Carlo Far­sang hat keine Zeit. Doch wen inter­es­siert das hier? Hier ist nie­mand. Hier ist nur dieser ver­dammte Grenz­über­gang nach Russ­land, 580 Kilo­meter nörd­lich vom Polar­kreis, weiter nach Norden geht es zum fin­ni­schen Wild­re­servat Tsar­mit­un­turin Eräma. Es ist fünf Uhr mor­gens. Kein Mensch weit und breit, am Stra­ßen­rand ein paar ver­ros­tete Auto­wracks, kom­plett aus­ge­nommen, sonst Wald, Zäune, Schilder. Seis!“ steht auf einem. Stop!“ Am großen Eisentor leuchtet die Ampel rot. Dazu der Hin­weis: Open 7 – 21 h.

Der Groundhopper will nach Russ­land, Mur­mansk. Dort spielt heute der ört­liche Klub Sever gegen Piter Sankt Peters­burg. Dritte rus­si­sche Liga. Harter Stoff. Carlo ist in Furt­wangen im Schwarz­wald gestartet, 3604 Kilo­meter bis zum Ziel, der Plan klang ziem­lich groß­artig, doch jetzt läuft ihm die Zeit davon. Wer hat sich das nur aus­ge­dacht?“, schimpft Carlo und meint damit die Anstoß­zeit: Das Spiel in Mur­mansk soll um 12 Uhr beginnen, an einem Montag.

Carlo Far­sang hasst es, zu warten. Des­halb ist er nur ganz selten mit anderen Groundhop­pern auf Tour. Bal­last“, nennt er sie. Die müssen ständig auf Klo, dann rau­chen, dann ihre Schnür­senkel zuma­chen“, sagt er. Man­chen hat er Spitz­namen gegeben. Einer, der ihn mal nach Süd­ame­rika beglei­tete, heißt Hun­ger­mü­de­taxi“. Seit einiger Zeit darf in seinem roten Kleinbus nur noch seine Frau Sophia mit­fahren. Den Bus hat er umge­baut, die Sitz­reihen raus­ge­nommen und statt­dessen ein paar Sty­ro­por­scheiben hin­ein­ge­legt, dar­über einen Lat­ten­rost und eine Matratze. So fährt er davon. Über end­lose skan­di­na­vi­sche Schnell­straßen, vorbei an Orten wie Kui­va­niemi, Kars­ä­mäki oder Sodan­kylä. Den Fuß ständig auf dem Gas­pedal, tags­über, nachts, immer weiter. Im lap­pi­schen Wald wäre er bei­nahe in einen aus­ge­wach­senen Elch gedon­nert.

Man erklärt uns, wie man Feinde erschießt

Um Viertel nach sieben schreckt Carlo hoch. Er war ein­ge­schlafen, und nun steht das Eisentor sperr­an­gel­weit offen. Sofort lenkt er seinen Bus hin­durch. Auf der fin­ni­schen Seite läuft alles glatt: Papiere, Aus­weis, wei­ter­fahren. Auf der rus­si­schen Seite geht alles schief. Carlo ver­zwei­felt an einem For­mular, in dem er Angaben zum Fahr­zeug machen muss. Er trägt ver­se­hent­lich das Bau­jahr in das Hub­raum-Feld ein. Dann streicht er das Geschrie­bene durch, das ist aber nicht erlaubt. Alles noch einmal von vorne. Eine Stunde ver­geht.

