Das Inter­view erschien im Feburar 2011, wenige Tage vor dem Ham­burger Derby (Rück­spiel), das St. Pauli mit 1:0 gewann.

Dirk, du redest nicht gerne über Fuß­ball?
Stimmt nicht. Ich rede nicht gerne über die HSV-Sache. Ist alles so alt, so weit weg, tau­sendmal dis­ku­tiert, bin ich durch mit. Hab ja sogar meine Diplom­ar­beit drüber geschrieben.

Ernst­haft?
Klar, es ging darum, wie alles begann, warum man vom HSV zum FC St. Pauli wech­selt.

Und wie zieht man das wis­sen­schaft­lich auf?
Sozio­lo­gisch. (Pause.) Ja, wo soll ich anfangen? Viel­leicht beim Flug­blatt, das Anfang der Acht­ziger rum­ging, und in dem sie kon­kret dazu auf­riefen, Anhänger für ihre rechte Scheiße zu rekru­tieren. Bei der Borus­sen­front“ in Dort­mund, bei der Adler­front“ in Frank­furt, bei den Löwen“ in Ham­burg. Wobei wir eigent­lich schon mit­ten­drin sind. Bevor ich alles dop­pelt erzähle, schmeiß‘ doch mal das Ding an. (zeigt aufs Dik­tier­gerät.)

Ist an.
Ach so, es ist an. Alles klar, Digger. Ich sag’s nur, damit die Dinge nicht durch­ein­ander gebracht werden.

Dirk, du warst in den sech­ziger Jahren zum ersten Mal beim HSV. Weißt du noch, bei wel­chem Spiel?
Das war ein Bun­des­li­ga­spiel am Rothen­baum, dort, wo heute die ganzen Yup­pie­bauten stehen. Charly Dörfel spielte noch. Uwe Seeler, klar, der auch. Doch wel­ches Spiel? Keine Ahnung.

Wer hat dich mit zu den Spielen geschleppt?
Vadder, Schul­freunde auch. Als Kurzer willst du erfolg­rei­chen Fuß­ball sehen, da gehst du nicht zum coo­leren Verein, zumal es solche Alter­na­tiven damals noch gar nicht gab. Ich freute mich auf Charly Dörfel und Uwe Seeler. Vor allem Charly – ne lus­tige Figur. Ich glaube, er ist ein ganz netter Typ.

Wie fühlte sich Fuß­ball für dich damals an?
Zum einen wirkte alles näher dran, schon wegen des Sta­dions, wo man direkt am Feld stand. Ande­rer­seits hatte man als Fan viel mehr Abstand zum Fuß­ball. Man war nicht Teil des Ganzen. Später im Volks­park­sta­dion wurde es noch schlimmer: Da war man nur noch zah­lender Kunde – Fresse halten, Geld ablie­fern. Dazu gab es ein biss­chen Folk­lore auf den Rängen, doch die ver­puffte in dieser rie­sigen Drecks­schüssel sowieso.

Warum kam keine Stim­mung auf?
Alles ver­hallte. Du hast gesungen, dir die Kehle aus dem Leib geschrien, doch im Grunde tatest du das nur für dich. Du warst iso­liert. Und ich glaube, das war auch der große Unter­schied zu St. Pauli. So fühlten ja auch viele andere Fans. Ich könnte heute in der Gegen­grade locker 40 bis 50 Leute outen, die mit mir damals beim HSV standen.

Die aber nicht dazu stehen?
Viele nicht. Ich finde es ziem­lich schwach, wenn man nicht zu seiner Ver­gan­gen­heit steht. Meine Güte, wir haben damals gemeinsam von unserem Verein geredet! Der HSV – das war unser Verein! Der FC St. Pauli hat damals gar nicht exis­tiert.

Seid ihr auch aus­wärts gefahren?
Klar, ich war immer mit Andi unter­wegs, heute noch ein guter Kumpel. Wir sind am Frei­tag­abend mit dem HSV nach Düs­sel­dorf gefahren und am Samstag zur Demo nach Brock­dorf. Absurd eigent­lich. Zumin­dest für dama­lige Ver­hält­nisse. Die anderen HSV-Fans haben uns schräg ange­guckt. Als Linker war man Ein­zel­täter.

