Ein Schock: Monaco gegen Mar­seille!“, so die Schlag­zeile von Made in Mone­gasque“. Das Fan­blog der AS Monaco meinte damit aller­dings nicht die spek­ta­ku­läre 3:4‑Niederlage der Mone­gassen gegen Olym­pique Mar­seille am ver­gan­genen Wochen­ende, son­dern die Aus­lo­sung des fran­zö­si­schen Pokals. Und die Befürch­tung: Es könnte wieder zu einer ähn­li­chen Nie­der­lage kommen.

Dass die Autoren des Blogs der­maßen klein­mütig, fast schon ängst­lich auf das Los reagieren, hätte vor zwei Jahren noch wie fal­sche Beschei­den­heit gewirkt: Damals gewannen die Mone­gassen die fran­zö­si­sche Meis­ter­schaft und begeis­terten mit einem beein­dru­ckend schnellen Umschalt­spiel und der gefähr­lichsten Offen­sive Europas. Die AS Monaco war im inter­na­tio­nalen Geschäft weitaus gefürch­teter als Olym­pique Mar­seille. In der Cham­pions League besiegte die Mann­schaft um Kylian Mbappé, Thomas Lemar und Radamel Falcao 2017 Borussia Dort­mund und schei­terte erst im Halb­fi­nale an Juventus Turin.

Erneute Krise

Und heute? Monaco steht momentan auf dem vor­letzten Platz der Ligue 1, mit zwei Punkten aus fünf Spielen. Wieder einmal.

Denn auf genau diesem vor­letzten Platz hatte Thierry Henry die Mann­schaft im ver­gan­genen Winter über­nommen, der Meis­ter­trainer Leo­nardo Jardim war ent­lassen worden – nur um drei Monate später nach Henrys Schei­tern erneut im Fürs­tentum anzu­heuern, nachdem Henry kläg­lich geschei­tert war. Mit Mühe und Not konnte er die Mone­gassen auf den 17. Platz führen, zwei Punkte vor dem Rele­ga­ti­ons­platz, drei vor dem direkten Abstieg. Und unend­lich weit ent­fernt vom eigenen Anspruch nach der erfolg­rei­chen Ver­gan­gen­heit.

Cash-Machine“

Dieser Erfolg kam damals nicht von unge­fähr. Seit 2011 pumpte Besitzer Dmitry Rybolovlev den Verein mit üppigen Summen aus der zweiten fran­zö­si­schen Liga an die Spitze des Ober­hauses. Schon bald war er die immensen Inves­ti­tionen aber satt, wes­halb die Mone­gassen eine neue Trans­fer­po­litik begannen: Lieber junge Talente als erfah­rene Stars, sie ohne großen Druck ent­wi­ckeln und für ein Viel­fa­ches an die größten Klubs im Geschäft wei­ter­ver­kaufen. 

Ein Kon­zept, das auf­ging. Ein Bei­spiel: Die 15 Mil­lionen Euro, die Monaco Anfang 2015 an Ben­fica Lis­sabon für den damals 20-jäh­rigen Ber­nardo Silva über­wies, kann sich selbst­ver­ständ­lich nicht jeder Verein leisten. Die Tat­sache aber, dass die Mone­gassen ihn zwei­ein­halb Jahre später für 50 Mil­lionen an Man­chester City wei­ter­ver­kauften, zeigt, wie gut das Geld ange­legt war, und brachte dem Verein den Ruf einer Cash-Machine“ ein. Die Anhäu­fung dieser Trans­fers führte dazu, dass die AS Monaco zeit­weise inner­halb eines Jahres ein Trans­fer­plus von knapp 300 Mil­lionen Euro erzeugte. 

Die Kehr­seite dieser Vor­ge­hens­weise: Nach jeder Spiel­zeit sehen sich die Ver­ant­wort­li­chen im Fürs­tentum mit einem aber­wit­zigen Ader­lass kon­fron­tiert. Alleine nach der Meis­ter­schafts­saison ver­ließen mit Kylian Mbappé, Ber­nardo Silva, Ben­jamin Mendy und Tie­mouié Bakayoko vier über­ra­gende Akteure den Verein, im Fol­ge­jahr waren es unter anderem Thomas Lemar, Fabinho und Joao Mou­t­inho. Zwar gelang es auch ohne Mbappé noch Vize­meister zu werden. Doch diese wie­der­keh­rende Her­aus­for­de­rung brachte Leo­nardo Jardim einmal zu der frus­trierten Aus­sage, ihm wäre zu Beginn seines Enga­ge­ments ein anderes Pro­jekt ver­kauft worden, als immer wieder 18-Jäh­rige zu gestan­denen Profis aus­bilden zu müssen“.