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Draußen steht ein Grenz­be­amter, Typ Cap­tain Harris, Police Aca­demy. Er zieht die Schul­tern hoch. Sever Mur­mansk? Piter Sankt Peters­burg? Nie gehört. Er raucht jetzt und sagt, dass er Fuß­ball nicht mag. Er mag Sni­per­ge­wehre. Solche, die man mit einem Spiegel ver­sehen kann, um damit um Ecken zu spähen. Er erzählt von einem Kame­raden, der im Tsche­tsche­ni­en­krieg mit dieser Sniper-Spiegel-Technik einen Feind erschoss. Zur Demons­tra­tion hebt Cap­tain Harris die rechte Hand, stellt mit der linken einen ima­gi­nären Spiegel ein und drückt den Zei­ge­finger her­unter. Er macht: tschik, tschik“. Dann sagt er: We have best Sni­pers!“, und wünscht eine gute Reise. Carlo ruft: Tempo! Tempo!“

Carlo Far­sang war jah­re­lang Deutsch­lands bekann­tester Groundhopper. Seit er 1989 seinen HSV erst­mals auf eine Euro­pa­po­kal­fahrt nach Göte­borg beglei­tete, war er unter­wegs. Über ihn wurden Filme gedreht und Bücher geschrieben. Er hat 119 Länder- und weit über 1800 Ground­punkte gesam­melt. Das heißt, er hat Fuß­ball­spiele in 119 ver­schie­denen Län­dern und in über 1800 Sta­dien gesehen. Einmal schaffte er elf Par­tien in fünf Tagen in sieben Län­dern. Ein anderes Mal fuhr er mit dem Fahrrad von Niger aus über Bur­kina Faso nach Mali und schaute sich Spiele von Sahel SC oder Old Nia­maey an. 6000 Kilo­meter in drei Monaten, ein Fahrrad ohne Bremsen, dafür mit einem Was­ser­tank am Lenker, er fuhr dorthin, wo die Ein­hei­mi­schen noch nie einen Weißen gesehen hatten, jeden­falls noch nie einen Weißen auf einem Fahrrad. Er wollte sogar noch weiter, nach Sierra Leone, doch da war gerade der Bür­ger­krieg aus­ge­bro­chen, also drehte er sein Fahrrad um und fuhr wieder zurück.

Der Abschied vom Groundhop­ping

Vor zehn Jahren, im Oktober 2002, hatte Carlo seine Groundhopper-Kar­riere eigent­lich für beendet erklärt. Er war von einer Asi­en­tour heim­ge­kehrt, inzwi­schen 31 Jahre, und wollte boden­stän­diger werden. Früher hatte er mal eine Bäcker­aus­bil­dung ange­fangen und in einem Lager gear­beitet, später in einem Metall­be­trieb oder bei einer Spe­di­tion, von Dauer war nichts.

Drei Tage nach seiner Rück­kehr aus Asien, am 2. November 2002, kaufte er sich eine Werk­zeug­kiste und eine Bohr­ma­schine und pries sich in Furt­wangen als Haus­meister-Full-Ser­vice-Firma an. Die Leute nahmen seine Hilfe an, und so hat er es zu Wohl­stand gebracht. Er repa­riert Licht­an­lagen, säu­bert Dach­rinnen, putzt Fas­saden. Er ist zur Stelle, wenn im Dorf jemand eine Schnee­fräse benö­tigt oder ein Was­ser­spiel für die Gar­ten­an­lage errichten möchte. Carlo und Sophia wohnen inzwi­schen in einem Haus am Hang, vor dem er schon als Kind häufig stand. Es gehörte damals einem berühmten Nar­ko­se­arzt, es sah aus wie das Haus aus einem James-Bond-Film. Es zog sich über einen Fels­vor­sprung, hatte eine Wen­del­treppe und der Ein­gang war nur durch einen kleinen Sei­ten­tunnel zu errei­chen. Hier wollte er bleiben.