War die West­kurve im Volks­park­sta­dion in den sieb­ziger Jahren schon poli­tisch?
Einige Leute aus der Ham­burger Punk­szene hingen mit den Löwen“ ab, die sich zu dem Zeit­punkt aber noch nicht posi­tio­niert hatten. Die trugen Rasta­ketten und Nieten an der Kutte. Aber letzt­end­lich drückten sie damit keine bewusste poli­ti­sche Hal­tung aus. Das waren ein­fach Rebellen, so ne rich­tige Rocker­gang.

Und die Punks sind mit­ge­gangen?
Zum Teil. Wir haben so nie Ein­tritt gezahlt.

Wie kam das?
Der Löwen“-Präsident ist vorne weg gegangen, hinter ihm 150 harte Jungs. Vor dem Ein­gang sind die Ordner dann ein­fach zur Seite getreten. Zwei Jahre lief das so. Zwei Jahre haben wir keinen Ein­tritt gezahlt – die Löwen“ waren ne Macht.

Das fas­zi­nierte dich? 
Ja klar, diese Kutten, die lang­haa­rigen Typen, dieses Gang-Gehabe – das fand ich auf­re­gend. Es war diese Punk-Phase, es war Terror gegen das System, es war die Zeit der RAF, wir waren gegen alles. Dieses Gang-Ding fand ich auch später noch geil. Zum Bei­spiel die Fahrten mit dem schwarzen Block zu Aus­wärts­spielen von St. Pauli. Fühlte sich immer gut an. 

Wann kippte die HSV-West­kurve denn nach rechts? 
1979/80 etwa. Die Löwen haben ver­sucht, die Sache zu struk­tu­rieren. Ich erin­nere mich noch an ne Löwen“-Sitzung in einer KPD-Kneipe. Muss man sich mal vor­stellen: Unter Marx und Lenin haben diese Idioten dis­ku­tiert. Unglaub­lich! Wir waren raus, auch weil sie dort anfingen, kon­kret mit REPs und NPD zusam­men­zu­ar­beiten. Der Aus­stieg lief schnell: Kutte abge­geben, als Kom­mu­nis­ten­schweine beschimpft worden – weg. 

Warum habt ihr euch nicht gewehrt? 
In der hun­dertsten Aus­gabe des Über­steiger“ (Fan­zine des FC St. Pauli, d. Red.) durften auch Leute vom HSV zu Wort kommen, zum Bei­spiel die Ultra­gruppe Chosen Few. Und die pissten mich in ihrem Text genau mit diesem Satz an: Hättet ihr damals…“. Nee, hätten wir nicht! Wenn der common sense in einem 50.000er-Stadion rechts bis rechts-außen ist, was willst du da mit 30 Leuten machen? Da kriegst du richtig auf die Fresse. Natür­lich haben wir es ver­sucht, doch haben dann gemerkt, dass wir nicht nur die 50.000 Leute gegen uns haben, son­dern auch die Ver­eins­füh­rung, die über­haupt nichts hören und nichts sehen wollte.

Auf der Slime-Platte Yan­kees raus“ erschien der Song Block E“. Das war 1982, also zwei Jahre, nachdem die Kurve nach rechts gekippt war.
 Du bist zu der Zeit auch nicht mehr zum HSV gegangen.
Ach, das war ein alter Song. Der lag schon seit den Sieb­zi­gern in der Schub­lade. 

Wie haben die Leute in der Kurve reagiert? 
Das bekam nur ein kleiner Kreis mit. Aller­dings hat der Song im Nach­hinein Wir­kung erzielt. Vor einigen Jahren erschien ein HSV-Sam­pler, der sich Volks­park Cal­ling“ nennt. Die Macher fragten an, ob wir das Lied bei­steuern wollten. Nach langer Über­le­gung und vielen Gesprä­chen mit dem HSV Sup­por­ters Club“ sagten wir schließ­lich zu. 