Und aus­ge­rechnet in der kurzen Zeit, in der nicht Jardim, son­dern Henry an der mone­gas­si­schen Sei­ten­linie stand, setzte der Verein in der Panik ob des mise­ra­blen und der­maßen hinter den Erwar­tungen geblie­benen Tabel­len­platzes im ver­gan­genen Winter auf eine Stra­tegie, die dem eigent­li­chen Geschäfts­mo­dell voll­kommen ent­ge­gen­lief: In Cesc Fàb­regas und Naldo holte er zwei erfah­rene Spieler. Naldo sah zweimal in kurzer Zeit die rote Karte, die Erfah­rung von Fàb­regas konnte die Mann­schaft nicht sta­bi­li­sieren. Was mit Henry pas­sierte, ist bekannt.

Eine Frage der Taktik

In diesem Trans­fer­sommer geschah dann das Übliche: Fast 30 Spieler ver­ließen den Verein, einige ältere und nur wenige junge kamen hinzu. Ins­be­son­dere die Defen­sive ist es momentan, die den Ansprü­chen einer Spit­zen­mann­schaft nicht gerecht wird. Mit 14 Gegen­toren in fünf Spielen hat Monaco dop­pelt so viel ein­ste­cken müssen wie Schluss­licht Dijon. In allen bis­he­rigen fünf Par­tien war die Ver­tei­di­gung wegen Ver­let­zungen und Sperren jeweils unter­schied­lich besetzt. 

Doch das will der Trainer nicht als Ursache gelten lassen. Es ist eine Frage der Orga­ni­sa­tion, nicht der Spieler“, sagte Leo­nardo Jardim nach der Partie gegen Mar­seille. Und lenkte damit die Auf­merk­sam­keit auf sich: Taktik ist in erster Linie eine Ange­le­gen­heit des Trai­ners.

Dieses Urteil dürfte er auch mit Blick auf die kurze und erfolg­lose Amts­zeit Thiery Henrys abge­geben haben: Der Fran­zose hatte die Schuld an den kata­stro­phalen Resul­taten in seinen gut 100 Tagen an der Sei­ten­linie immerzu auf die Akteure auf dem Feld geschoben und selten selbst­kri­ti­sche Worte gewählt. Jardim hin­gegen nimmt seine Spieler in Schutz. Am Diens­tag­abend soll er sie zwar zu einer Kri­sen­sit­zung ein­be­rufen haben, in der Mann­schaft sei man aber ziem­lich zuver­sicht­lich, dass wir es besser machen werden“, wie die Sport­zei­tung L’Equipe“ Jardim zitiert.

Par­allel dazu hat Vize­prä­si­dent Oleg Petrov aller­dings nach Infor­ma­tionen von L’Equipe“ in dieser Woche begonnen, die Spieler über den Trainer aus­zu­fragen. Auch die Fan­grup­pie­rung Ultras Monaco 1994“ for­derte nun laut­stark die sofor­tige Ent­las­sung des Por­tu­giesen: Es ist Zeit zu han­deln. Jardim, wir danken Dir für alles, aber es ist Zeit, den Klub zu ver­lassen und die­je­nigen mit­zu­nehmen, die dich beschützen.“

Mit­leid fällt schwer, aber…

Das Spiel bei Stade Reims am heu­tigen Abend könnte Jar­dims vor­erst letzter Arbeitstag bei der AS Monaco sein. Es kur­siert das Gerücht, der Verein bereite schon den Fran­zosen Claude Puel als Nach­folger vor.

Zuge­geben: Es fällt nicht son­der­lich leicht, Sym­pa­thie und, daraus abge­leitet, Mit­leid für einen auf­zu­bringen Verein auf­zu­bringen, dessen Sponsor einer der reichsten Men­schen der Welt ist. Auch in Frank­reich schaut man oft mit Häme ins reiche Fürs­tentum: Dass die Mone­gassen auch im Fuß­ball weniger Steuern zahlen, trifft nicht bei jedem auf Ver­ständnis.

Aber: In den ver­gan­genen Jahren hat kaum ein Verein so zuver­lässig Top­spieler in den Welt­fuß­ball gebracht wie die AS Monaco. Und auch wenn er es selbst nie als seine Auf­gabe ver­standen hat – Leo­nardo Jardim hatte daran stets einen großen Anteil.