Doch irgend­wann rief ihn die Ferne wieder. Zwei andere Groundhopper haben ihn zwi­schen­zeit­lich im Län­der­punkte-Ran­king über­holt, aber das ist Carlo egal. Ich reise nicht für Rekorde, ich reise für mich“, sagt er. Momentan schafft er nur noch 50 Spiele pro Jahr. Die Touren sind aller­dings aus­ge­fallen wie eh und je. Für die Reise nach Mur­mansk ist er am Frei­tag­morgen gestartet. Auf dem Weg wollte er noch ein Spiel in Schweden und eines in Finn­land mit­nehmen. Er warf alles in seinen Bus, eine Tüte Stu­den­ten­futter, ein Six­pack Wasser, ein grünes Kissen mit Frosch­motiv und dem Slogan Küss mich!“

Mur­mansk, wir kommen!“

Carlo ist Jahr­gang 1971, er trägt eine blaue Jeans-Short, ein T‑Shirt in Kaki. Mit seinen langen Haaren, den Falten um die hell­blauen Augen sieht er ein biss­chen aus wie eine Figur aus einem Karl-May-Roman. Manchmal spricht er sogar so. Er liebt Lebens­weis­heiten, wie sie auf Kalen­dern stehen: Eine Hand wäscht die andere, zwei waschen ein Gesicht.“ Oder: Die meisten Leute ver­gessen, dass ihr letztes Hemd keine Tasche hat.“ Wenn sich Dinge zum Guten wenden wie im schwe­di­schen Kapellskär, wo er auf einer eigent­lich aus­ge­buchten Fähre noch einen Platz bekommt, dann springt er auf und ab und ruft: Mur­mansk, wir kommen!“ Und seine Frau springt auch auf und ab, lacht und ruft: Mein lieber Mann! Mein lieber Mann!“

Carlo erzählt gerne die Geschichte aus seiner Schul­zeit, als ein Lehrer fragte, in wel­ches Land die Schüler gerne mal reisen würden. Die Mäd­chen wollten in die USA, ein paar aben­teu­er­lus­tige Jungs nach Kanada. Carlo ant­wor­tete: UdSSR“. Das Land reizte ihn wegen der Größe, des Eisernen Vor­hangs und geheim­nis­voller Orts­an­gaben wie Wla­di­wostok oder Ural.

Doch er kam als Schüler nicht mal in die Nähe der UdSSR, denn seine Familie fuhr nie weg. Und wenn man es genau nimmt, hatte er damals nicht mal eine Familie. Seine Mutter hat er nur einmal in seinem Leben gesehen, kürz­lich erfuhr er, dass sie vor sieben Jahren gestorben ist. Sie war Slo­wenin und kam in jungen Jahren mit einem Ruck­sack voller Hoff­nungen nach Deutsch­land. Bald drohte sie ihre Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung zu ver­lieren. Also ließ sie sich schwän­gern. Fünfmal. Von fünf ver­schie­denen Män­nern. Einen Sohn nannte sie Carlo.

Doch nicht sie, son­dern der Mann zog den Jungen groß. Und der Mann trank. Carlo hatte viele Jahre keinen Kon­takt zu ihm. Erst 2004 mel­dete sich ein Arzt bei ihm, denn sein Vater brauchte Pflege und die Ver­wandten wollten ihn nicht nehmen. Also holte Carlo ihn zu sich. Als Kind konnte ich nicht begreifen, dass Alko­ho­lismus eine Krank­heit ist“, sagt er. Doch in diesen letzten Jahren kamen wir uns näher, als wir es jemals zuvor waren.“ Als sein Vater eines Tages eine Straße über­queren wollte, über­fuhr ihn ein Auto. Das ist jetzt vier Jahre her.