Um was ging es in diesen Gesprä­chen? 
Die HSV-Sup­por­ters haben mir beweisen können, dass sie Son­der­züge gestoppt haben und Faschos auf offener Strecke raus­ge­schmissen haben. Wir ent­schieden also, dass uns die anti­fa­schis­ti­sche Hal­tung wich­tiger ist als die Farbe irgend­eines Schals. Natür­lich gab das viel Mecker von USP (Ultra Sankt Pauli, d. Red.). Für mich war unser Bei­trag in Form dieses Songs aber ein Zei­chen von Respekt. Ich habe gemerkt, dass sich die Sup­por­ters beim HSV wirk­lich bemühen, die Rechten aus dem Sta­dion zu halten. 

In der Saison 2010/2011 gab es Bemü­hungen der NPD, HSV-Fans für sich zu gewinnen. Sie stießen auf Able­hung. 
Zuvor gab es den Über­fall von meh­reren Rechten auf unsere Fans und unseren Tor­wart Bene­dikt Pli­quett. Doch ich muss sagen, dass sich Chosen Few und die Sup­por­ters beim Derby-Hin­spiel gut dazu ver­halten haben. Sie haben ein Trans­pa­rent ent­rollt: NPD – wir scheißen auf eure Soli­da­rität“. Eine kla­rere Aus­sage kann man nicht treffen. 

Es heißt, einen Verein könne man sich nicht aus­su­chen. Wie schwer fiel es dir Anfang der acht­ziger Jahre, dich emo­tional kom­plett vom HSV zu lösen? 
Es gibt heute noch viele Leute, die sagen: Mensch Dirk, jetzt sei doch mal ehr­lich: Du schaust doch immer noch nach dem HSV!“ Ja, ich bin ehr­lich, ich bin so abge­heilt, ich bin so braun-weiß wie man nur braun-weiß sein kann. Und das schon seit 25 Jahren. Es war ja auch nicht nur die Nazi­sch­eiße in der Kurve, es waren auch die Spieler, der Klub, dieses eli­täre Gehabe. Da hast du sogar einen schwarzen Spieler in der Mann­schaft, Jimmy Hartwig, und der macht Wer­bung für die CDU. 

Wann bist du denn zum ersten Mal ans Mil­l­erntor gegangen? 
Saison 1983/84. Da waren 2000 Zuschauer, dazu 70 bis 80 von uns. In der dar­auf­fol­genden Saison kam Mabuse mit der Toten­kopf-Flagge. Die haben wir auf dem Dom gekauft, an einen Besen­stil gehackt, und dann ab ins Sta­dion. In der Kurve alle so: Wow, Alter!“ Heute ist das Symbol der Kas­sen­schlager. Hätte Mabuse sich das mal sichern lassen, dann würde er nicht von Hartz IV leben.

Mit einem Mal stand beim FC St. Pauli eine Horde von neuen Fans. Gab es keine Wider­stände im Verein?

Natür­lich. Der FC St. Pauli war ein alter Schnarch­sack-Klub mit rechten Ten­denzen. Die Leute guckten dumm, sagten: Die rie­chen aber komisch.“ Oder: Guck mal da, die haben ja komi­sche Kla­motten an.“

Nach kurzer Ein­ge­wö­hungs­zeit seid ihr auf den Manager zuge­gangen, um eure poli­ti­schen Ziele vor­zu­tragen.
Das war vier, fünf Jahre später. Es ging vor­nehm­lich um die Reichs­kriegs­flaggen, die immer noch am Mil­l­erntor ver­kauft wurden. Wir sagten: Wir haben zwei Mög­lich­keiten: Ent­weder wir hauen die Stände weg oder du gehst einmal um das Sta­dion und machst ne Ansage.“ Beim nächsten Spiel waren die Dinger tat­säch­lich weg.

