch die Spieler, der Klub, dieses eli­täre Gehabe. Da hast du sogar einen schwarzen Spieler in der Mann­schaft, Jimmy Hartwig, und der macht Wer­bung für die CDU. 

Wann bist du denn zum ersten Mal ans Mil­l­erntor gegangen? 
Saison 1983/84. Da waren 2000 Zuschauer, dazu 70 bis 80 von uns. In der dar­auf­fol­genden Saison kam Mabuse mit der Toten­kopf-Flagge. Die haben wir auf dem Dom gekauft, an einen Besen­stil gehackt, und dann ab ins Sta­dion. In der Kurve alle so: Wow, Alter!“ Heute ist das Symbol der Kas­sen­schlager. Hätte Mabuse sich das mal sichern lassen, dann würde er nicht von Hartz IV leben.

Mit einem Mal stand beim FC St. Pauli eine Horde von neuen Fans. Gab es keine Wider­stände im Verein?

Natür­lich. Der FC St. Pauli war ein alter Schnarch­sack-Klub mit rechten Ten­denzen. Die Leute guckten dumm, sagten: Die rie­chen aber komisch.“ Oder: Guck mal da, die haben ja komi­sche Kla­motten an.“

Nach kurzer Ein­ge­wö­hungs­zeit seid ihr auf den Manager zuge­gangen, um eure poli­ti­schen Ziele vor­zu­tragen.
Das war vier, fünf Jahre später. Es ging vor­nehm­lich um die Reichs­kriegs­flaggen, die immer noch am Mil­l­erntor ver­kauft wurden. Wir sagten: Wir haben zwei Mög­lich­keiten: Ent­weder wir hauen die Stände weg oder du gehst einmal um das Sta­dion und machst ne Ansage.“ Beim nächsten Spiel waren die Dinger tat­säch­lich weg.

Da habt ihr eure Macht gespürt? 
Absolut. Wir haben den Verein auch gezwungen, ein Freund­schafts­spiel gegen Gala­ta­saray zu machen. Nach dem Spiel musste die gesamte Mann­schaft mit Anti-Ras­sismus-Pla­katen über den Platz laufen. Das war ein Novum.

Ihr habt mit dem Fan­zine Mil­l­erntor Roar“ auch ein Sprach­rohr gehabt. Wie wichtig war das?
Sehr wichtig. Du brüll­test deine Parole nicht mehr gegen den Wind, son­dern du hat­test dein Medium, das auch gelesen wurde. Dabei war es in erster Linie wüstes Fan­zine-Machen: Kleber, Schere, Schreib­ma­schine, Papier. Dazu noch die end­losen Dis­kus­sionen. Redak­ti­ons­sit­zungen nennt man das heute. 

Wurde über Fuß­ball dis­ku­tiert? 
Weniger. Es ging fast immer um Politik. Für mich ein biss­chen zu häufig. War ja alles schön und gut, aber es geht immer noch um die Emo­tionen. Wenn das Runde nicht in das Eckige geht, dann nützt mir die ganze Politik nichts!