Seitdem ist Sophia die Familie von Carlo. Sie ist eigent­lich Deutsch­leh­rerin, doch nun arbeitet sie in seiner Firma. Sie stammt aus einem 600-Ein­wohner-Dorf in Weiß­russ­land. Die beiden lernten sich in der Ukraine kennen. Danach habe ich seinen Namen gegoo­gelt und da stand: ›König der Groundhopper‹. Dann habe ich den Begriff Groundhopper gegoo­gelt, und ich dachte, er wird mich nie wie­der­sehen wollen“, sagt sie. So einer wie Carlo, der mal in Alge­rien ver­haftet wurde, der in Argen­ti­nien lebte, der meh­rere tau­send Kilo­meter mit der Bahn durch Russ­land fuhr, um zur WM nach Süd­korea zu kommen, der 1989 als ein­ziger Fan zum HSV-Trai­nings­lager nach Porto Alegre gereist war – was sollte sie so einem schon erzählen? Doch Carlo schrieb ihr, und ihr gefiel, dass er schöne und ganze Sätze schrieb. Also ant­wor­tete sie. Dann rief er sie an und sie ver­ließ ihr Dorf. Im Februar dieses Jahres haben sie gehei­ratet. Die Hoch­zeit führte zu einer Mas­sen­ka­ram­bo­lage“, sagt der Bräu­tigam. Sie trug das kür­zeste Kleid, das ich je gesehen habe.“

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In Söder­tälje, 30 Kilo­meter süd­lich von Stock­holm, findet am Sams­tag­nach­mittag das erste Spiel auf der Tour statt. Eine Partie zwi­schen dem FC Syri­anska und Gefle IF, Abstiegs­kampf in Schwe­dens erster Liga. Carlo kommt bereits am frühen Morgen an. Zunächst streift er durch die schwe­di­sche Haupt­stadt, es ist teuer hier, in den Restau­rants kostet ein Cheese­burger 25 Euro. Des­halb fährt er schon jetzt nach Söder­tälje, er geht mit Sophia in ein Ein­kaufs­zen­trum, das sich an einem Ver­kehrs­kreisel befindet, gegen­über Ikea, daneben ein Auto­haus. Hinter dem Park­platz hüpfen Kinder auf Tram­po­linen. Vorort-Tris­tesse. Carlo isst ein Stück Fleisch. Von der Roll­treppe aus beob­achtet er eine Was­ser­fon­täne, die in bunten Farben beleuchtet wird. Mit fach­män­ni­schem Blick sagt er: Gut gemacht. Die Düsen bewegen sich auch noch!“ Dann legt er sich in den roten Autobus und schläft.

In die Söder­tälje Fot­boll­sarena ver­irren sich an diesem Nach­mittag 1476 Zuschauer. Carlo sitzt ein wenig abseits vom Pulk und macht Fotos. In der zweiten Minute fliegt ein Ball direkt in seine Arme.

1992, als Groundhop­ping in Deutsch­land populär wurde, grün­dete sich die Ver­ei­ni­gung der Groundhopper Deutsch­lands. Dort werden alle Hopper geführt, die min­des­tens 30 Län­der­punkte gesam­melt haben. Daneben gibt es auch solche, die Unter­sys­teme haben. Zum Bei­spiel die Benelux-Hopper, die sämt­liche Ligen in Hol­land, Bel­gien und Luxem­burg abgrasen. Oder jene Hopper, die nur Sta­dien zählen, in denen sie den Ball direkt ins Spiel­feld zurück­ge­köpft haben. Kopf­ball­hopper“ nennt man sie. Ein anderer, Ste­phan Schlei aus Düs­sel­dorf, hat es sich zur Auf­gabe gemacht, Spiele aus­schließ­lich per Anhalter zu errei­chen. Seit 30 Jahren macht er das. Er schläft in Haus­ein­gängen, das Geld erbet­telt er sich auf der Straße. Er steht im Guin­ness Buch für die meisten getrampten Kilo­meter. Wenn man solche Geschichten hört, denkt man sich: Zum Glück bin ich normal“, sagt Carlo.

Kein Handy, kein Auto, kein Fern­seher, keine Ste­reo­an­lage

Früher lebte auch er von der Hand in den Mund. Als er Süd­ame­rika bereiste und schließ­lich nach Buenos Aires zog, um die dor­tigen Ligen zu kom­plet­tieren, trat er als Stra­ßen­künstler auf. Er hatte sich zuvor eine Hand­puppe gekauft, die er Casa­nova taufte. Vor seinem Trip stu­dierte er vor dem Spiegel sein Pro­gramm ein. Dann machte er sich auf den Weg. Er ging mit der Puppe in Schnell­re­stau­rants oder stand in Ein­kaufs­straßen von Buenos Aires. Manchmal lan­deten über 100 Dollar im Topf.