Da habt ihr eure Macht gespürt? 
Absolut. Wir haben den Verein auch gezwungen, ein Freund­schafts­spiel gegen Gala­ta­saray zu machen. Nach dem Spiel musste die gesamte Mann­schaft mit Anti-Ras­sismus-Pla­katen über den Platz laufen. Das war ein Novum.

Ihr habt mit dem Fan­zine Mil­l­erntor Roar“ auch ein Sprach­rohr gehabt. Wie wichtig war das?
Sehr wichtig. Du brüll­test deine Parole nicht mehr gegen den Wind, son­dern du hat­test dein Medium, das auch gelesen wurde. Dabei war es in erster Linie wüstes Fan­zine-Machen: Kleber, Schere, Schreib­ma­schine, Papier. Dazu noch die end­losen Dis­kus­sionen. Redak­ti­ons­sit­zungen nennt man das heute. 

Wurde über Fuß­ball dis­ku­tiert? 
Weniger. Es ging fast immer um Politik. Für mich ein biss­chen zu häufig. War ja alles schön und gut, aber es geht immer noch um die Emo­tionen. Wenn das Runde nicht in das Eckige geht, dann nützt mir die ganze Politik nichts! 

Politik machten sogar die Spieler. Erin­nerst du dich noch an Volker Ippigs Auf­tritt im Sport­studio?
Ja, wie ges­tern. Bernd Heller hieß der Mode­rator. Volker saß da mit seiner aus­ge­bleichten Jeans und seinen Nica­ragua-Auf­bau­helfer-Botten. Heller, der Mann mit dem Klapp­scheitel, sto­cherte die ganze Zeit rum, fragte ständig, wie man das unter einen Hut bringen kann: Nica­ragua, Linker, Hafen­straße, Pro­fi­fuß­ball. 

Es prallten zwei Uni­versen auf­ein­ander. 
Das passt doch nicht“, stot­terte Heller. Volker ant­wor­tete tro­cken: Für mich schon.“ Und danach sagte er auf jede Frage nur noch: Ja“, Nee“, Nö“, Stimmt“, Genau“. Heller wurde zuse­hends ner­vöser, und wir saßen vor dem Fern­seher, jubelten und sind durch das Wohn­zimmer gesprungen. Legendär! Ein wirk­lich legen­däres Inter­view!

Einige Fans des HSV oder FC St. Pauli gehen in Ham­burg zu Altona 93. Der Klub ist ihre Alter­na­tive zum Event des Pro­fi­fuß­balls. Ist Altona für dich eine Option?
Ich gehe nicht zu Altona. Was soll ich da? Und was soll das: Altona 93 als Gegen­pro­jekt auf­bauen? Was ist das für ein Scheiß, Alter? Jedesmal wenn sie auf­steigen können, ziehen sie wieder zurück. Das ist doch alles Quatsch. Sowieso: Dieses ganze Gelaber von wegen St. Pauli ist nicht mehr St. Pauli“. Meine Fresse! Da kannste auch sagen Slime ist nicht mehr Slime “ und Punk ist nicht mehr Punk“. 

Für dich ist die Kom­mer­zia­li­sie­rung eine Ent­wick­lung, die nicht an Ver­einen oder Bewe­gungen vorbei gehen kann? 
Ich muss letzt­lich auch sagen: Ich bin Fuß­ballfan und kein Pauli-Fan, ich hasse Pauli-Fans, denn Pauli-Fans ist es scheiß­egal, in wel­cher Liga ihr Klub spielt. Ich bin aber Fan des FC St. Pauli, und ich will meinen Verein erfolg­reich spielen sehen. Ich will einmal diese Gur­ken­truppe von Celtic Glasgow im Euro­pa­pokal raus­hauen und dabei beide Spiele gewinnen. 