Viele Jahre besaß Carlo kein Handy, kein Auto, keinen Fern­seher, keine Ste­reo­an­lage. Er hatte nur seine vier Wände, ein paar Kla­motten und Andenken an die Reisen. Die Heiz­körper wurden nur bei extremen Minus­graden ange­worfen. In der Groundhopper-Szene galt er des­wegen als Lebens­künstler. Als ein Chef ihm einmal keinen Urlaub geneh­migte, kün­digte er seinen Job. Der Chef erzählte was von Arbeits­markt und sicherem Ver­dienst. Doch Carlo schüt­telte den Kopf. Unter sol­chen Bedin­gungen wollte er nicht arbeiten. Das war ein Kne­bel­ver­trag!“, sagt er. War das Spiel denn so wichtig? Es war das erste Spiel in Sara­jevo nach dem Jugo­sla­wi­en­krieg.“

Die Partie in Söder­tälje endet 1:0 für Syri­anska. Carlo rennt mit dem Abpfiff zum Park­platz. Dort steht der rote Bus, dort schläft seine Frau auf der Matratze. Das nächste Spiel, FF Jaro Pie­tar­saari gegen Jyväs­kylän Jal­ka­pal­lo­klubi, findet morgen um 18.30 Uhr in Jakobstad statt. FF Jaro ist der nörd­lichste Erst­li­ga­verein in Finn­land. Der Fuß klebt wieder auf dem Gas­pedal. Heute Nacht kann er erst­mals länger als vier Stunden schlafen, denn die Fähre setzt ihn rüber zum fin­ni­schen Naan­tali.

Er ist bereits fünf Stunden vor Spiel­be­ginn in dem 15 000-Ein­wohner-Ort Jakobstad. Es ist Sonntag, die Geschäfte sind geschlossen. Ein paar Jugend­liche hängen vor einem Café ab, sie tragen die neu­esten Fri­suren und Shirts mit Strass-Appli­ka­tionen. Die Mäd­chen trinken Latte mac­chiato oder Frappé. Als ein junger Mann mit einem Sport-Cabriolet vor­fährt und seinen Ell­bogen aus dem Fenster lehnt, kichern sie. Er sagt Hei“ und braust davon. Carlo fährt seinen roten Bus minu­ten­lang durch das kleine Ört­chen. Es ist ein biss­chen so, als reite ein Cowboy in eine Stadt ein.

Jakobstad: Alte Holz­bänke, zwei Steh­tra­versen

Schließ­lich kehrt er um, zurück zum Sta­dion: Er hat eine Idee, wenn er sein Auto jetzt schon auf das Sta­di­onge­lände stellt, wird er sich kein Ticket kaufen müssen. Er hat zwar heute keine Geld­sorgen mehr, aber er achtet weiter auf jeden Pfennig. Auch bei Fuß­ball­spielen. Mal springt er über den Zaun und ver­schwindet in der Menge, mal gibt er sich als Jour­na­list aus, der seinen Pres­se­aus­weis ver­gessen hat. Manchmal zeigt er auch eine alte Monats­karte vor, auf die er mit Filz­stift groß Presse“ geschrieben hat. Dazu trägt er eine Pro­fi­ka­mera über die Schulter. Der Plan geht auch dieses Mal auf. Carlo zahlt keinen Ein­tritt.