Gur­ken­truppe? Du bist doch auch Celtic-Fan… 
Digger, ich bin mit Celtic in 16 Län­dern und in 26 Städten gewesen. Litauen, Hel­sinki, ich war überall, ich war in Sevilla beim Uefa-Pokal-Finale, natür­lich ohne Ticket, aber mit 80.000 Leuten in der Stadt, die alle keine Karte hatten. Ich bin seit 20 Jahren Celtic-Fan. Celtic hat für mich bei­nahe den­selben Stel­len­wert wie St. Pauli. 

Wie fing das an mit Celtic?
Ich fand den Verein schon lange fas­zi­nie­rend, er hatte diese Rebel-Atti­tüde. Und 1990 sind wir dann mit Sven (Brux, damals bei Mil­l­erntor Roar“, d. Red.) und neun wei­teren Leuten zu einem Aus­wärts­spiel nach Bel­gien gefahren…

…und dann standet ihr vor der Fan­kurve…
…und dort sagten wir: Hey wir sind aus Ham­burg, St. Pauli. Wollen mal mit euch sup­porten.“ Wir hatten auch unseren Celtic/St.Pauli-Banner dabei. Leichter Grö­ßen­wahn natür­lich, wir konnte ja nicht davon aus­gehen, dass die Celtic-Fans den FC St. Pauli kennen. Celtic ist ja ein Big Club, der erste bri­ti­sche Euro­pa­po­kal­ge­winner. Eine Sache, die jeden Man­U­nited- und Liver­pool-Fan so was von auf die Nüsse geht. Und was haben wir gewonnen? Den Oddset-Cup.

Nicht den Schweinske-Cup? 
Und den Schweinske-Cup. Wie auch immer: Dass wir ne Freund­schaft mit einem Big Club haben, der in der Welt Mil­lionen von Fans hat, ist schon abge­fahren.

War diese Freund­schaft am Anfang nicht eine sehr ein­sei­tige Sache? 
Klar, auch wenn wir von Beginn an gerne gesehen wurden. Es hieß immer: Da kommen die Wahn­sin­nigen aus Ham­burg vom Anti-Fascist-Club.“ Wenn du in den ersten Jahren im Celtic-Park unter den 63.000 Zuschauern eine Toten­kopf-Flagge gesehen hast, dann hast du den Halter ange­betet. Doch es hat sich gewan­delt: Wir waren 2010 beim Old Firm“, und – ich will nicht lügen – da waren hun­derte St.Pauli-Schals oder Fahnen im Sta­dion. 

Ist es eigent­lich ein Pro­blem für dich, dass du nicht mehr so nah am Klub und am Fuß­ball bist wie früher? 

Ich bin ja bewusst nicht mehr so invol­viert. Aller­dings, und das habe ich schon häu­figer gesagt: Für mich heißt ein geputztes Klo nicht gleich Yuppie. Solange es das Jolly (Jolly Roger, Kneipe am Mil­l­erntor, d. Red.) gibt, USP, die alte Sin­ging Area“ in der Gegen­ge­rade, solange da Leute sind, die auch mal das Maul auf­ma­chen, finde ich es immer noch ange­nehmer als überall sonst. Guck dir andere Ver­eine wie Schalke 04 an. Da haben sie ohne Pro­bleme so ne Scheiße wie den Geld­chip durch­ge­setzt. Beim FC St. Pauli aber haben sich die Leute mit Erfolg gegen den Mil­l­ern­taler“ auf­ge­lehnt. Inso­fern ist man hier immer noch näher dran – ob man will oder nicht – als bei anderen Klubs.

Wo stehst du heute? 
Ich bin vor sechs Jahren mit vielen älteren Leuten aus der Gegen­ge­raden geschlossen auf die Haupt­tri­büne gegangen. Du hast halt deinen Platz. In der Gegen­ge­rade war es doch so: Du gehst einmal pissen und hast das halbe Spiel ver­passt. Das hat ein­fach genervt. Oder du stehst unten und guckst gegen den Zaun, alles kacke. 

Was hältst du von Ultra Sankt Pauli?
USP ist ein Knack­punkt. Wie viele Leute aus meinem Umfeld habe ich ein ambi­va­lentes Ver­hältnis zu denen. Klar, sie dik­tieren die Stim­mung im Sta­dion. Das kann man erstmal scheiße finden, man kann aber auch sagen: Das haben wir mit dem Mil­l­erntor Roar“ damals auch getan. Wir haben den Verein in die linke Rich­tung geschickt. Außerdem kann man USP zugute halten, dass sie dem Verein die Stange halten. In diesen dunklen Regio­nal­liga-Jahren wäre am Mil­l­erntor nichts los gewesen, wenn USP nicht für Stim­mung gesorgt hätte. Gar nichts! Da saßen 12.000 Leute, und die haben die Klappe gehalten. Aller­dings ist es auch so, dass sich USP mit ihren Dogmen sehr abgrenzt und ihr eigenes Ding fährt. Das kann schon mal nerven.

Gehen wir noch mal in den Fan­block rein: Der Verein ist gewachsen, die Fans sind jetzt auch Kult. Viele Leute regen sich dar­über auf. Aber wie ist denn die Stim­mung tat­säch­lich? Hat die sich auch geän­dert? 
Es gibt sel­tener die Momente, in denen das Sta­dion gemeinsam Alarm ver­an­staltet. Einige sagen, es liegt an USP, an diesem spe­zi­ellen spiel­un­ab­hän­gigen Sup­port, der mir auch manchmal auf die Eier geht. Seit dem Auszug von USP aus der Gegen­grade ist es aller­dings wieder besser geworden. Jetzt gibt es sogar hin und wieder Wech­sel­ge­sänge. 

Wird irgend­wann der Tag kommen, an dem du sagst: Ich gehe nicht mehr hin? 
Nein, nie­mals. Auch wenn ich dies­be­züg­lich ein wan­delnder Run­ning Gag bin. ich habe dreimal meine Dau­er­karte ver­kauft. Einmal für zwei Bier und einen Wodka. Ich hatte die Faxen so was von dicke. Aller­dings hab ich es genau zwei Spiele geschafft. Dann musste ich mir wieder ein Ticket nach­kaufen, weil ich es nicht aus­ge­halten habe. Hass und Liebe liegen eben eng bei­ein­ander.

Zumin­dest zwei Mal gab in den letzten Jahren das Duell St. Pauli gegen den HSV. Kam bei dir, der seit Jahren das Old Firm besucht, über­haupt rich­tige Der­by­stim­mung auf?
Das Old Firm“ ist das geilste Derby der Welt, klar. Auch aus­wärts. Im Ibrox Park war ich zum ersten Mal an meinem 47. Geburtstag . Es war der Hammer! Wir gewannen 1:0. Später sagte ich zu meiner Freundin: Danke Schatz, du hast mir echt eine tolle Torte geba­cken und mir einen schönen Schal gestrickt. Aber das Tollste was ich je zu meinem Geburtstag bekommen habe, war ein 1:0 im Ibrox Park.“ Und trotzdem freue ich mich auf Ham­burger Derbys, vor allem, weil wir jah­re­lang kein wirk­li­ches Derby in der Stadt hatten. Wir spielten mit dem FC St. Pauli einige Zeit gegen die zweite Mann­schaft des HSV. Gewannen manchmal sogar. Aber sollte ich mich dar­über freuen? Das ist doch erbärm­lich. 

1977, beim ersten Bun­des­liga-Sieg des FC St. Pauli gegen den HSV, stan­dest du in Block E. 
Irgendwie bitter. Wobei damals noch nichts zu hören war von Nazi­ge­sängen. Viele Leute um mich herum feu­erten sogar St. Pauli an, und nach dem Spiel sagten einige: Die Punkte bleiben wenigs­tens in Ham­burg“. So ist das 1977 gewesen – Ham­burg war united.

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Dirk Jora, 60, war Sänger der ein­fluss­rei­chen deut­schen Punk­band Slime, die zunächst von 1979 bis 1994 exis­tierte und sich 2009 wie­der­ver­ei­nigte. Im Sommer 2020 gab Jora seinen Aus­stieg bekannt.