Das Sta­dion ist ein Idyll, es gibt eine Tri­büne mit alten Holz­bänken, auf der anderen Seite zwei Steh­tra­versen, hinter dem Tor ein kleines Häus­chen mit 50-Qua­drat­meter-Wiese und Gar­ten­zaun. Dort befindet sich ein Bereich, in dem man Dosen­bier für fünf Euro kaufen kann. Das Sta­dion ist nahezu aus­ver­kauft, 2143 Zuschauer sind gekommen, und Carlo Far­sang atmet erst­mals richtig durch. Mur­mansk ist nur noch eine Etappe ent­fernt und nun ist er ganz bei sich. Die Sonne scheint auf den Rasen, ein paar Senioren schreien auf, als einer der ihren gefoult wird, und ein lokaler Reporter beugt sich vor: Ger­many?! Ha! We have a guy from Ham­burg here.“ Carlo fragt, wo dieser denn sei. Der Reporter zeigt auf einen Spieler, der auf der Ersatz­bank sitzt. Er heißt Till­mann Grove und hat früher mal in der zweiten Mann­schaft des HSV gespielt. In der 70. Minute wird er ein­ge­wech­selt. Mit seiner ersten Ball­be­rüh­rung schießt er ein Tor, doch der Schieds­richter ent­scheidet auf Abseits. Das Spiel endet 0:3.

Dann geht es wieder auf die Straße. Die Zeit rennt. Bis nach Mur­mansk sind es noch 1200 Kilo­meter. Dafür hat Carlo etwa 14 Stunden ein­ge­plant. Er würde so eine Stunde vor Anpfiff in Mur­mansk ankommen. Im Norden Finn­lands, kurz vor Lapp­land, tankt er noch einmal voll. Nun kommt nichts mehr, keine Ort­schaften, keine Tank­stellen, keine Men­schen. Mon­tag­morgen um fünf Uhr steht sein roter Bus schließ­lich an der Grenz­sta­tion. Doch erst um 9 Uhr darf er die letzte Schranke pas­sieren. Tempo!“, ruft Carlo noch einmal. Tempo! Tempo!“ Sophia zeigt die Bilder ihrer Hoch­zeit. Das Kleid ist wirk­lich sehr kurz.

Sie haben ein paar Hobbys gemeinsam. Gar­ten­ar­beit zum Bei­spiel. Oder Musi­cals. Carlo liebt Musi­cals. 23 Mal hat er Tanz der Vam­pire“ gesehen. Nor­ma­ler­weise läuft auch im roten Bus eine Musical-CD, doch die Boxen geben seit geraumer Zeit selt­same Töne von sich und dann müsste er anhalten und schrauben und frie­meln.

Nach Mur­mansk sind es jetzt noch 280 Kilo­meter, es bleiben drei Stunden bis zum Anstoß. Das Pro­blem: Die Straße ist voller Schlag­lö­cher. Carlo igno­riert diese zwar weit­ge­hend, den­noch schafft er es nicht recht­zeitig. Erst um 12.34 Uhr fährt der Bus in Mur­mansk ein. Die Stadt war bis 1991 mili­tä­ri­sches Sperr­ge­biet. Noch heute ist sie Haupt­stütz­punkt der rus­si­schen Nord­meer­flotte. Mur­mansk emp­fängt seine Besu­cher in Grau. Ver­fal­lene Plat­ten­bauten, brö­ckelnder Putz, eine Suppe aus Abgasen und Wolken hängt über der Stadt. So stellte sich der Westen früher den Osten vor. Schien hier jemals die Sonne?

Wie der Marl­boro-Mann – nur ohne Pferd.“

Carlo Far­sang kennt keinen Groundhopper, der schon mal hier war. Und Carlo Far­sang kennt so gut wie jeden Groundhopper. Für ihn ist es die längste Strecke, die er jemals an einem Stück mit dem Auto zurück­ge­legt hat. Es ist mitt­ler­weile 12.48 Uhr. Carlo bleibt ent­spannt, obwohl er für das Spiel in Mur­mansk 3604 Kilo­meter zurück­ge­legt hat und nun nur noch die zweite Halb­zeit sehen wird. Er kurvt durch die Stadt, planlos, so scheint es jeden­falls, denn er reist ohne Navi­ga­ti­ons­system. Er hat keine Adressen, keinen Stadt­führer, nur einen gewöhn­li­chen Atlas, doch der ist in den Orten natür­lich nutzlos. Er biegt mal rechts und dann wieder links ab. In Russ­land liegt jedes Sta­dion im Zen­trum“, sagt er. Also fährt er dorthin und hält Aus­schau nach den Flut­licht­masten. Und tat­säch­lich stre­cken sich diese mit einem Mal in den Himmel: das Sta­dion von Sever Mur­mansk. Das Feld ist leer, die Tri­bünen auch. Am Ein­gang hängt ein Schild, Sophia über­setzt: Das Spiel ist auf 18.30 Uhr ver­legt worden. Carlo lächelt.

Im Sta­dion steckt er sich eine an. Eigent­lich raucht er nicht. Doch nun ist es geschafft. Es wäre nicht so tra­gisch gewesen, wenn er nur die zweite Halb­zeit gesehen hätte. Er kramt eine wei­tere Lebens­weis­heit hervor: Der Weg ist das Ziel.“ Zu Beginn der Reise sagte er, dass der Weg auch eine Flucht sei. Dabei fühlt er sich doch wohl in Furt­wangen. Auch wenn er es seltsam findet, dass einige seiner Nach­barn in ihrem Leben noch nie weiter als nach Karls­ruhe gekommen sind. Nun sagt er: Flucht ist falsch.“ Was also dann?

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Geht es darum, die weißen Stellen auf der Land­karte aus­zu­füllen? Viel­leicht. Ist es seine Rast­lo­sig­keit? Ja, auch. Die Unab­hän­gig­keit? Die Frei­heit? Er zieht an der Ziga­rette. Er inha­liert den Rauch nicht, son­dern sam­melt ihn in den Backen, dann öffnet er den Mund und Quell­wölk­chen wehen hinaus. Er nickt. Er sagt: Manchmal fühle ich mich wirk­lich wie der Marl­boro-Mann – nur ohne Pferd.“

Als das Spiel um 18.30 Uhr ange­pfiffen wird, peitscht der Regen von allen Seiten gegen den Bus. Carlo kennt nichts, er geht ins Sta­dion. Dieses Mal klappt der Presse-Trick nicht, er muss umge­rechnet 2,50 Euro zahlen. Auch Sophia, die sonst stets im Bus wartet, kommt mit. Das Sta­dion hat neue Sitz­plätze, sie sind in den Farben der rus­si­schen Natio­nal­flagge gehalten und auf die alten Holz­bänke geschraubt worden. Zwi­schen ihnen wuchert Lavendel. Carlo macht Bilder von einem Strauch. Er wird dabei von ein paar Sever-Ultras beob­achtet, viel­leicht 20 oder 30. Wer ist dieser Mann mit den langen Haaren und dem Foto­ap­parat? Sie ver­su­chen, ein Gespräch zu beginnen. Doch sie können kein Eng­lisch. Und Carlo spricht kein Rus­sisch. Dann fällt der 1:0‑Siegtreffer, und der Fremde jubelt. Er darf bleiben, doch er muss los.

Carlo Far­sang schlägt den Atlas auf, dann zeigt er auf eine Stadt mit dem Namen Tromsø, sie liegt in Nor­wegen und behei­matet den nörd­lichsten Erst­li­ga­klub der Welt, Tromsø IL, der gegen Spit­zen­reiter Stroms­godset IF spielt. Er will hin. Über das Nordkap. 1300 Kilo­meter, Schlag­lö­cher, Elche, Frost. Der Asphalt Cowboy fährt mit dem Finger über die Route auf dem Atlas. Dann steckt er sich noch eine an. Er hat Zeit. Das Spiel ist erst in sechs Tagen.